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Gemeinnütziger Verein hilft Hennen: Mehr als 1000 Hühner aus der Legebatterie gerettet

Von Helfer des Vereins „Rettet das Huhn“ haben mehr als 1000 Hühner aus einem Legebetrieb geholt und vor dem Schlacht-Tod bewahrt. Mehr als 200 Hühner gingen an hessische Privatleute.
Bilder > Parkplatz Staufenburg-Ost an der A 45: Transportkisten werden ausgeladen, in jeder zehn Hühner, die aus einem Legebetrieb in Bayern kommen und nun bei Privatbesitzern ein zweites, artgerechtes Leben bekommen sollen, statt geschlachtet zu werden. Die Abholer warten schon.
Münzenberg. 

Ein Sonntagmittag im Dezember. Auf dem Rastplatz Staufenburg-Ost an der A 45 sammeln sich neben den Lastwagen nach und nach mehr als 20 Autos. Die Fahrer und Insassen kennen sich nicht. Die ersten steigen aus. Man geht aufeinander zu: „Auch wegen der Hühner hier?“ Ja, genau. Aus Mainz, Aschaffenburg, Hanau, Gießen, Friedberg, dem Main-Spessart-Kreis und dem Westerwald sind Menschen auf den Rastplatz gekommen, um Hühner in Empfang zu nehmen, die Stunden zuvor noch in einem Legebetrieb gesessen haben. Staufenburg ist einer von 16 Parkplätzen in Süddeutschland, auf dem an diesem Tag Hühner Herrchen bekommen.

Auf den ersten Blick sieht alles nach einem konspirativen Treffen aus. Doch die Aktion ist legal, gut organisiert und zügig geplant. Die Drahtzieher sind an Öffentlichkeit interessiert. Denn nur in der Öffentlichkeit finden sie Unterstützer für ihre gute Sache. Ralf Eis und seine Tochter Michelle aus Bodenheim sind solche Unterstützer. „Wir haben schon einmal Hühner aufgenommen“, erzählt er in die Runde. Die meisten sind „Ersttäter“ und dankbar, sich austauschen zu können. Darüber, dass die Hühner Mäntelchen brauchen, falls es kalt ist, dass bei vielen die empfindlichen Schnäbel coupiert sind und sie Probleme haben werden, Körner aufzupicken, und dass die Hühner in erbärmlichem Zustand sein werden, mit Löchern im Federkleid und Wunden auf der Haut. „Das ist Bodenhaltung“, sagt eine Hühnerretterin und zeigt auf ihrem Handy schockierende Bilder herum. Die Hühner sitzen in 1,60 Meter hoch gestapelten Käfigen auf kleinsten Raum, dünne Metallgitter unter den geschundenen Füßen in künstlicher Beleuchtung. 45 Millionen Hühner leben in Deutschland unter solchen Bedingungen. Aus solchen engen Verließen kommen die Hühner, auf die die Menschen auf dem Parkplatz warten. Während die Abholer noch in den Betten gelegen haben, haben die ehrenamtlichen Helfer des Vereins „Rettet das Huhn“ mit der Ausstallung der Legehennen begonnen. Immer gegen 4 Uhr gehen sie mit den Stirnlampen auf dem Kopf in die Ställe, nehmen vorsichtig Huhn für Huhn auf, setzen sie in Transportkisten, verladen sie auf Lastwagen.

Tod nach 15 Monaten

Der Legebetriebbetreiber hilft oder nicht. Auf jeden Fall hat er der Aktion zugestimmt. Seine Hühner haben „ausgedient“. Mit etwa 15 Monaten kommen Hühner in die Mauser, legen sechs Wochen keine Eier, fressen aber. Das ist den Betrieben zu teuer. Für gewöhnlich werden „ausgediente“ Hühner auf Lastwagen verladen und in Schlachtbetriebe gefahren. Der Verein „Rettet das Huhn“ bemüht sich darum, Hühnerbetriebe dazu zu bewegen, die Hühner ihm zu überlassen, um den Tieren ein zweites, artgerechtes Leben zu ermöglichen.

In dieser Nacht ist die Arbeit für die Helfer besonders schwierig. 5000 Hühner waren acht Wochen zuvor zur Ausstallung angekündigt worden – diese Menge ist schon kaum zu vermitteln. Nun wurde der Schlachttermin vorverlegt, und der Verein hatte weniger Zeit für die Vermittlung.

Info: Mehr als 34 000 Tiere vermittelt

„Rettet das Huhn“ agiert seit diesem Jahr als gemeinnützig anerkannter Verein und hat inzwischen 34 666 Hühner vermittelt. Die Organisation wurde Ende 2007 auf Initiative von Katja Tiepelmann gegründet,

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So liegt ein bedrückender Schatten über der Arbeit. „Die sichere Gewissheit, dass wir nur eine kleinen Teil retten können. Wir wussten, dass der Tag der Rettung kommen würde und mit ihm der Moment, in dem sich die Türen hinter uns schließen und wir gehen müssen – unsere Boxen gefüllt mit denen, die wir ins Leben bringen dürfen, und hinter den Türen jene, die wir zurücklassen müssen...“, schildert Ellen Ernst von „Rettet das Huhn“ die emotionale Achterbahnfahrt.

Als sie auf dem Rastplatz ankommt, ist sie seit mehr als zwölf Stunden auf den Beinen. Auf dem Lastwagen stehen Körbe mit einigen der insgesamt 1349 Hühner, die die Retter innerhalb von drei Stunden eingesammelt haben. Die Abholer stehen mit Transportboxen bereit, unterschreiben Schutzverträge, wer möchte, gibt eine Spende. Die Hühner sind gestresst. Sie blicken ängstlich aus den Boxen. Sie sind zum ersten Mal im Tageslicht, kennen kein Körnerfutter, keine Wiese, kein Gras, sind oft kahlgepickt und in einem bemitleidenswerten Zustand. Ihr „Pook, Poook“, klingt sorgenvoll. „Die sehen sogar noch ganz gut aus“, sagt Ellen Ernst. „Nach dem Sommer, wenn die Mauser rum ist, haben sie ein wunderschönes Federkleid und sind ganz stolz“, stellt Michelle Eis in Aussicht.

„Schau mal, Stroh!“

Ellen Ernst beginnt, ein Huhn nach dem anderen in die Boxen der Abholer umzusetzen. „Ich habe doch gesagt, dass alles gut wird“, flüstert sie einer Henne hinterher und freut sich für die Tiere über die Ausstattung eines Transportkorbes: „Schau mal, Stroh – zum ersten Mal“, sagt sie, während sie ein Huhn absetzt. Ralf und Michelle Eis nehmen ihre beiden Hühner direkt auf den Arm. „Die werden ganz zutraulich. Die sind so dankbar“, berichten sie aus Erfahrung und treten die Heimfahrt an. „Wir retten Hunde, wir retten Katzen, warum sollen wir nicht auch Hühner retten?“, sagt Stefanie Schütze vom Verein Arche Noah Tierschutz im Westerwald, die Vereinsmitglieder ermuntert hat, Hennen aufzunehmen.

Nach einer Stunde sind alle Hühner verteilt. Zehn Stück gehen zu „Tiere in Not“ im nordhessischen Oberaula. Während der etwa einstündigen Autofahrt machen sie keinen Mucks. Dann, endlich, Ankunft im Hühnerhaus. Die Tiere staksen zaghafte über das Stroh, beäugen verwundert die Rotlichtlampe und wissen mit der Hühnerstange nichts anzufangen. Anfangs drängeln sie sich verängstigt in eine Ecke des Häuschens. Bis es Futter gibt. Am nächsten Morgen hören die Hühner zum ersten Mal Vögel zwitschern und reagieren verdutzt, während die Sonne durch des Stallfenster scheint. Ein neues Leben beginnt.

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