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Banker auf neuen Wegen: Näher am normalen Leben

Von Nach ihrer Kündigung stand die erfolgreiche Bankerin Sabine Lehmann-Remshagen erst einmal unter Schock. Doch dann versuchte sie, alles zu tun, was sie immer schon mal machen wollte.
Foto: Rainer Rüffer In ihrer „Weinliebe“ serviert Sabine Lehmann-Remshagen ihren Gästen gern etwas – oder verkauft die Flaschen im Weinladen.
Bad Vilbel. 

Liebevoll steckt Sabine Lehmann-Remshagen eine einzelne Rose in jede Flasche, die als kleine Vase dient. „Heute ist hier eine Geburtstagsfeier, da soll alles hübsch aussehen“, betont sie. Das Ambiente ist ihr wichtig: Die Blumen passen zu den auberginefarbenen Wänden und den dunklen Holzmöbeln in ihrer gemütlichen Weinbar, Vinothek und Weinhandlung. „Es ist eben ein Mädelsladen“, sagt die 52-Jährige schmunzelnd über ihre „Weinliebe“.

Hier, am Marktplatz von Bad Vilbel, hat sich die frühere Bankerin einen Traum erfüllt, den sie von kleinauf hatte. „Ich wollte schon als Kind in die Gastronomie, habe in jeder Kneipe die Gläser abgeräumt und weggetragen“, erinnert sie sich. Doch erst einmal kam es anders.

Einst Direktorin

Weil die Eltern wollten, dass sie „etwas Anständiges“ lernte, studierte die gebürtige Stuttgarterin Betriebswirtschaft mit Fachrichtung Bankwesen – auch wenn sie immer nebenbei in Lokalen jobbte.

Nach dem Studium fing sie bei einem US-Broker in Frankfurt an, die nächsten Stufen auf der Karriereleiter führten sie zur Dresdener Bank, zu SHM (Schröder, Münchmeyer, Hengst &. Co.) und zur BHF-Bank. „Bei der BHF-Bank war ich eine von zwei weiblichen Direktorinnen“, erzählt sie, „da ging es nicht mehr viel weiter nach oben.“

Doch dann kam die Finanzkrise – und Sabine Lehmann-Remshagen verlor ihren Job. „Erst einmal war es ein großer Schock“, räumt sie ein. „Ich fand es sehr unfair.“ Plötzlich hatte sie zwar alle Zeit, von der sie vorher immer geträumt hatte, „aber es fehlte die Struktur“. Da habe sie sich an das erinnert, was sie immer schon einmal machen wollte: „Eine neue Sprache lernen, ins Ausland gehen, mich in einem sozialen Projekt engagieren.“

Um all das zu vereinbaren, ging sie mit TravelWorks drei Monate nach Chile und arbeitete dort als Deutschlehrerin. Eine schicksalhafte Entscheidung – denn in der Region 200 Kilometer von Santiago, in der sie lebte, war gerade Weinernte. „Da habe ich entdeckt, was ich machen will“, erinnert sie sich. „Ich habe mich entschieden: Wenn ich zurückkomme, mache ich eine Weinhandlung auf.“

Viele Lernprozesse

Das war nicht so leicht getan wie gesagt – erst musste das richtige Lokal gefunden, der Vermieter musste vom Businessplan überzeugt werden. Diesen Plan erstellte sie zusammen mit ihrem Mann, der heute noch Banker ist. „Einer muss ja das Geld verdienen“, lacht sie. Und ganz ernst ergänzt sie, wie wichtig ihr auch seine emotionale Unterstützung ist: „Wenn er dagegen gewesen wäre, hätte ich alles hinschmeißen müssen. Schließlich bin ich abends und am Samstag nicht zu Hause.“

Er habe jedoch auf ihre Idee sehr positiv reagiert. „Das ist besser, als wenn Du einen Dekorationsladen aufmachst“, habe er gesagt, „wenn das mit dem Weinladen schiefgeht, haben wir wenigstens genug zu trinken.“

Als sie im Oktober 2010 das Lokal eröffnete, betrat sie trotz aller Vorbereitungen Neuland. Einige Entscheidungen von damals würde sie heute anders fällen. „Mir wurde zum Beispiel ein teures Kassensystem empfohlen, das ich gar nicht brauche“, erklärt sie, „dafür wäre eine größere Spülmaschine besser gewesen“.

Bei den Weinen wählt sie die von kleinen Winzern und oft aus Regionen, zu denen sie einen Bezug hat – Württemberg und Chile zum Beispiel. Aber auch beim Angebot gab es Lernprozesse. „Manche Weine waren dann doch nicht so gefragt.“

Inzwischen aber hat sie gelernt, was die Kunden wollen – und wann. „Wenn ein Fußballspiel läuft, kommen auch wenige Frauen, weil der Mann zu Hause nicht auf die Kinder aufpassen kann“, hat sie erfahren. Insgesamt aber läuft der Laden gut, sie hat viele Stammkunden, an deren Leben sie teilnimmt. „Die Leute mit einem ähnlichen Weingeschmack wie ich denken oft auch ähnlich“, hat sie festgestellt.

Weil das Standesamt gegenüberliegt, kommen viele frischgebackene Ehepaare zum Sektempfang zu ihr. Auch eine Beerdigungsgesellschaft war schon zu Gast. Sie wollte das tun, was der Verstorbene gern gehabt hätte – er hatte als Stammkunde in der „Weinliebe“ gern Flammkuchen, Leberwurstbrot und natürlich den Rebensaft genossen.

Dass sie näher an den Menschen ist als in ihrem früheren Job gefällt Lehmann-Remshagen besonders gut. „Über meinen Mann habe ich noch Kontakt zu Bankern. Und manchmal wundere ich mich, worüber die sich unterhalten“, räumt sie ein. „Die merken gar nicht, dass es um sie herum noch ein normales Leben gibt.“

Natürlich habe sie das hohe Gehalt damals auch gern eingestrichen. Inzwischen aber frage sie sich, ob das im Vergleich mit dem anderer Berufe verhältnismäßig ist. „Ich werde hier nicht reich, muss viel arbeiten und habe in fünfeinhalb Jahren nur zwei Tage wegen Krankheit gefehlt“, betont sie, „aber dafür lächele ich jetzt bei der Arbeit oft vor mich hin.“

Am Anfang sei sie noch unglücklich gewesen, wenn die Zahlen mal nicht stimmten. „Aber jetzt weiß ich, es gibt gute und schlechte Tage. Und gute Tage machen sich daran fest, dass die Leute rausgehen und glücklich sind.“

Mehr Infos unter www.weinliebe/net

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