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Wegen Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus: Morddrohungen und Psychoterror - Vereinsvorsitzender packt aus

Wegen seines Engagements gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus wird Andreas Goerke mutmaßlich von Rechten terrorisiert. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen einer heftigen Bedrohungskampagne gegen den Aktivisten. Die ist kein Einzelfall.
Andreas Goerke hält einen Brief in der Hand, mit dem sein Sohn mit Mord bedroht wird. Foto: Jörn Perske (dpa) Andreas Goerke hält einen Brief in der Hand, mit dem sein Sohn mit Mord bedroht wird.
Fulda.  Prügel, ja, die seien ihm schon mal angedroht worden. «Aber das hier hat eine andere Dimension», sagt Andreas Goerke aus Fulda sichtlich geschafft. Von Beruf ist er Gewerkschaftssekretär bei der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). In seiner Freizeit ist er Vorsitzender des Bündnisses «Fulda stellt sich quer» - ein Verein, der unter anderem gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus kämpft. Und als politisch links gerichteter Menschenrechtsaktivist sieht sich nicht nur Goerke (53), sondern auch seine Frau (46) und sein Sohn (17) einer üblen Kampagne mit Bedrohungen, Pöbeleien und Psychoterror ausgesetzt. Die Staatsanwaltschaft Fulda ermittelt, wie Sprecher Harry Wilke der Deutschen Presse-Agentur sagte.

Weil das Szenario so heftig ausgeufert ist, wagt Goerke nun den Schritt an die Öffentlichkeit. Für Donnerstagabend hat er zu einer Pressekonferenz eingeladen und will berichten, was ihm und seiner Familie zuletzt widerfahren ist. Es fing alles vergleichsweise harmlos an. Seit mehr als einem Jahr werde er von diversen gefälschten Facebook-Profilen aus beleidigt. Absender sind Goerke zufolge offensichtlich Rechtsradikale. Ihnen könnte missfallen, dass Goerke mit der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano Veranstaltungen in Fulda machte, um auf die Verbrechen der Nazi-Diktatur hinzuweisen. Ihnen könnte missfallen, dass er sich mit Mitstreitern vor Ort gegen geplante AfD-Versammlungen richtet - und einiges mehr.

Nach den Beleidigungen ging es laut Goerke weiter mit Telefon-Terror. Die Goerkes mussten sich eine neue Festnetznummer zulegen. Es folgten säckeweise nicht bestellte Kataloge, Bücher, Kontaktmagazine, Pornohefte und andere Waren. Anfang Februar fuhr eine ganze Kolonne Feuerwehrwagen vor Goerkes Haus vor. Ein anonymer Anrufer hatte einen Brand gemeldet, den es gar nicht gab. Während dieses Einsatzes seien über ein halbes Dutzend Pizzaboten angekommen und hätten Waren im Wert von einigen Hundert Euro geliefert.

Einige Tage später umzingelten Polizisten mit gezückten Waffen das Haus der Familie. Vorher hatte sich ein Anrufer bei der Polizei gemeldet, der sich als Andreas Goerke meldete und beichtete, gerade seine Frau umgebracht zu haben. Die Verleumdung ließ sich schnell entkräften, weil Goerkes Frau bei der Polizeiaktion zu Hause war.

An Goerkes Frau Manuela ging auch ein anonymer Brief - mit einer Morddrohung gegen ihren Sohn. «Dein Sohn Lucas ist tot!!!» Er wird als «Dreckssohn eines linksradikalen Kommunisten» bezeichnet. Goerke selbst sieht sich als «Antifaschisten und Marxisten». Er ist nach eigener Aussage langjähriges Mitglied der DKP, der Deutschen Kommunistischen Partei. Die 1968 gegründete Partei ist im Visier des Verfassungsschutzes.

Goerke musste die Drohbriefe bei der Polizei abgeben. Er hat nur noch Fotos davon. Er glaubt, dass die Kampagne aus dem rechten Milieu gesteuert wird. Sie hat Spuren hinterlassen. «Dieser Psychoterror der vergangenen Wochen war die Hölle. Meine Familie hat es zeitweise massiv mitgenommen. Aber vor allem unser Sohn ist sehr tapfer und geht sachlich mit der Situation um.» Goerke gibt sich kämpferisch: «Wir wollen uns nicht zermürben lassen. Wir bekommen viel Zuspruch aus unserem Umfeld und darüber hinaus.» Er wolle das Signal setzen, dass jeder ähnliche Bedrohte aufstehen und sich wehren solle.

Der Fuldaer Fall ragt im Vergleich zu anderen Bedrohungsszenarien gegen Einzelpersonen heraus. Das Polizeipräsidium Mittelhessen etwa kennt Fälle, in denen es um Beleidigung und Sachbeschädigung geht, allerdings teils auch um Körperverletzung.

«Das ist in dieser Heftigkeit schon etwas Besonderes», sagt Malte Lantzsch vom Mobilen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus und für demokratische Kultur in Hessen. Die Beschimpfungen und Verunglimpfungen von rechts hätten in Hessen zugenommen. Vor allem in der Anonymität des Internets sei die Hass-Rede immer präsenter. «Und die Akteure stammen nicht vom Rand der Gesellschaft, sondern es ist ein Extremismus der Mitte.»

Auch Kommunalpolitiker geraten zunehmend in das Visier Rechtsextremer. Prominentes Beispiel in Hessen ist der Fall Erich Pipa. Der scheidende SPD-Landrat bekam wiederholt Post von Unbekannten. Für seine gegenüber Flüchtlingen freundliche Politik und seine praktizierte Willkommenskultur wurde er wiederholt übel beschimpft. Auch Todesdrohungen bekam er. Der Sozialdemokrat erhielt zeitweilig Polizeischutz. Die andauernden Bedrohungen waren auch Grund dafür, warum der 68-Jährige vor kurzem nicht wieder als Landrat kandidierte.

(dpa)

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