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Neuer Anlauf für Silke Tesch

Von Silke Tesch, die Frau, die bei der Ministerpräsidentenwahl 2008 Andrea Ypsilanti (SPD) ihre Stimme verweigerte, will nun Bürgermeisterin in der Gemeinde Breidenbach bei Marburg werden. Nachdem der SPD-Ortsverein sie nicht unterstützte, tritt die ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete nun als unabhängige Kandidatin an: ausgerechnet gegen einen SPD-Mann.

Bürgermeisterwahlen in 6800-Seelen-Gemeinden treffen gemeinhin nicht auf sonderlich großes Medieninteresse. Bestenfalls interessiert sich die Lokalpresse für das Ereignis. In Breidenbach im Kreis Marburg-Biedenkopf ist das nun anders. Dort wird morgen für den scheidenden Bürgermeister Werner Reitz ein Nachfolger gewählt.

Reitz ist 63 Jahre alt und möchte nach zwölf Jahren aufhören. Er ist ein SPD-Mann, so wie seit 1945 alle Bürgermeister in Breidenbach von den Sozialdemokraten gestellt wurden. Und ausgerechnet Sozialdemokraten sind es, die nun Unruhe in die lange politische Erfolgsgeschichte der Ortspartei bringen – bei der letzten Kommunalwahl kam die SPD dort auf 43,5 Prozent der Stimmen. Genau genommen ist es Silke Tesch, die 54-Jährige – inzwischen keine Sozialdemokratin mehr – die schon vor vier Jahren bundesweit für Aufregung gesorgt hatte, weil sie der damaligen SPD-Kandidatin für die Ministerpräsidentenwahl Andrea Ypsilanti gemeinsam mit drei anderen Sozialdemokraten ihre Stimme verweigerte, damit ihre Wahl verhinderte und die Machtübernahme der SPD in Hessen.

Seither gilt Silke Tesch als Rebellin – weil sie Ypsilanti Wortbruch vorwarf, die vor der Landtagswahl versprochen hatte, nicht mit den Linken kooperieren zu wollen und die die Linken aber dann, nach der Wahl, gemeinsam mit den Grünen für eine Koalition ins Boot holen wollte.

Soweit war Ruhe

Jetzt gilt Silke Tesch wieder als Abweichlerin. Die Aufregung um die Landtagswahlen hatte sich inzwischen gelegt. Silke Tesch hatte sich erfolgreich gegen ein Parteiausschlussverfahren gewehrt, musste aber eine Rüge der Bundesschiedskommission hinnehmen und wurde im April 2012 mit einem 18-monatigen Funktionsverbot belegt.

Soweit war also Ruhe eingetreten. Bis zu dem Tag, als es im Ortsverein um die Bürgermeisterwahl in Breidenbach ging. Tesch ging davon aus, dass sie vom Ortsverein als Bürgermeisterkandidatin aufgestellt wird, immerhin habe sie deutliches Interesse geäußert, bei der Kommunalwahl für die SPD die meisten Stimmen eingeheimst, und sie sei schließlich kompetent. Doch im Ortsverein schätzt man sie als politisch unkalkulierbar ein und stand ihrer Kandidatur mit moralischen Bedenken gegenüber. Der SPD-Ortsverein wählte mit überwältigender Mehrheit den Anwalt Christoph Felkl zum Bürgermeisterkandidaten, einer, mit dem Tesch ein freundschaftliches Verhältnis verband, dessen Chefin sie sogar einst war.

Tesch fühlte sich hintergangen und entschied Anfang des Jahres, nun eigene Sache zu machen. Aus der Lokalpresse erfuhr die SPD, dass Tesch nun selbst als unabhängige Kandidatin für die Wahl zum Bürgermeisteramt antreten will – gegen den freundschaftlich verbundenen Felkl und gegen die eigene Partei – ein Affront. Nachdem Tesch daraufhin erneut mit einem Parteiordnungsverfahren zu rechnen hatte, gab sie im Februar dieses Jahres ihr SPD-Parteibuch zurück.

Im Breidenbacher SPD-Ortsverein ist man wenig amüsiert über die Gegenkandidatur – vor allem vor dem Hintergrund, dass die Breidenbacher Tesch nach ihrer Aktion gegen Ypsilanti sogar noch den Rücken gestärkt und angekündigt hatten, sie wieder für die Landtagswahl aufstellen zu wollen. Felkl hält sich bedeckt, grundsätzlich könne Tesch natürlich kandidieren, aber die Art und Weise sei fragwürdig, erklärt er gegenüber der Presse.

Keine Antworten

Silke Teschs Inhalte im Wahlprogramm sind denen Felkls sehr ähnlich: Familien unterstützen und die Breidenbacher Ortsmitte beleben. Auf ihrer Homepage wirbt Silke Tesch mit dem Schlagwort "glaubwürdig". Tesch hofft, dass sie auch in Breidenbach noch damit punkten kann, Ypsilantis Wortbruch nicht durchgehen gelassen zu haben. Aber sprechen will sie darüber nicht mehr so richtig. Am Telefon beantworte sie sowieso keine Fragen von Journalisten, sagt sie. Man könne ihr die Fragen schicken und sie beantworte sie dann "gerne". Doch diese Zusage hält sie anschließend nicht ein, sie habe zu viel zu tun, müsse noch an einen Infostand und ihr Enkelkind sei gerade da. Außerdem "ist das alter Kram", sagt sie.

So bleiben die Fragen, ob Silke Tesch alles noch einmal genauso machen würde, wie sie Gerechtigkeit definiert, ob sie jemals Rachegefühle gegenüber der SPD hatte, was sie machen wird, wenn sie nun nicht gewählt wird, und ob sie daran denkt, sich einer anderen politischen Gruppierung anzuschließen oder überlegt, langfristig eine eigene, politische Gruppierung zu gründen, unbeantwortet.

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