Risikofaktor Fluglärm

Fluglärm kann zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen - das haben Studien belegt. Wie genau es dazu kommt, war bislang unklar. Forscher der Mainzer Uniklinik haben nun eine Studie dazu vorgelegt.
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Mainz. 

Norbert Pfeiffer war richtig stolz: „Es kann sein, dass die Lehrbücher neu geschrieben werden müssen“, sagte der Vorstandschef der Mainzer Uniklinik am Dienstag. Erstmals belege eine Studie: Fluglärm kann auch bei gesunden Menschen zu einer Schädigung der Gefäße führen und damit drastische Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System haben. „Fluglärm ist ein neuer Risikofaktor“, betonte der Klinikchef.

„Es ist fühlbar, es ist hörbar - Fluglärm beeinträchtigt die Lebensqualität“, beschrieb Pfeiffer die Auswirkungen. Doch das sei nicht alles: Fluglärm beeinflusse eben auch die Gesundheit negativ, und genau das wollen die Ärzte am Mainzer Uniklinikum nun zum ersten Mal nachgewiesen haben.

In ihrer Studie beschallte das Forscherteam um den Mainzer Kardiologen Thomas Münzel 75 gesunde Probanden drei Nächte lang in ihrem Zuhause mit Fluglärm, der am Düsseldorfer Flughafen aufgenommen worden war. Bei der Beschallung wurden zwei Lärmmuster benutzt: Beim ersten wurden die Probanden mit 30 Überflugereignissen beschallt, die maximal einen Einzelpegel von 60 Dezibel, insgesamt aber einen Dauerschallpegel von 43 Dezibel erreichten.

 

Probanden beschallt

 

Beim zweiten Lärmmuster wurden 60 Überflüge mit einem Dauerschallpegel von im Schnitt 46 Dezibel verwendet. Zum Vergleich: 40 Dezibel entsprechen einer leisen Unterhaltung, 45 Dezibel normalen Geräuschen in einer Wohnung wie einem leisen Radio, 60 Dezibel gelten bisher als die Stressgrenze. Eine dritte, ruhige Nacht wurde als Vergleichswert genommen.

Die Mainzer kombinierten nun klassische Instrumente der Lärmforschung mit hochauflösenden Ultraschallgeräten der Kardiologie zur Untersuchung der Blutgefäße. Dabei habe sich herausgestellt, dass der Lärm die Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin steigert und die Gefäßfunktion beeinträchtigt. Normalerweise seien die Gefäße innen mit dem Wirkstoff Endothel ausgekleidet, das sei „eine Art Nitroglyzerin“, sagte Kardiologe Münzel. Endothel aber korreliere mit der Gefäßfunktion des Herzens: je weniger Endothel in den Zellen, desto höher die Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarktes.

Mit dieser Messmethode wurden die Probanden auf den Zustand ihrer Blutzellen untersucht, mit durchaus erschreckenden Ergebnisse: „Wir konnten zeigen, dass nächtlicher Fluglärm sogar bei unseren gesunden Probanden zu einer messbaren Verschlechterung der Gefäßsituation führt“, sagte Frank Schmidt, der die Studie durchgeführt hatte. Durch die Beschallung habe die Schlafqualität erheblich abgenommen, der Adrenalinspiegel sei angestiegen, der Blutdruck habe sich erhöht, die Gefäße seien zumindest zeitweise steifer und weniger erweiterungsfähig geworden - alles Voraussetzungen für Herzinfarkt oder Schlaganfall.

 

Reaktion im Schlaf

 

Diese Reaktionen fanden sogar statt, ohne dass der Proband wach wurde. Mehr noch: Wer vorher mit geringerem Lärm beschallt wurde, reagierte auf den höheren Schallpegel nicht etwa weniger, sondern noch stärker. „Hier hat keine Adaption an den Lärm stattgefunden“, bilanzierte Schmidt - die Männer und Frauen hatten sich also nicht an den Fluglärm gewöhnt.

Die Studie zeigte zudem, dass sich die Gefäßschädigung durch Vitamin C korrigieren lässt. Dies binde die freien Radikale im Blut, die sich aufgrund des Lärms gebildet hatten. „Das bedeutet freilich nicht, dass sich durch Vitamin C die Folgen von Fluglärm einfach lösen lassen“, betonte Schmidt.

Münzel betonte, mit der Mainzer Studie sei nun erstmals ein Schwellenwert gefunden worden, ab dem Zellen im menschlichen Körper geschädigt würden, weil Blutspiegel und Stresshormone anstiegen: „46 Dezibel im Nachtflugbereich machen Schäden.“

 

Forderungen an Hessen

 

Diese neue wissenschaftliche Erkenntnis müsse nun in die Gesetzgebung einfließen, forderte er, und warf zugleich dem hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) vor, er ignoriere einfach wissenschaftliche Ergebnisse und fege Studien vom Tisch. Es sei „eine absolute Katastrophe“, dass die einzige Uniklinik in Rheinland-Pfalz „zugelärmt“ werde: Die Messstation auf dem Dach der Uniklinik registriere bis zu 75 Dezibel Lärm, so Münzel.

Allerdings lassen sich die Studienergebnisse nicht eins zu eins auf die Situation rund um den Frankfurter Flughafen übertragen, da dort ein Nachtflugverbot von 23 bis 5 Uhr herrscht. Die hessischen Grünen erneuerten gestern allerdings ihre Forderung nach einer Ausweitung des Nachtflugverbots auf 22 Uhr bis 6 Uhr zum Schutz der Gesundheit der Anwohner.

„Das ist sensationell“, reagierte auch der Frankfurter Mediziner Ernst Scheuermann von der Bürgerinitiative gegen Fluglärm in Frankfurt-Sachsenhausen. Mit der Endothel-Funktionsmessung sei nun zweifelsfrei nachgewiesen, dass es einen Zusammenhang zwischen nächtlichem Fluglärm und Herz-Kreislauf-Erkrankungen gebe. „Das kann die Politik nicht mehr bestreiten“, sagte er der FNP.

Und auch Uniklinikleiter Pfeiffer forderte schnelle Konsequenzen: Anflug im Sinkflug statt mit Vollgas, leisere Triebwerke, höhere Startgebühren für laute Flugzeuge sowie eine Verbannung lauter Frachtmaschinen. „Wenn der Flieger fliegt, kostete er eben nicht nur Kerosin und Arbeitskraft, sondern auch Lebensqualität - und es kostet uns die Gesundheit“, mahnte der Mediziner

 

NORAH-Studie in Arbeit

 

Weitere Studien laufen noch. So soll die NORAH-Studie - die von mehreren Unis und Instituten durchgeführt wird - bis Sommer 2014 erste Ergebnisse über die längerfristige Auswirkung von Verkehrslärm im Allgemeinen liefern. Über deren Stand berichten heute Abend um 18.30 Uhr beteiligte Wissenschaftler im Bürgerhaus Raunheim.

(gik,lhe,chb)
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Fluglärm kann zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen - das haben Studien belegt. Wie genau es dazu kommt, war bislang unklar. Forscher der Mainzer Uniklinik haben nun eine Studie dazu vorgelegt.
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03.07.2013
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