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Portrait: Rosenmontagskind ist gar keins

Von Sie ist die Grande Dame der Mainzer Fastnacht, berühmt wurde sie mit Liedern wie „Am Rosenmontag bin ich geboren“: Margit Sponheimer. Die gebürtige Frankfurterin war die erste Frau, die Fastnachtslieder sang.
Bilder > Margit Sponheimer auf der Fastnachtsbühne beim Gonsenheimer Carnevals Verein im vergangenen Jahr.
Ober-Olm. 

„Ein Promi?“, sagt Margit Sponheimer, „nein, das bin ich net.“ Moment: „Das Margitsche“, die Frau mit der goldenen Kehle, die Fastnachtssängerin, deren Hits noch heute in aller Munde sind – Margit Sponheimer, kein Promi? „Meine Mutter hat den schönen Satz geprägt: heute Star, morgen Schnuppe“, sagt die Sponheimer ganz gelassen: „Wenn du mit den Füßen auf dem Boden bleibst, kannst du nicht so tief fallen.“

Wir sitzen im Wohnzimmer ihres Wohnhauses in Ober-Olm, und nur ein großer schwarzer Flügel erinnert uns daran: dies ist das Haus einer Vollblutmusikerin. „Ich wollte immer auf die Bühne, als kleines Kind schon“, erzählt Margit Sponheimer. Mit vier, fünf Jahren, sang sie in Frankfurter Hinterhöfen Lieder der Amerikaner wie Lilli Marlen, und weil die Eltern sich kein Klavier leisten konnten, bekam die kleine Margit ein Akkordeon. In der Frankfurter Akkordeonschule lernte sie es zu spielen.

Nein, Margit Sponheimer ist weder am Rosenmontag, noch in Mainz geboren, aber in der Fastnachtszeit schon: am 7. Februar 1943 kam sie in Frankfurt zur Welt, mit acht Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Mainz. Die Eltern hatten ein Geschäft für Auto-Tachometer, die junge Margit stand ganz selbstverständlich im weißen Kittelchen hinter dem Tresen und bediente die Kunden. „Ich musste gleichzeitig noch eine Lehre machen, Groß- und Einzelhandelskaufmann“, erzählt sie, die Prüfung bestand sie mit Auszeichnung.

Geboren am 7. Februar

Es war die Nachkriegszeit, und in Deutschland stand Überleben auf dem Stundenplan. Fleiß, Disziplin, Leistung, das waren die Werte, mit denen die junge Margit aufwuchs. Doch da war ja noch die Bühne, von 1959 an stand und sang die junge Frau in der Fastnacht. Bei einem Neujahrskonzert mit den Gonsbachlerchen, der Gesangstruppe des legendären Herbert Bonewitz, entdeckte sie Toni Hämmerle, der ebenso legendäre Songschreiber lud das junge Mädchen zu sich nach Hause nach Gießen ein.

Mit Ernst Neger, der als „singender Dachdecker“ berühmt wurde, durfte sie 1964 zum Duett auf die Bühne – eine Frau als Solistin, erzählt Sponheimer, war damals völlig undenkbar. Doch dann gab es ein Jahr später in der Dachdeckerfirma von Ernst Neger einen tödlichen Unfall, Neger sagte alle Fastnachtsauftritte ab – und Toni Hämmerle rief sie an: Komm sofort nach Gießen! „An einem Montagnachmittag entstand das Lied, und am Donnerstag war Premiere“, erzählt Sponheimer: „Der Flügel wurde auf die Bühne geschoben, der Saal rief „Neger!“ Und dann hat Gott Jokus den Narrenhimmel aufgemacht – und das Lied war sofort da.“

„Gell, du hast mich gelle gern“ wurde der erste große Hit der Sponheimer, am Rosenmontag waren bereits 20 000 Singles verkauft. „Die Frankfurter Zeitung titelte: ein neuer Stern am Fastnachtshimmel“, erinnert sich die Sponheimer schmunzelnd, „es war eine Sensation.“ Zum ersten Mal war eine Frau in Deutschland ein Fastnachtsstar, „ich habe die Tür aufgemacht in dieser Männerdomaine“, sagt die 74-Jährige selbstbewusst.

Kostüm statt Abendkleid

Fortan war „das Margitsche“ aus der Fastnacht nicht mehr wegzudenken, immer neue Hits schrieben ihr Hämmerle und später der Frankfurter Horst Franke. Ihren größten Hit komponierte der Österreicher Charly Niessen, den Text schrieb der Frankfurter Franz Rüger: „Am Rosenmontag, bin ich geboren“ wurde ab 1969 zum Erkennungslied der Sponheimer.

Mitte der 1980er Jahre begann sie vorsichtig, sich zu emanzipieren, ging statt im Abendkleid in Kostümen auf die Bühne, sang jetzt von Marktfrauen und dem melancholischen Clown. Bei Heinz Schenk und seinem Blauen Bock gastierte sie, „er war einer meiner Ziehväter“, sagt Sponheimer. Bei Wind und Wetter tingelte sie durch die Festzelte der Nation. „Freiberufler, Frau, nicht verheiratet, das war ich“, sagt die Sponheimer.

Geheiratet hat Margit Sponheimer erst mit 50 Jahren. Als sie 28 war, kam ihr Freund bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. „Ich habe geliebte Menschen früh gehen lassen müssen“, sagt sie, auch für ihre Mutter galt das, die 1977 starb. „Ich hatte ja nie Zeit zu heiraten, und auch keine Lust“, sagt sie, „und man konnte früher auch nicht hochschwanger auf die Bühne.“

1998 sagte sie der Fastnacht ade und ging zum Volkstheater Frankfurt, machte einen harten Schnitt, lernte einen neuen Job: Schauspielerin. „Ich habe alles erreicht, was man mir als Talent mitgegeben hat“, sagt sie heute, „man soll seine Träume leben, den Mut dazu haben.“ Heute tritt die 74-Jährige wieder gelegentlich in der Fastnacht auf, etwa bei „Mainz bleibt Mainz“ oder bei der „Stehung“ in Gonsenheim. Und immer tobt der Saal, weil die Menschen spüren: Hier steht ein Vollblutprofi. „Ich muss in einem früheren Leben mal ein Zirkuspferd gewesen sein“, sagt die Sponheimer lachend, „das ist einfach mein Leben, ich blühe damit.“

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