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Ärztemangel: Medibus: Die rollende Arztpraxis

Seit einem Vierteljahr wird in Hessen eine rollende Praxis getestet. Der Medibus soll in Regionen mit Ärztemangel helfen. Der Betrieb startete nicht ohne Probleme – erfolgreich ist der Test trotzdem.
Mobile Arztpraxis "Medibus" Foto: Swen Pförtner (dpa) Die mobile Arztpraxis für Ost- und Nordhessen, der „Medibus“, macht in Nentershausen Station.
Sontra. 

Als Heinz Last aus dem Bus steigt, ist er keinen Meter gefahren. Trotzdem ist der 86-Jährige zufrieden. Denn im Medibus wird nicht transportiert, sondern diagnostiziert. Die rollende Arztpraxis ist seit drei Monaten in Ost- und Nordhessen unterwegs. Sie fährt dahin, wo es nur noch wenige oder gar keine Hausärzte mehr gibt. „Natürlich wäre ich lieber in einer richtigen Praxis“, sagt Last, der sich Rezepte für Medikamente abholt. Doch der Bus sei besser als nichts.

Und vor dem Nichts stehen immer mehr Patienten in Hessen. Besonders auf dem Land fehlen die Allgemeinmediziner. In Sontra (Werra-Meißner-Kreis) kämen auf 8000 Bewohner drei Ärzte, sagt Bürgermeister Thomas Eckhardt (SPD). In den umliegenden Orten gibt es teilweise gar keinen Hausarzt mehr. Und die vorhandenen Ärzte würden oft nur noch Notfälle annehmen.

Seit Juli rollt deshalb der Medibus durch Nord- und Osthessen. An vier Tagen in der Woche besucht die rollende Praxis jeweils zwei von sechs am Test beteiligte Gemeinden. Der Arzt im Bus, Matthias Roth, empfängt seine Patienten an diesem Morgen statt im Kittel mit Jacke. Im Bus ist es nicht kalt, aber auch nicht so warm wie in einer Praxis. Trotzdem wirkt der Arzt zufrieden. Die Entscheidung, in der zweijährigen Testphase dabei zu sein, bereue er nicht: „Sonst wäre ich nicht hier.“

Der Betrieb im Bus sei nach drei Monaten in einem Modus, in dem man gut arbeiten könne. Reibungslos lief der Test allerdings bisher nicht: Mal bockte die Klimaanlage, dann stellten sich rollende Hocker als Problem heraus – wenn der Bus abschüssig parkte. Ein anderes Mal musste die Bushaltestelle getauscht werden. Denn damit bei schlechtem Wetter niemand im Freien wartet, wurde ein Standort mit einer beheizten Halle gesucht.

Obwohl sich einige Einwohner bei der Vorstellung des Angebots im Sommer kritisch zeigten, ist der Bus laut der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) mittlerweile gut besucht. Behandelt würden im Medibus im Durchschnitt 34 Patienten pro Tag. 690 Kontakte zwischen Arzt und Patienten wurden im ersten Quartal des Pilotprojekts gezählt. Das entspreche den Zahlen einer durchschnittlichen Hausarztpraxis.

Kritische Situation lindern

Im Medibus arbeiten zwei Arzthelferinnen, ein Fahrer und Roth. Es gibt einen Wartebereich, ein Labor und einen kleinen Behandlungsraum. Die Patienten kommen wegen Bluthochdrucks, Diabetes und anderen typischen Leiden. Roth untersucht, erstellt Diagnosen und macht kleinere chirurgische Eingriffe. Sogar einen Notfall hatte der Medibus schon: Ein Mann hatte seine Mutter wegen eines akuten Herzleidens aus einem Pflegeheim zum Bus gebracht. „Wir mussten die Frau stabilisieren“, erklärt Roth.

Kritik von Patienten am Medibus sei selten. Viele seien froh, das es die rollende Praxis gibt. Und die niedergelassenen Ärzte seien dankbar, dass der Medibus sie entlaste, sagt Bürgermeister Eckhardt: „Der Medibus ist eine Chance, die aktuelle kritische Situation an bestimmten Standorten zu lindern.“ Währenddessen baue Sontra mit anderen Gemeinden ein interkommunales Gesundheits-Vorsorge-Zentrum auf. Doch dass es irgendwann in jedem Ort einen Arzt gibt, glaubt er nicht. Die Erwartungen der Bevölkerung seien riesig – aber kaum aufrechtzuerhalten. So sieht es auch die Kassenärztliche Vereinigung. 600 000 Euro gibt sie für ihr Pilotprojekt in den zwei Jahren aus.

Neuen Hausarztpraxen stehe der Versuch nicht entgegen. Die Region, in der der Bus unterwegs ist, sei als offen eingestuft. Das bedeutet: Bis zu sieben Mediziner können sich dort niederlassen – sofern es Interessenten gibt. Trotz Anreizen wie Zuschüssen sei der Ärztemangel aber längst in Hessen angekommen. 171 freie Hausarztstellen gibt es in dem Bundesland.

Für die Deutsche Bahn (DB), die den Bus zum Medibus umgebaut hat, haben die mobilen Praxen daher Zukunft. Es existiere bereits ein zweiter Medibus in Berlin, der für mobile Gesundheitsuntersuchungen genutzt werde. Ein weiteres Fahrzeug sei im Bau. Auch Unternehmen hätten schon nach solchen Bussen gefragt, beispielsweise für ihre Betriebsarzt-Einsätze.

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