Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
1 Kommentar

Ermordetes Kind: Polizei stellt Johannas Entführung nach

Die Polizei hat am Donnerstagmittag die Entführung der achtjährigen Johanna Bohnacker in Ranstadt-Bobenhausen nachgestellt und gefilmt. Das Video soll im Prozess gegen den mutmaßlichen Vergewaltiger und Mörder Johannas verwendet werden.
Experten der Polizei rekonstruieren am 30.11.2017 auf einem Feldweg bei Ranstadt-Bobenhausenmit Hilfe eines VW-Jetta die Entführung der Johanna Bohnacker. Foto: dpa Bilder > Foto: Boris Roessler (dpa) Experten der Polizei rekonstruieren am 30.11.2017 auf einem Feldweg bei Ranstadt-Bobenhausenmit Hilfe eines VW-Jetta die Entführung der Johanna Bohnacker. Foto: dpa
Ranstadt. 

Rund 20 Polizeibeamte der Sonderkommission Johanna des Polizeipräsidiums Mittelhessen und der hessischen Bereitschaftspolizei befanden sich am Donnerstag rund um den Sportplatz in Bobenhausen, einem Ortsteil der Wetterau-Gemeinde Ranstadt, in einem besonderen Einsatz: Sie sind teils vor, teils hinter der Kamera zugange, um ein Video zu drehen, das den späten Nachmittag des 2. September 1999 rekonstruieren soll. Dem Tag, als Johanna Bohnacker in ein Auto gezwungen, sexuell missbraucht und schließlich getötet wird.

Bild-Zoom

Eine Polizistin zierlicher Statur mit langen blonden Haaren fährt mit einem Fahrrad den Weg am Sportplatz vorbei. Ein weinroter VW Jetta II – für diesen Tag von der Polizei von einem Mann aus Friedberg ausgeliehen – passiert, wendet dann abrupt, fährt ihr auf dem Radweg hinterher. Immer wieder wird die Szene wiederholt, insgesamt 24 Mal. Auch eine Drohne und eine lebensgroße Puppe sind dabei im Einsatz.
„Es geht um jedes Detail“, erläutert die Wetterauer Polizeisprecherin Sylvia Frech. Denn das Video soll eine große Rolle beim noch nicht näher terminierten Prozess gegen den mutmaßlichen Täter Rick J. spielen.

Zu viele Details allerdings darf Polizeisprecherin Frech nicht verraten, denn schließlich habe nur der Täter das nötige Wissen dazu. Das Verfahren soll durch vorherige Bekanntgabe nicht beeinflusst werden. Für die Beamten, die Täter und Opfer spielen, sei die Sache emotional sicher belastend, räumt Frech ein. Doch gehe es darum, die Tat sachlich und nüchtern darzustellen.

Inzwischen gibt es neue Details zu Fällen, für die Rick J. ebenfalls verantwortlich zeichnet und zum Teil verurteilt wurde. So zeigte sich bereits im jugendlichen Alter, dass der heute 41-jährige Angeklagte ein auffälliges Interesse an kleinen Mädchen hatte. So auch im Jahr 1993.

Wie Oberstaatsanwältin Nadja Niesen von der Staatsanwaltschaft Frankfurt auf Anfrage ausführt, hatte der damals 17-Jährige am Nachmittag des 20. September 1993 auf seinem Heimweg im Bad Homburger Stadtteil Ober-Erlenbach ein achtjähriges Mädchen gesehen und war ihr gefolgt. Niesen erläutert: „Er umfasste das Kind von hinten mit dem Arm und hielt es fest. Als das Mädchen um Hilfe rief und sich zu befreien versuchte, kam es zu einem Gerangel. Der Angeklagte hielt ihr den Mund zu, und dabei fielen beide zu Boden.“

Die Zahnspange des Kindes wurde dabei ins Zahnfleisch gepresst, das Mädchen erlitt leichte Verletzungen. Der Friedrichsdorfer räumte gegenüber der Polizei die Tat ein, war aber bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten. So kam es, dass das Amtsgericht Frankfurt ihn am 21. April 1994 wegen Nötigung und Körperverletzung nach Jugendrecht richterlich verwarnte. Hinzu kamen die Fortsetzung seiner begonnenen therapeutischen Behandlung und 50 Stunden gemeinnützige Arbeit.
Die therapeutische Behandlung war laut Staatsanwaltschaft nötig, weil der Täter unter einer „anfallartigen und für ihn nur schwer kontrollierbaren Aktualisierung von Trennungsangst“ litt. Deswegen sei das Gericht von „ganz erheblich verminderter Schuldfähigkeit“ ausgegangen.

1995 hat sich ein weiterer Vorfall in einem Schwimmbad ereignet. Bei der Staatsanwaltschaft allerdings existiert dieser Fall nicht mehr. Niesen: „Die Akten wurden bereits vernichtet, so dass weder zum Tatvorwurf noch zum Verfahrensausgang Angaben gemacht werden können.

Der Umstand, dass die Akte bereits vernichtet worden ist, spricht aber dafür, dass es seinerzeit nicht zu einer Anklageerhebung oder Verurteilung gekommen ist.“
Weitere Fragen wirft noch immer der Fall vom 4. August 2011 in Friedrichsdorf-Köppern auf. Damals klammerte sich der zu diesem Zeitpunkt 35-jährige Mann an einem siebenjährigen Kind fest, erst der Vater und ein herbeigerufener Nachbar konnten es aus der Umklammerung befreien.

Unklar war, warum in diesem Fall nur wegen Körperverletzung – der Vater hatte sich bei der Befreiung die Hand gebrochen – und nicht wegen versuchter Kindesentführung ermittelt wurde. Niesen schildert dazu: „Die Ermittlungen liefen offiziell wegen des Vorwurfs der Körperverletzung. Das bedeutet aber nicht, dass nicht auch andere möglicherweise in Betracht kommende Straftatbestände geprüft wurden.“

Doch sei angesichts der Tatumstände nur die Körperverletzung in Frage gekommen. „Insbesondere lagen für eine wenn überhaupt ohnehin nur versuchte Entziehung Minderjähriger keine ausreichenden Anhaltspunkte vor, auch wenn viele aus heutiger Sicht zu wissen glauben, dass der damalige Beschuldigte das Kind habe entführen wollen.“ Entsprechendes hätten die Ermittlungen aber nicht ergeben. Voraussetzung für eine strafbare Kindes-Entziehung sei zudem eine gewisse Dauer der räumlichen Trennung von den Eltern. Einige Minuten genügten zur Erfüllung des Straftatbestandes noch nicht.

Da der Mann bereits zuvor wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz zu einem Jahr Haftstrafe verurteilt gewesen war, wurde seitens der Staatsanwaltschaft von einer Klageerhebung abgesehen. Niesen merkt dazu an, dass Staatsanwälte verpflichtet seien, Verfahren beschleunigt zu bearbeiten und Ermittlung nicht weiter als nötig auszudehnen.

„Von der Möglichkeit einer Verfahrenseinstellung soll der Staatsanwalt in weitem Umfang und in einem möglichst frühen Verfahrensstadium Gebrauch machen. Nichts anderes ist vorliegend geschehen, auch wenn viele dies im Nachhinein und gerade mit dem Kenntnisstand von heute nur schwer verstehen mögen“, schildert Niesen.

Dass es nach der zu erwartenden Aufklärung des Falles Johanna zur Klageerhebung kommt, ist sicher. Wann allerdings noch nicht. Staatsanwalt Thomas Hauburger von der zuständigen Staatsanwaltschaft Gießen verweist auf die „äußerst umfangreiche und zeitintensive Datenauswertung und Untersuchung von DNA- beziehungsweise Faserspuren“. Hauburger geht von weiteren Wochen oder gar Monaten aus, bis es zum Prozess kommt.

Zur Startseite Mehr aus Rhein-Main & Hessen

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse