Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Nach Zwangsräumung kaum eine Chance, eine neue Wohnung zu finden: Obdachlos: Einmal raus, immer raus

Obdachlose sind vor allem betrunkene Männer am Straßenrand? Weit gefehlt. Immer mehr Geringverdiener verlieren ihre Wohnung nach einer Zwangsräumung. Auf dem Wohnungsmarkt haben sie dann kaum Chancen auf eine neue Bleibe.
Wer seine Wohnung verliert, muss nicht zwangsläufig obdachlos werden und auf der Straße schlafen, wie dieser Mann. Es gibt Unterstützungsprogramme, die dafür sorgen, dass Wohnungslose ein Dach über dem Kopf haben – und wenn sie in einer Pension untergebracht werden. Foto: Andreas Arnold (dpa) Wer seine Wohnung verliert, muss nicht zwangsläufig obdachlos werden und auf der Straße schlafen, wie dieser Mann. Es gibt Unterstützungsprogramme, die dafür sorgen, dass Wohnungslose ein Dach über dem Kopf haben – und wenn sie in einer Pension untergebracht werden.
Rüsselsheim. 

300 Prozent. So deutlich ist die Zahl der Obdachlosenfälle im südhessischen Rüsselsheim in den vergangenen fünf Jahren gestiegen. Für Sozialdezernent Dennis Grieser ein Alarmzeichen. „Wir müssen davon ausgehen, dass es eher noch mehr als weniger werden“, sagt der Politiker. Schon im ersten Halbjahr habe man die Zahlen von 2015 getoppt. Auch andere hessische Städte wie Frankfurt und Wiesbaden berichten von einem Anstieg, wenn auch nicht so extrem wie in Rüsselsheim. Die Berliner Sozialwissenschaftlerin Susanne Gerull bestätigt den deutschlandweit zu beobachtenden Trend: „Der Anstieg ist eindeutig.“

Als Ursache Nummer eins wird unisono die Situation auf dem Wohnungsmarkt genannt. „Wir haben schlicht zu wenig bezahlbare Wohnungen“, sagt Gerull. Denn mit dem Klischee-Obdachlosen, der mit der Bierflasche in der Fußgängerzone herumlungert, haben diese Fälle nur wenig zu tun. „Das sind alles Leute, die hier in der Stadt eine Wohnung hatten und sie dann verloren haben“, berichtet Grieser aus Rüsselsheim. Oft seien Familien mit Kindern betroffen. Steigende Mieten führten immer häufiger zu Mietschulden und schließlich zur Zwangsräumung.

Info: 39 000 auf der Straße

Wie viele Menschen in Deutschland keine Wohnung haben, lässt sich nicht genau sagen. Es gibt keine offiziellen Statistiken. Auch dürfte die Dunkelziffer hoch sein, da viele vorübergehend wohnungslose

clearing

Wer seine Wohnung einmal verliert, hat auf dem freien Wohnungsmarkt kaum noch eine Möglichkeit, wieder an eine Bleibe zu kommen, weiß Forscherin Gerull. „Wenn die Schufa-Auskunft negativ ist oder man die Mietschuldenfreiheit vom Vorvermieter nicht vorweisen kann – dann hat man meistens überhaupt keine Chance.“ Wie schwierig es selbst für die Kommunen wird, diesen Menschen zu einer Wohnung zu verhelfen, zeigt einmal mehr das Beispiel Rüsselsheim. „Nur 30 Prozent der Wohnungen in der Stadt sind überhaupt erstattungsfähig vom Sozialhilfeträger“, sagt Grieser. Der Rest ist schlicht zu teuer.

Die Kommunen sind trotzdem dafür zuständig, die Menschen unterzubringen. „Niemand muss auf der Straße leben“, betont etwa Manuela Skotnik von der Stadt Frankfurt. Werden die Städte auf dem Wohnungsmarkt nicht fündig oder verfügen nicht über genug eigene Immobilien, kommen wohnungslose Menschen auch in Pensionen unter. In Rüsselsheim sind es derzeit 41. Weil Pensionen meist teurer als eine Wohnung sind, verschärft sich dadurch jedoch das finanzielle Problem – für beide Seiten. „Wir machen das nicht kostenfrei, sondern versuchen später, uns das Geld zurückzuholen“, sagt Sozialdezernent Grieser. Die Schulden steigen also noch. Kann der Betreffende aber auch später nicht zahlen, bleibt die Gemeinde auf den Kosten sitzen.

Prävention verstärken

In Rüsselsheim strukturiert man deshalb die Obdachlosenhilfe neu. „Im Idealfall soll ein Frühwarnsystem entstehen“, erklärt Grieser. Wenn die Stadt frühzeitig von Fällen drohender Wohnungslosigkeit erfahre, könne sie früher mit der Unterstützung einsetzen. So lasse sich in vielen Fällen verhindern, dass es überhaupt zur Zwangsräumung kommt. Wissenschaftlerin Gerull bestätigt: „Prävention ist das, was ganz oben steht.“

Grieser will deshalb eine neue Stelle in der Obdachlosenbehörde schaffen. Ein Sozialpädagoge soll in die Haushalte gehen, Beratung und Hilfe anbieten und Fälle frühzeitig erkennen.

„Viele Betroffene öffnen zum Beispiel ihre Post nicht und erfahren so gar nicht von möglichen Hilfsangeboten“, sagt Grieser. Die Menschen versuchten dann vergeblich, das Problem auszusitzen – und plötzlich stehe die Zwangsräumung an. „Es geht vor allem um die Selbstaktivierung der Menschen.“ Bislang gibt es nur einen Verwaltungsangestellten, der meist erst dann tätig werden kann, wenn die Wohnung bereits weg ist.

Einen ähnlichen Weg ist auch Frankfurt gegangen. Es wurde eine zentrale Stelle eingerichtet, die sich um die Fälle kümmert und auch proaktiv einschreiten kann. „Wir bieten den Vermietern an, dass die Stadt erst einmal die Mietschulden übernimmt und die Betroffenen in ihren Wohnungen bleiben können“, sagt Skotnik.

Letztlich hilft den Experten zufolge aber nur mehr Neubau von Wohnungen, die sich auch Geringverdiener leisten können.

Sozialwohnungen fehlen

In Frankfurt etwa warten mehr als 10 000 Haushalte auf eine Sozialwohnung. Rüsselsheims Sozialdezernent Grieser sieht für die Lösung des Problems auch Landes- und Bundesregierung in der Pflicht. „Es ist die klare Aufgabe von Land und Bund, für ausreichend Förderprogramme zu sorgen.“ Forscherin Gerull fordert, auch privaten Wohnungsbaugesellschaften Vorgaben zu machen: „Wer eine Förderung will, sollte einen bestimmten Anteil der Wohnungen zu günstigen Mieten und auch für Hartz-IV-Empfänger anbieten.“

Demnächst wird sich das Problem weiter verschärfen. Schon bald werden viele Flüchtlinge die Sammelunterkünfte verlassen. „Die müssen dann auch Wohnungen für sich und ihre Familien finden“, sagt Grieser. „Das wird in einer Region, in der der Wohnungsmarkt ohnehin schon angespannt ist, sehr schwierig.“

Zur Startseite Mehr aus Rhein-Main & Hessen

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse