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Kurt aus Mainz kämpft täglich ums Überleben: Obdachlos im Winter: „Einfach nicht aufgeben“

Kälte, Krankheit und Gleichgültigkeit machen ihnen zu schaffen. Die Schlafplätze in Mainz etwa sind knapp. Etwa jeder dritte Obdachlose kommt aus Osteuropa. Zugenommen hat auch die Zahl der jüngeren Menschen, die auf der Straße leben.
Der 44-jährige Obdachlose Kurt bietet in der Mainzer Innenstadt Obdachlosenzeitungen zum Kauf an. Bilder > Foto: Peter Zschunke (dpa) Der 44-jährige Obdachlose Kurt bietet in der Mainzer Innenstadt Obdachlosenzeitungen zum Kauf an.
Mainz. 

Eine Wohnung hat er nicht, aber Kurt steht lächelnd im Weihnachtstrubel in der Mainzer Innenstadt und bietet seine Obdachlosenzeitung an. „Ich bin froh, dass ich abends meine Platte unter der Brücke aufbauen darf, dass dies vom Ordnungsamt geduldet wird“, antwortet er auf die Frage nach seinem Schlafplatz.

Der 44-Jährige ist einer von mindestens 1170 Menschen im Bundesland Rheinland-Pfalz, die wohnungslos oder davon bedroht sind. Diese Zahl hat die Liga der freien Wohlfahrtspflege für das vergangene Jahr erhoben – mangels verlässlicher amtlicher Erhebungen zum Ausmaß der Obdachlosigkeit.

Auch in Hessen weiß man nicht genau, wie viele Obdachlose es gibt. Schätzungen gehen von einer halben Million in ganz Deutschland aus. Die hessischen Wohlfahrtsverbände hatten jüngst vor einem „dramatischen Anstieg“ der Zahl von Obdachlosen gewarnt.

Zu solchen Obdachlosen-Einrichtungen gehört etwa die Evangelische Wohnungslosenhilfe, die für den Winter am Fort Hauptstein in Mainz Container aufgebaut hat. Am ersten Tag mussten 15 Obdachlose weggeschickt werden, weil die 24 Plätze schnell vergeben waren.

Gehhilfe und Pappbecher

„Ich habe Angst vor dem Winter“, sagt der 31 Jahre alte Ioannis aus Rumänien. „Jeden Tag bin ich auf der Straße, nachts schlafe ich an einer Hauswand.“ Vor sich hat Ioannis eine Gehhilfe und einen Pappbecher. Am Tag sammelt er 15 bis 20 Euro, gerade genug zum Überleben. „Die Stadt hilft nicht, die Kirche hilft nicht“, klagt er.

Wer aus Rumänien nach Deutschland komme und keine Arbeit finde, habe keinerlei Ansprüche, sagt Beate Jagusch in der Beratungsstelle der dem Caritas-Verband angeschlossenen Pfarrer-Landvogt-Hilfe. Niemand sei für ihre Unterstützung verantwortlich. „Das ist tragisch, dass wir Menschen wie ihm nicht viel mehr als das Aufwärmen in der Teestube anbieten können.“

Hilfe für Obdachlose ist grundsätzlich Sache der Kommunen. Diese sind im Rahmen der Gefahrenabwehr gehalten, Ersatzwohnraum zur Vermeidung oder Beseitigung von Obdachlosigkeit zur Verfügung zu stellen. „Das gilt insbesondere in der kalten Jahreszeit, in der die Kommunen durch geeignete Unterkünfte Schutz vor dem Erfrieren sicherstellen müssen“, erklärt das rheinland-pfälzische Sozialministerium.

Auch in Parkhäusern

In Mainz seien seit den 90er Jahren keine Engpässe bei der Unterbringung aufgetreten, erklärt eine Sprecherin der Stadt. An Unterkünften gibt es insgesamt 105 Plätze, darunter 53 Plätze für Männer im Thaddäusheim der Caritas. Hinzu kommen 88 Plätze in der stationären Resozialisierungshilfe mit sozialpädagogischer Vollzeitbetreuung. Schutz vor Erfrieren können auch Parkhäuser bieten, die im Winter den Aufenthalt von Obdachlosen dulden.

Etwa jeder dritte Obdachlose in Mainz kommt aus Osteuropa, schätzt Klaus Merten vom Vorstand der Pfarrer-Landvogt-Hilfe. Unter ihnen seien Menschen, die als Helfer in der Landwirtschaft gearbeitet hätten und dann krank geworden seien.

Andere seien um ihren Lohn geprellt worden und dann aus Scham nicht in ihre Heimat zurückgekehrt. Der Anteil von EU-Ausländern unter Obdachlosen ist bundesweit in allen größeren Städten so hoch – in manchen Beratungsstellen in Großstädten mit niedrigschwelligem Angebot sind es nach Einschätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe sogar 50 bis 60 Prozent.

„Jedes Schicksal ist anders“, sagt Merten über die Obdachlosen. „Es sind ganz individuelle Geschichten, warum Menschen aus ihrem Leben heraus stürzen.“ Da gibt es den Manager eines großen Konzerns, der nach dem Tod seiner Frau die Wohnung gekündigt hat und auf Wanderschaft geht. Oder die Zahnarzthelferin Angelika, die nach 20 Jahren im Beruf wegen Depressionen nicht mehr arbeiten kann und irgendwann auch kein Geld von der Krankenkasse mehr bekommen hat.

„Auf der Straße zu leben ist ganz schlimm“, sagt die 49-Jährige, die jetzt zwar dank einer Rente eine Einzimmerwohnung hat, aber zum Betteln in Mainz auf die Straße geht: „Wenn alles bezahlt ist, bleiben mir 250 Euro im Monat. Das reicht einfach nicht.“ Neben den oft schon älteren Obdachlosen hat nach Beobachtung von Sozialarbeiterin Jagusch in den vergangenen Jahren die Zahl der jungen Wohnungslosen unter 25 Jahren zugenommen.

„Ohne Bindung zu ihrer Familie schlafen sie mal hier, mal dort, und in den Unterkünften der Wohnungslosenhilfe finden sie nicht ganz den für sie geeigneten Platz.“ Gründe für den erhöhten Anteil von jüngeren Obdachlosen sieht Werena Rosenke von der BAG Wohnungslosenhilfe in familiären Konflikten, besonderen Bestimmungen des Sozialgesetzbuchs (SGB II) mit verschärften Sanktionsregelungen für unter 25-Jährige und in geringeren Chancen auf dem Wohnungsmarkt.

Ein zunehmendes Thema sei auch die Altersarmut, sagt Merten vom Vorstand der Pfarrer-Landvogt-Hilfe. Deren Angebote würden verstärkt von Menschen in Anspruch genommen, „die ein Leben lang schwer gearbeitet haben und deren Rente nicht ausreicht“.

Alternative zum Betteln

Eng geht es nach Einschätzung von Sozialarbeitern bei den Möglichkeiten für Obdachlose zu, sich etwas Geld für den Kampf ums Überleben zu verdienen. Beim Sammeln von leeren Pfandflaschen stehen Altersrentner auf der Suche nach einer Ergänzung zur kleinen Rente mittlerweile in Konkurrenz zu Obdachlosen, die sich nunmal als klassische Clochards gänzlich für das Leben auf der Straße entschieden haben, und zu afrikanischen Flüchtlingen.

Als Alternative zum Betteln schätzt Kurt den Verkauf der Obdachlosenzeitung. Für jede verkaufte Zeitung bekommt er 75 Cent. „Dass es so schwer ist, wieder Fuß zu fassen, hätte ich nicht gedacht“, sagt der 44-Jährige, der nach einem psychischen Burnout seinen Arbeitsplatz verlor und seit einem Jahr in Mainz auf der Straße lebt. Für 2017 hat sich Kurt vorgenommen, „eine kleine Wohnung zu suchen, damit ich wieder ins normale Leben finden kann“.

Am wichtigsten sei es, nicht zu resignieren. „Ich darf mich einfach nicht aufgeben, sonst habe ich verloren.“

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