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Inhaftierter Journalist aus Flörsheim: Schwester von Deniz Yücel: „Solidarität gibt uns Kraft“

Seit gut sechs Wochen sitzt „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel in türkischer Einzelhaft. In der Solidaritätskampagne ist seine Heimatstadt Flörsheim besonders aktiv. Das Referendum in der Türkei am Sonntag könnte Yücels Schicksal entscheidend beeinflussen.
Fast jedes Wochenende mobilisiert die „Free Deniz“-Kampagne um Schwester Ilkay Yücel Menschen irgendwo in Deutschland. Foto: Frank Rumpenhorst (dpa) Fast jedes Wochenende mobilisiert die „Free Deniz“-Kampagne um Schwester Ilkay Yücel Menschen irgendwo in Deutschland.
Flörsheim. 

Ilkay Yücel ist derzeit ständig unterwegs. Gerade ist sie aus Berlin zurückgekommen. Dort ist am vergangenen Wochenende schon zum dritten Mal ein Autokorso zur Unterstützung ihres Bruders Deniz durch die Stadt gerollt. Der Türkei-Korrespondent der Zeitung „Die Welt“ ist seit Anfang März in einem Hochsicherheitstrakt nahe Istanbul inhaftiert. Am Gründonnerstag folgt nun in Flörsheim, der Heimatstadt der Familie Yücel, eine erneute Mahnwache.

Fast jedes Wochenende mobilisiert die „Free Deniz“-Kampagne Menschen irgendwo in Deutschland – aber auch im Ausland wie etwa vor wenigen Tagen in Zürich. „Die Solidarität gibt ihm sehr viel Kraft, aber auch uns als Angehörigen“, sagt die 42-jährige Sozialwissenschaftlerin. Sie, lebt mit ihrer Familie immer noch in Flörsheim – genauso wie ihre Eltern.

Richtung Berlin

Ihr ein Jahr älterer Bruder hat die Heimat zwar nach dem Abitur Richtung Berlin verlassen, um in der Hauptstadt Politik zu studieren. Dennoch ist gerade in der Kleinstadt Flörsheim die Unterstützung für Deniz Yücel beispielhaft. „Wenn wir nur laut genug an sein Schicksal erinnern, dann können wir auch Erfolge erzielen“, sagt Bürgermeister Michael Antenbrink (SPD). Die Stadtverordneten haben bereits vor Wochen die Freilassung des Journalisten gefordert, dem die Türkei unter anderem Terrorpropaganda vorwirft.

Solidaritätsaktion für Deniz Yücel Bild-Zoom Foto: Andreas Arnold (dpa)
Fast jedes Wochenende mobilisiert die „Free Deniz“-Kampagne um Schwester Ilkay Yücel Menschen irgendwo in Deutschland.

Eines seiner angeblichen Verbrechen: Er hat für seine Zeitung ein Interview mit einem Führer der kurdischen PKK im Nordirak geführt. Zum Verhängnis wurde ihm, dass er neben seinem deutschen auch noch einen türkischen Pass besitzt. Die aus Istanbul stammenden Yücels sind eine typische Einwandererfamilie. 1972 kamen die Eltern als „Gastarbeiter“ nach Flörsheim.

Vater Ziya arbeitete in einer Keramikfabrik, Mutter Esma in einem Krankenhaus. Ziya Yücel war bereits in der Heimat in der Arbeiterbewegung verwurzelt, sein Engagement gab er an seine Kinder weiter. Sohn Deniz, der in Rüsselsheim aufs Gymnasium ging, war schon in seiner Jugend für seine Aufmüpfigkeit bekannt.

„Er hat nie ein Blatt vor den Mund genommen“, sagt der Frankfurter Steffen Jobst, der Deniz aus alten Zeiten im Rüsselsheimer Jugendzentrum gut kennt. Für die Solidaritätskampagne hat der Designer Aufkleber entworfen mit einer verfremdeten türkischen Flagge: Auf rotem Grund ist der türkische Halbmond an eine Kette mit Eisenkugeln gefesselt.

Hoffnung auf Freiheit

Als „Welt“-Korrespondent hat Yücel scharf die autokratische Politik des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogan gegeißelt, der sich kommenden Sonntag per Referendum weitere Machtbefugnisse geben lassen will. In der „Free Deniz“-Kampagne gibt es die Hoffnung, dass Yücel nach der kontroversen Abstimmung bald freikommen könnte.

Vergangene Woche erhielt erstmals ein deutscher Diplomat Zugang zu dem Journalisten. „Es ist spekulativ zu sagen, ob es nach dem Referendum besser wird“, gibt Idil Gögüs von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) in Frankfurt zu bedenken. Der Ausgang des Referendums sei angesichts des Kopf-an-Kopf-Rennens ungewiss, sagt die Türkei-Spezialistin unter Hinweis auf aktuelle Umfragen. Neben dem Fall Yücel dürfe man auch die vielen inhaftierten türkischen Journalisten nicht vergessen, betont Gögüs.

An deren Schicksal hat auch Deniz Yücel in seinen Botschaften aus dem Gefängnis erinnert. Am Montag – die Besuchszeit beträgt lediglich eine Stunde in der Woche – war Vater Ziya wieder bei seinem Sohn. „Es geht ihm den Umständen entsprechend sehr gut“, berichtet seine Schwester.

Ihr Bruder hofft nun, dass er, in seiner sechs Quadratmeter großen Zelle in der Türkei, endlich seine Post erhält. Es müssten mehrere Wäschekörbe sein. „Tausende von Solidaritäts-Postkarten sind ans Gefängnis geschickt worden“, sagt Ilkay Yücel.

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