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Bürgerentscheid in Mainz: Prestigeprojekt oder Millionengrab?

Von Es ist der erste Bürgerentscheid in der Geschichte von Mainz: Am 15. April stimmen die Mainzer über den „Bibelturm“ ab. Der Erweiterungsbau am Gutenberg-Museum erhitzt die Gemüter wie kaum ein Thema bisher – und beide Seiten kämpfen mit harten Bandagen.
Bilder > Der Turm wäre in der Altstadt ein Kontrast zu den historischen Häusern.
Mainz. 

Von einem „Bürgerwahlkampf David gegen Goliath“ spricht Thomas Mann, und tatsächlich könnte dieser David am 15. April in Mainz etwas zu Fall bringen: Der Bibelturm, das Prestigeprojekt der Stadtspitze, wackelt. Am 15. April stimmen die Bürger über den Erweiterungsbau des Gutenberg-Museums ab, es ist der erste Bürgerentscheid in der Geschichte der Landeshauptstadt. Die Emotionen schlagen hoch: Direkt am Mainzer Dom geplant, trifft der Bau mitten ins Herz der Stadt.

20,50 Meter hoch und zwölf mal zwölf Meter breit soll der mit einer bronzenen Außenfassade verkleidete Turm werden. Eine Schatzkammer für die Gutenberg-Bibeln soll es werden, der Turm dringend benötigten Raum schaffen. Das Gutenberg-Museum ist in die Jahre gekommen, das Haupthaus marode, die Haustechnik veraltet. Dem 60er-Jahre-Bau droht aus Brandschutzgründen gar die Schließung.

„Ein Hingucker“

Geht es nach dem Willen der Mainzer Baudezernentin Marianne Grosse (SPD), so soll der Turm all dies ändern: „Wir haben uns getraut, groß zu denken“, schwärmt Grosse, der Turm werde ein „Hingucker“, ein neues Wahrzeichen für die Stadt. Er solle das Museum aufwerten – und neue Sponsoren und Mäzene zur Finanzierung der weiteren Bauvorhaben anziehen.

Denn das Dilemma: Für den Museumsbau stehen der verschuldeten Stadt ganze fünf Millionen Euro zur Verfügung. „Wie die für Brandschutz, Unterkellerung und Turmbau reichen sollen, ist uns ein Rätsel“, sagt Nino Haase von der Bürgerinitiative Gutenberg Museum, der Stadt drohe ein Millionengrab mit jahrelanger Hängepartie.

Vor zwei Jahren gründete Thomas Mann eine Bürgerinitiative – gegen den Turmbau, nicht gegen das Museum, wie man betont. Und die unsichere Finanzierung ist das schärfste Schwert der Gegner: Es gebe kein Konzept für Bau, Sanierung und Museumsgestaltung, sagt Mann – doch ohne Konzept auch keine Förderung durch Bund oder Land. Die aber sei dringend geboten – wo sonst wolle die Stadt 60 oder 70 Millionen Euro für die notwendigen Maßnahmen hernehmen? Die Idee, mit Sponsorengelder in zweistelliger Millionenhöhe einwerben zu können, sei bestenfalls naiv, sagt Mann.

Entsetzte Bürger

Neubau und Sanierungen seien mit den fünf Millionen Euro zu stemmen, „da ist alles drin, brutto“, versichert hingegen Grosse: „Kann man so denken? Wir sagen: auf jeden Fall.“ Ob sie damit die Mainzer überzeugen kann, ist zumindest fraglich. Denn schnell stellte sich heraus: Die Mainzer waren von den Plänen schlicht entsetzt. Der Turm sei viel zu modern, passe nicht in das Altstadt-Ensemble – und zerstöre einen beliebten Platz im Herzen der Stadt.

Auf dem Liebfrauenplatz, unmittelbar zu Füßen des 1000 Jahre alten Doms, schlägt das Herz von Mainz, hier feiert man Feste, trägt Bischöfe zu Grabe und feiert das Mainzer Marktfrühstück, den Kulttreff am Wochenende. Als dessen Besucher erfuhren, das dem Turm Bäume, ein Blumenbeet und Lebensraum weichen sollten, schlugen die Wellen hoch. Binnen weniger Wochen sammelte die Bürgerinitiative mehr als 13 500 Unterschriften gegen den Turm – und erzwang so das Bürgerbegehren.

„Die Mainzer wollen mitreden bei diesem emotionalen Thema in der Altstadt“, sagt Mann.“ Die Ergebnisse des Ideenwettbewerbs hätten „den Bürgern vorgestellt und in einem Entscheid bewertet werden müssen“, doch die Verwaltung habe das strikt abgelehnt. Nun entscheidet der Bürgerentscheid am 15. April über das Schicksal des Turms, und die Nervosität ist hoch. Seit dem Wochenende wird die Stadt geflutet mit Plakaten, Broschüren und Infoveranstaltungen.

Die Befürworter – darunter Prominente wie Kabarettist Lars Reichow – kämpfen mit harten Bandagen: Da werden die Turmgegner gerne mal als rückständige, weinsaufende Banausen geschmäht, denen ein paar Bäume wichtiger seien als ein Architekturhighlight. Und in der offiziellen Informationsbroschüre der Stadt sind 8,5 Seiten den Argumenten pro Turm gewidmet – aber nur 1,5 Seiten der Kritik.

Die Vehemenz zeigt indes nur die Nervosität: Bei inoffiziellen Online-Umfragen sprachen sich jüngst gut 60 Prozent gegen den Turm aus. Und einen Plan B gebe es nicht, räumte jüngst Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) ein. Die Gegner sehen das völlig anders: Ohne den Turmbau jetzt würde man Zeit gewinnen, mit einem ausgereiften Konzept Bund und Land ins Boot zu holen, wirbt der frühere Bundestagsabgeordnete Johannes Gerster (CDU).

Und schließlich haben auch die Gegner gewichtige Wortführer, an Fastnacht donnerte der in Mainz hochverehrte Obermessdiener Andreas Schmitt aus der Bütt: „Macht Meenz nicht zum Betonbunker der Republik, gebt der Stadt ihr (historisches) Gesicht zurück. Ehrt so die Druckkunst und Gutenbergs Namen – und baut nicht so ’en Scheissdreck, in Ewigkeit Amen!“

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