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Süße Plagegeister: Niedliche, aber unerwünschte Nager: Nutrias nehmen überhand

Sie stammen aus Südamerika, fühlen sich aber mittlerweile fast überall in Deutschland zu Hause: Nutrias. Die Nager, die von Spaziergängern mitunter mit Bibern verwechselt werden, sehen possierlich aus. Naturschützer sind nicht gut auf sie zu sprechen.
Zwei Nutrias (Bisamratten) nähern sich am 15.06.2017 an der Nidda in Frankfurt am Main (Hessen) der Kamera des Fotografen. Foto: Boris Roessler (dpa) Zwei Nutrias (Bisamratten) nähern sich am 15.06.2017 an der Nidda in Frankfurt am Main (Hessen) der Kamera des Fotografen.
Frankfurt.  Knopfaugen und Überbiss – für manche Spaziergänger etwa an der Nidda sind Nutrias unwiderstehlich. Sie füttern die auch als Biberratten bekannten Tiere, die bis zu 65 Zentimeter lang werden und mit einem Gewicht von bis zu zehn Kilogramm auch einen ordentlichen Appetit entwickeln können. Naturschützer finden das nicht wirklich gut.

«Emotional ist das verständlich, aber in dem Umfang nicht in Ordnung», sagt Thomas Norgall, Naturschutzreferent beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Hessen. Die Fütterungen – die überhaupt nicht notwendig und auch nicht unbedingt artgerecht seien – treiben nur den Bestand der Nutrias hoch, warnt Norgall. «Dort, wo sie sich stark vermehren, werden sie zunehmend ein Problem.»

Manche Kommunen sprechen bereits von einer regelrechten Plage, die sich auch in Hessen ausbreite. Eine systematische Erfassung ihres Vorkommens gebe es aber nicht, sagte eine Sprecherin des Umweltministeriums. «Bislang werden nur zufällig gemachte Einzelfunde verzeichnet.»

Ganz neu ist das Vorkommen der eigentlich aus Südamerika stammenden Nutrias aber nicht, erläutert Stefan Nehring, Spezialist für invasive Arten beim Bundesamt für Naturschutz in Bonn: «Im 19. Jahrhundert wurden sie in Tiergärten importiert, später auch wegen ihres Fells planmäßig gezüchtet – da sind natürlich immer mal welche entkommen.» Die ersten Fälle wild lebender Nutrias in Deutschland seien 1933 bekannt geworden.

Seitdem haben sie sich gründlich vermehrt und sind in Deutschland eigentlich flächendeckend vertreten. Natürliche Feinde haben sie nicht – als Jagdbeute kommen sie theoretisch höchstens für Wölfe in Frage, meint Nehring. «Ich schätze, dass Füchse und Marder eher Abstand halten.» Dabei dürften auch die eindrucksvollen Zähne der Nutrias eine Rolle spielen.

Eine Frau füttert am 15.02.2015 einem Nutria, auch Biberratte oder Wasserratte genannt, im Niddapark in Frankfurt am Main (Hessen) ein Stückchen trockenes Brot. Bild-Zoom Foto: Christoph Schmidt (dpa)
Eine Frau füttert am 15.02.2015 einem Nutria, auch Biberratte oder Wasserratte genannt, im Niddapark in Frankfurt am Main (Hessen) ein Stückchen trockenes Brot.

Hinzu kommt, dass Nutrias bereits mit sechs Monaten geschlechtsreif sind und theoretisch drei mal im Jahr einen Wurf mit bis zu sechs Jungtieren haben können. Da kommt es schnell zur Bevölkerungsexplosion der Nager, die an Uferbereichen eine lange Spur von Fraßschäden hinterlassen – auch zum Nachteil heimischer Tier- und Pflanzenarten, die von den Nutrias verdrängt werden.

«Da Nutrias Uferpflanzen fressen, können hier schon Schädigungen der Unterwasser- und Ufervegetation vorkommen», sagte Annette Zitzer vom Hessischen Umweltministerium. «Auch durch die Grabtätigkeiten am Ufer kann sich die Hydrologie des Gewässers verändern.» Schäden für die Landwirtschaft seien dagegen bisher nicht bekannt.

Wie kann es dort weitergehen, wo Nutrias zur Plage mit schädlichen Wirkungen werden? Seit einem Jahr gibt es EU-weit eine Liste von 37 invasiven Arten, darunter Nutrias. Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, gegen ihre Ausbreitung vorzugehen, da sie die europäische Artenvielfalt bedrohen.

«Momentan wird ein Managementplan erarbeitet, der im kommenden Jahr fertig werden soll», sagt Nehring. Eine «Komplettbeseitigung» werde dabei nicht angestrebt, man müsse aber dort einschreiten, wo die Tiere zum Problem werden.

«Wir befürworten eine Bekämpfung, wo das möglich ist», sagt Mark Harthun, Naturschutzreferent bei NABU Hessen. So könnten Nutrias in Hessen von September bis Ende Februar gejagt werden. «Für uns ist es sinnvoller, Nutrias zurückzudrängen und statt dessen Freiräume für eine Rückkehr des Bibers zu schaffen», sagt Harthun.

Denn Nutrias breiten sich dort aus, wo auch Biber heimisch sein könnten – und die brächten als Landschaftsbauer auch neue Lebensräume für Vögel Libellen und Amphibien. «Das machen Nutrias nicht», sagt Harthun. Stattdessen bringen sie Biber in einen schlechten Ruf: So mancher von Anwohnern oder Spaziergängern gemeldete Biber entpuppt sich beim genauen Hinschauen als Nutria.

Nutrias nagen zwar ebenfalls, aber nicht unbedingt zum Nutzen der Landschaft. «Die sind überall dort ein Problem, wo es Deiche gibt», sagt Norgall. Doch auch für Uferböschungen und die dort wachsenden Pflanzen könnten die gefräßigen Nager zum Problem werden – obendrein seien sie Futterkonkurrenten einheimischer Tierarten. «Keiner weiß so recht, wie man sie los wird», seufzt der BUND-Experte. Jagd und Fallenbau seien nur begrenzt erfolgversprechend: «Wenn es ihnen an den Kragen gehen soll, wissen sich auch Nutrias zu schützen. Die verlieren dann ihre Zutraulichkeit und werden nachtaktiv.»

Auch für Nehring sind die eigentlich possierlichen Nager ein Beispiel für die Herausforderungen beim Umgang mit invasiven Arten – und eine klaren Lehre: «Wehret den Anfängen. Sonst ist es zu spät und man läuft dem Problem nur hinterher.»

(dpa)

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