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Spezielle Kurse des Deutschen Alpenvereins: Mit Handicap in der Kletterhalle

Klettern begeistert nicht nur durchtrainierte Athleten. Auch immer mehr Menschen mit Handicap zieht es in Kletterhallen - unter ihnen Freizeitsportler mit Multipler Sklerose oder Querschnittsgelähmte.
Maxim bei einer Aufwärmübung mit bunten Tüchern. Bilder > Foto: Andreas Arnold (dpa) Maxim bei einer Aufwärmübung mit bunten Tüchern.
Wiesbaden.  «Sehr gut, Arno, den rechten Fuß noch ein bisschen höher», ruft Gruppenleiterin Anna-Lena Würbach. Sie legt den Kopf in den Nacken und schaut dem grauhaarigen Mann hinterher. In der Kletterhalle «Wiesbadener Nordwand» ist es laut, irgendwo läuft Musik. Der Mann, der nur Arnold genannt werden möchte, ist hochkonzentriert. Er klammert sich an die Griffe über seinem Kopf, der linke Fuß ruht auf einem Tritt. Das rechte Bein sucht nach Halt, schwingt hin und her. Dann dreht der 67-Jährige seinen Unterkörper, zieht sich nach oben und ist am Ziel, gut zwölf Meter über dem Boden.

Man könnte meinen, hier sei ein Anfänger am Werk, der sich noch unsicher an der Wand bewegt. Doch dann fällt der Blick auf den Rollstuhl, in den sich Arnold, der aus der Nähe von Wiesbaden kommt, nach seiner Kletterpartie erschöpft fallen lässt. Seit 25 Jahren hat er Multiple Sklerose. Und seit gut einem Jahr trifft er sich mit bis zu elf anderen Erwachsenen. Immer freitags hangelt sich die Gruppe «hoch hinaus» der Sektion Wiesbaden des Deutschen Alpenvereins (DAV) an den Wänden der «Wiesbadener Nordwand» entlang - um Spaß zu haben und sich auszupowern.

Fast wie über den Wolken, wo die Freiheit wohl grenzenlos ist: Annika Böttcher beim Klettern im Hallendach.
Projekt Junge Zeitung Klettern als Sport: Grenzen findet nur, wer danach sucht

Die Vorfahren der Menschen beherrschen es in Perfektion. Klettern wie ein Affe ist das Ziel in einer Sportart, die immer mehr Zuspruch erfährt. Der Versuch einer Annäherung an den Facettenreichtum des Kletterns.

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Nach Angaben des DAV gibt es in Deutschland spezielle Gruppen etwa für Menschen mit Multipler Sklerose, aber auch inklusive Gruppen, in denen Sportler mit und ohne Behinderung gemeinsam klettern. In Wiesbaden kraxeln nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder mit unterschiedlichsten Behinderungen. Hessenweit existieren innerhalb des DAV noch Parakletter-Gruppen - also Klettergruppen für Menschen mit Behinderungen - in Frankfurt, Kelkheim, Fulda und Darmstadt. Wie viele behinderte Menschen tatsächlich klettern, lässt sich schwer beziffern. Manchmal machen sie auch einfach so in einer Gruppe mit.

Die Leiterin des Kletterprojekts, Anna-Lena Würbach, unterstützt ein Kind in der Wand. Bild-Zoom Foto: Andreas Arnold (dpa)
Die Leiterin des Kletterprojekts, Anna-Lena Würbach, unterstützt ein Kind in der Wand.
«Das Klettern baut die Muskeln auf, das hilft nicht nur bei Multipler Sklerose, sondern zum Beispiel auch Schlaganfall-Patienten», erklärt Würbach. Sie könnten sich dank des Trainings im Alltag wieder sicherer bewegen. Arnold nickt bestätigend. «Ich wollte es einfach mal ausprobieren», sagt er. «Ich bin nie zuvor in meinem Leben eine Wand hoch gegangen.» Zu Beginn seines Trainings musste noch ein Helfer neben oder unter ihm klettern. Der Partner setzt die Füße um und hält sie fest, damit sie nicht wegrutschen. Der Kletterer selbst zieht sich dann mit den Armen hoch. «Das wurde aber Stück für Stück besser», sagt Arnold. «Jetzt bewege ich mich alleine.»

"Selbstvertrauen wächst mit jeder Stunde"

Würbach erklärt: «Wir bieten keine Therapie, auch wenn es natürlich einen therapeutischen Effekt hat.» Die 28-Jährige gründete die Wiesbadener Gruppe, nachdem sie beim privaten Klettern in Kelkheim Kindern mit Handicap begegnet war. Die Sportwissenschaftlerin ist fasziniert von den Möglichkeiten, die der Sport bietet. «Das Selbstvertrauen wächst mit jeder Stunde», sagt sie. Für manche Kinder sei es wichtiger, den anderen zu helfen und sie zu sichern als selbst nach oben zu gelangen. «Das fördert das Vertrauen und die Teamfähigkeit und verbessert das Selbstwertgefühl.» Würbach weiß, wovon sie spricht. Zum Abschluss ihres Studiums schrieb sie ihre Bachelorarbeit über das Potenzial einer Klettertherapie. 

Die ehrenamtliche Helferin Andel Glock legt mit Unterstützung von David (l) Maxim (m) das Kletterseil an. Bild-Zoom Foto: Andreas Arnold (dpa)
Die ehrenamtliche Helferin Andel Glock legt mit Unterstützung von David (l) Maxim (m) das Kletterseil an.
Mit der Zeit haben sich Würbach und ihr Team Tricks und Kniffe für ihre Gruppen erarbeitet - zum Beispiel zusätzliche Griffe und Tritte. Eine zwölf Meter lange Route besteht normalerweise aus 25 bis 30 Klettergriffen. Die «hoch hinaus»-Gruppen nutzen mindestens 75. Der Abstand zwischen den einzelnen Haltepunkten ist geringer. Kinder und Erwachsene können leichter danach greifen oder ihre Füße platzieren.

Dafür müssen sich die Helfer wie Würbach und Jens Eisenkrämer mächtig ins Zeug legen. Eisenkrämer hat einen Hüftgurt an und ist über ein spezielles, extra starkes Seil mit Miro verbunden, der in der Kindergruppe klettert. «Sobald ich sehe, dass er Schwierigkeiten hat, bringe ich mehr Zug auf das Seil», erklärt Eisenkrämer. «Wenn Miro seinen Fuß gesetzt hat, lasse ich wieder locker, dann kann er sich aus den Armen hochziehen.»

Miro macht gerade auf etwa vier Metern Höhe eine kleine Pause. Er hat eine spezielle Technik entwickelt. Am Boden bewegt er sich mit einer Gehhilfe, auf die er sich stützt. An der Kletterwand kann er seine Beine nicht aus eigener Kraft bewegen. Also lässt er sich in den Gurt um seine Hüften sinken. Mit einer Hand hält er sich fest. Dann packt er seine Hose mit der anderen Hand und zieht daran - so lange, bis er den Fuß mit etwas Schwung eine Etage höher aufsetzt. «Die neue Route ist einfach toll», sagt der 19-Jährige. «Das macht so Spaß.»

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