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Porträt: Sabine Füll wurde einst von Männern belächelt

Von Sie ist das Wahrzeichen von Wiesbaden: die Nerobergbahn. 130 Jahre alt wird die Standseilbahn in diesem Jahr, dass ihr Betrieb seit fünf Jahren wieder boomt, verdankt sie einer Frau: Seit Januar 2015 ist Sabine Füll Betriebsleiterin der Nerobergbahn.
Sabine Füll musste eine Betriebsleiterprüfung und einen Lehrgang in Sachen Seilbahn machen, bevor sie ihre neue Stelle antrat.
Wiesbaden. 

Die neue große Liebe von Sabine Füll ist groß, leuchtend orange und steht auf Rädern. „Ich hatte mich schon vor fünf Jahren in die Bahn verliebt“, sagt die 52-Jährige lachend, „ich wollte diesen Job unbedingt.“ Es ist ja auch nicht irgendeine Bahn: Die Nerobergbahn in Wiesbaden ist Deutschlands einzige, mit Wasserballast gezogene Standseilbahn. Das historische Gefährt rollt seit 130 Jahren auf den Wiesbadener Hausberg, den Neroberg, die Bahn ist Kult und ein echtes Wahrzeichen der Landeshauptstadt.

Im Januar 2015 wurde Sabine Füll Betriebsleiterin der historischen Seilbahn, ausgerechnet eine Frau als Chefin von rund 25 Männern. „Es war nicht einfach, sich in einer Männerwelt zu behaupten“, sagt Füll, „ich musste mir meinen Stand erarbeiten, das ist mir aber gelungen.“

Immer ein Blaumann da

Im Schrank ihres kleinen Dienstzimmers hängt immer ein Blaumann griffbereit, wenn Not am „Mann“ ist, kann sich Sabine Füll auch persönlich unter die Bahn legen und Schrauben und Technik begutachten.

Dabei war die 52-jährige Wiesbadenerin eigentlich gar keine Technikerin. „Die Technik hat mich damals, nach dem Abi, überhaupt nicht interessiert“, sagt sie und lacht wieder einmal. Füll studierte Diplom-Betriebswirtschaft, Schwerpunkt Marketing, an der Fachhochschule Wiesbaden, arbeitete danach 17 Jahre lang im Marketing für den Gerling-Versicherungskonzern. Als sich der aus der Region verabschiedete, wechselte sie zur Wiesbadener Verkehrsgesellschaft ESWE.

„Mein erstes Großprojekt war das 125-jährige Jubiläum der Nerobergbahn“, erzählt Füll, „ein super erfolgreiches Jahr mit erstmals über 300 000 Fahrgästen.“ Die Gäste kamen, die Geschäftsleitung habe gemerkt, „wenn man hier ein bisschen was macht, boomt das doch“. Und als ein Nachfolger für den in Ruhestand gehenden Betriebsleiter gesucht wurde, bot das Unternehmen ihr die Stelle an.

Einfach so durfte sie den Job aber nicht übernehmen. „Ich musste eine Betriebsleiterprüfung machen, einen Lehrgang in Sachen Seilbahn“, sagt Füll. Und so saß die damals 48-Jährige zwischen Diplom-Ingenieuren und studierten Technikern und paukte Materialien, Aufbau eines Seils, Vergusskegel, Mechanik und Elektrotechnik. „Ich habe wirklich Tag und Nacht gelernt“, sagt Füll, „während die Männer abends auf die Rolle gingen, habe ich gebüffelt.“

Mit 100 Prozent

Belächelt worden sei sie von den Herren, sagt Füll: einzige Frau, keine Technikvorerfahrung, ob das wohl etwas werde? „Ich habe es ihnen so gezeigt“, sagt Füll mit Genugtuung: Als erste Teilnehmerin überhaupt bestand sie die Prüfung mit 100 Prozent, als erste Frau sowieso. Ihr Vater, ein Nachrichtentechniker, half der Tochter jeden Abend mit Rat beim Lernen. „Das war einfach super spannend“, sagt Füll, „ich habe mich so verliebt in die Bahn, und es hat mir Spaß gemacht, mal wieder etwas Neues zu machen im Leben.“

Nun könnte Füll mit ihrem Diplom auch die Seilbahn auf die Zugspitze leiten, im ersten Urlaub nach dem Lehrgang besichtigte sie in den Alpen jede Bergbahn im Umkreis. Ein Jahr lang musste sie als stellvertretende Betriebsleiterin Erfahrung sammeln, so die Vorschrift, im Januar 2015 dann wurde Füll die Chefin der Nerobergbahn. Vier feste Mitarbeiter hat sie, 22 Fahrer arbeiten im Schichtdienst auf den zwei Bahnen – alles Männer. „Ich hätte super gerne eine Frau als Fahrerin“, sagt Füll, „aber ich habe noch keine gefunden.“ Der Grund: Die Fahrer müssen die schwere Steuerungskurbel bedienen und auch die gesamte Fahrt über halten können, „das schaffe ich auch nicht volle sechs Stunden lang“, sagt Füll.

Im Jubiläumsjahr nun soll die Bahn noch einmal 300 000 Besucher anziehen, wenn denn das Ausflugswetter mitspielt. Sabine Füll wird man jedenfalls so schnell nicht mehr von hier wegbekommen: „Ich habe einen der schönsten Jobs hier in Wiesbaden mit gut gelaunten Menschen, glücklichen Touristen und einer traumhaften Umgebung“, sagt sie: „Ich würde hier gerne alt werden.“

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