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Prozess: Mordfall Johanna Bohnacker: Das geheime Leben des Rick J.

Hunderte toter Fliegen lagen auf dem Boden, Lebensmittel schimmelten vor sich hin – Rick J. lebte in einer vermüllten Wohnung. Nachdem er im Mordfall Johanna Bohnacker als Verdächtiger ins Visier der Ermittler geraten war, wurde sein Appartement durchsucht. Die Polizei berichte jetzt vor Gericht, wie katastrophal die Zustände dort waren.
Im Prozess um den Mord an Johanna vor dem Landgericht Gießen steht der Angeklagte Rick J. im Blitzlichtgewitter - seine lange verborgenen Missbrauchsfantasien kommen nun ans Licht.
Gießen. 

Etwa 38 Quadratmeter groß und von oben bis unten vermüllt. So beschreiben Polizisten die Wohnung von Rick J. Der heute 42-Jährige war im Alter von 17 Jahren in das Wohnhaus im Gewerbegebiet in Friedrichsdorf (Hochtaunuskreis) eingezogen und hatte dort gelebt, bis er im Oktober 2017 festgenommen wurde. Inzwischen wird ihm der Prozess gemacht: Er soll 1999 die damals achtjährige Johanna Bohnacker aus Ranstadt (Wetterau) entführt, missbraucht und getötet haben. J. stellt den Tod des Mädchens als Unfall dar. Johanna erstickte, ihr waren 29 Lagen Klebeband um den Kopf gewickelt worden.

Am sechsten Verhandlungstag am Gießener Landgericht sagten gestern drei Polizisten aus. Zwei von ihnen waren dabei gewesen, als J.’s Einzimmerwohnung durchsucht worden war. Rick J. hatte im August 2016 in einem Maisfeld bei Nidda bei Sexspielen eine 14-Jährige gefesselt, ihr Gesicht mit Klebeband beklebt und sie gefilmt. Dabei wurde er von einem Jagdpächter beobachtet. Der Jäger wandte sich an die Polizei, die Ermittler wurden hellhörig, Parallelen fielen auf, die Sonderkommission Johanna wurde ins Leben gerufen.

Stricke und Seile

„Seine Wohnung war stark verschmutzt, man konnte sich nicht vorstellen, dass dort jemand lebt“, berichtete nun ein 44-jähriger Ermittler der Wetterauer Kriminalpolizei. Ein „Trampelpfad“ habe zum Bett geführt, auf dem ein Laptop gestanden habe. „Die Matratze war verdreckt und zerrissen“, am Bett habe man etwas Amphetamin gefunden, überall in der Wohnung sollen Stricke und Seile gelegen haben. Auf dem Dachboden habe man Klebeband und weitere Kordeln gefunden. Die Ermittler stellten zudem Kinderkleidung sicher.

Direkt nach seiner Festnahme wurde die Wohnung des gebürtigen Wetterauers erneut durchsucht. „Sie war in einem katastrophalen Zustand“, berichtete ein 45-jähriger Polizist im Zeugenstand. „Im Kühlschrank gab es nur noch verschimmelte Lebensmittel.“ Hunderte toter Fruchtfliegen hätten auf dem Boden gelegen. „Es roch nach einer Mischung aus Fäulnis, nicht gelüftet, Zigarettenrauch und Schweiß“, erinnerte sich der Ermittler.

Intensive Durchsuchung

Damit man das draußen nicht merke, sei die Eingangstür von innen mit Klebeband abgedichtet gewesen. „Überall lagen Sexspielsachen verteilt, außerdem angebrochene Tuben Gleitgel“, erinnerte sich der Zeuge. Die Ermittler fanden 7500 Euro, jede Menge Briefe und Auto-Sitzbezüge. Von letzteren sollen auch die Fasern auf dem Klebeband stammen, mit dem Johanna Bohnacker geknebelt worden ist.

Auf den sichergestellten Festplatten und USB-Sticks fand die Polizei sieben Terrabyte Daten. „Zwei Drittel sind inzwischen ausgewertet“, sagte ein 31-jähriger Polizist. Laut aktuellem Stand habe man über 3000 kinderpornografische Fotos und 236 Filme gefunden. Browser- und Chatverläufe seien gesichert worden. Rick J. habe mehrfach Homepages besucht, die sich mit dem Verschwinden und dem Tod von Johanna Bohnacker beschäftigten. Man habe „auffällige Literatur“ gefunden, mit dem Titel „Der Mädchenfänger“ oder „Der Kindersammler“, in denen es um entführte und getötete Kinder gehe.

Außerdem gebe es rund 100 Filmdateien, die Rick J. zeigten. Etwa dabei, wie er „sexuelle Handlungen“ an sich selbst vornehme. „Manchmal spricht er, verkündet Missbrauchsfantasien.“ Die Prozessbeteiligten sahen sich einige der Videos an. Zuschauer des Gerichtsverfahrens sahen die Filme nicht, hörten aber teilweise Geräusche und Gesprächsfetzen.

Auch ein sichergestellter Kinderporno wurde gezeigt. Eine junge Juristin schlug mehrfach die Hände vor dem Gesicht zusammen, konnte kaum hinsehen. J. schüttelte den Kopf. „Ich habe diese Datei nie gesehen, die konnte man nicht abspielen“, sagte er. Die Mutter von Johanna Bohnacker, die im Verfahren als Nebenklägerin auftritt, sah sich die Filme nicht an, verließ den Saal. Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

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