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Alltag im Frankfurter Frauenknast: So arbeiten Lehrer hinter Gittern

Eine Klingel, die zum Unterricht läutet, gibt es nicht. Elternsprechtage braucht es nicht. „Schule“ im Frankfurter Frauenknast ist anders als draußen – nicht nur für die Schüler. Wir haben mit zwei Lehrerinnen über ihren Arbeitsalltag hinter Gittern gesprochen und dabei erfahren, warum sie ihren Job lieben und wann er gefährlich werden könnte.
Julia Baumann erklärt an der Tafel, wie die Prozentrechnung funktioniert.
Frankfurt. 

Wer als Besucher in die Justizvollzugsanstalt (JVA) Frankfurt III möchte, darf nicht viel mitnehmen. Ein Block und ein Stift sind genehmigt. Der Autoschlüssel auch. Das Handy dagegen muss draußen bleiben. Da macht das strenge Sicherheitspersonal keine Ausnahmen – auch nicht für die Lehrerinnen Julia Baumann und Davina Franke, die seit einiger Zeit in der JVA Frankfurt III in Preungesheim arbeiten. „Wir haben uns daran gewöhnt“, sagen sie und lächeln. Auch daran, dass das Gefängnis von hohen Mauern und blickdichten Zäunen umgeben ist, die zusätzlich mit spitzem Stacheldraht gesichert sind. Und daran, dass alle Räume, ja sogar alle Schränke verschlossen und die Fenster des Klassenzimmers vergittert sind.

Info: Lehrer im Vollzug

Im hessischen Justizvollzug gibt es 38,5 Stellen für verbeamtete oder tariflich angestellte Lehrkräfte. Darüber hinaus können jederzeit Lehrer beschäftigt werden, die stundenweise die schulische

clearing

Es ist eben kein gewöhnlicher Ort, an dem die beiden jungen Frauen unterrichten. „Das dürfen wir auch nie vergessen“, sagt Julia Baumann, die Mathe, Geschichte und evangelische Theologie auf Lehramt an Haupt- und Realschulen studiert hat. Genauso wenig, wie sie nachlässig sein dürfen. Schließlich seien die Schülerinnen nicht ohne Grund hinter Gittern, sagt sie.

Einmal als Lehrer im Gefängnis zu arbeiten, hatte keine der beiden geplant. „Für meine Fächerkombination Deutsch und Französisch gab es nach meinem Abschluss 2014 einfach zu wenige freie Stellen an hessischen Gymnasien. Die Arbeitsagentur machte mich auf diesen Job aufmerksam und ich bewarb mich“, erzählt Davina Franke. Das ist inzwischen fast zwei Jahren her. Inzwischen sei sie angekommen und wolle auch gar nicht mehr weg, sagt sie. Ähnlich ist es bei Julia Baumann.

Mensch im Fokus

Die jungen Lehrerinnen unterrichten nicht nur Jugendliche, die noch schulpflichtig sind, sondern auch Frauen, die bisher keinen Schulabschluss haben, aber einen machen wollen. Das sei auch im Sinne der Resozialisierung. „Bei uns steht der Mensch im Fokus. Leistungsdruck ist hier ein Fremdwort“, sagt Franke. Sie unterrichtet 20 Stunden pro Woche Deutsch, Deutsch als Fremdsprache und Biologie. Die übrige Zeit sei sie mit Verwaltungsaufgaben sowie der Betreuung der ehrenamtlichen Mitarbeiter beschäftigt. Ihre Kollegin Baumann unterrichtet acht Stunden pro Woche Mathe und zwei Stunden Geschichte, organisiert darüber hinaus für die Insassinnen Freizeitkurse und Events.

Schulverweigerer

Der Schulalltag im Knast stellt die jungen Frauen immer wieder vor Herausforderungen. „Unsere Schüler sind in der Regel im Bildungssystem hinten runtergefallen. Viele waren Schulverweigerer. Die Begeisterung, Vokabeln zu pauken, hält sich daher in Grenzen“, berichtet Franke.

Erschwerend komme hinzu, dass die Straftäterinnen häufig sehr unterschiedliche Bildungsniveaus mitbrächten. „Es gibt Frauen, die das Gymnasium besucht haben, aber auch solche, die zuletzt als Kind eine Schule von innen gesehen haben“, sagt Franke.

Auch die hohe Fluktuationsrate der Schülerinnen mache ihnen manchmal zu schaffen. „Einige sind nur wenige Wochen im Vollzug, andere wiederum mehrere Monate oder sogar Jahre. Für uns stellt sich also immer wieder neu die Frage, wo unsere Schülerinnen stehen und bis zu welchem Punkt wir sie begleiten können“, verdeutlicht Baumann.

Die Pädagoginnen investieren deshalb viel Zeit in die Unterrichtsvorbereitung – schließlich wollen sie die Inhalte möglichst praktisch und anschaulich vermitteln. Wenn in Mathematik beispielsweise Prozentrechnung auf dem Plan steht, dann „errechnen wir, ob ein vermeintliches Schnäppchen auch tatsächlich eines ist. Oder zu wie viel Prozent eine Stück Butter aus Fett besteht“, beschreibt Baumann. Aktuell betreuen die beiden Lehrerinnen drei junge Frauen, darunter zwei, die in Kürze ihre Hauptschulabschlussprüfung ablegen wollen. Um die Schülerinnen auch hinter Gittern optimal auf ihren Abschluss vorzubereiten, sei es auch mal notwendig, fachfremd zu unterrichten, erzählt Franke: „Derzeit bespreche ich mit ihnen, wie der menschliche Körper funktioniert."

Keine Angst haben

Wer im Vollzug arbeitet, muss eine gehörige Portion Empathie mitbringen. „Aber wir sind weder Kummerkastentanten noch Retterinnen der verlorenen Seelen“, sagt Franke.

Ob es je eine Situation gab, die gefährlich war? Die beiden verneinen. Angst dürfe ohnehin keine von ihnen haben. „Sonst wären wir hier fehl am Platz“, sagen sie. Aber sie müssten immer genau beobachten, um im Fall der Fälle deeskalierend einwirken zu können. Obacht sei angebracht, wenn Schülerinnen unter emotionalem Druck stünden.

Franke und Baumann hat die Arbeit mit den Straftäterinnen verändert. „Ich rede nicht mehr um den heißen Brei herum“, sagt Baumann. Sie gebe inzwischen klare und deutliche Ansagen und setze diese dann auch selbstbewusst durch. Franke: „Ich bin realistischer geworden. Unsere Gesellschaft ist nicht nur Schwarz-Weiß, sondern sie hat viele Grauzonen.“ Sie verurteile Menschen nicht mehr, weil sie eine Straftat begangen hätten. „Da stecken teilweise krasse Schicksale dahinter“, sagt sie. Und es sei vermessen zu denken, dass einem so etwas niemals passieren könnte.

Erfolgserlebnisse

Es sei für die beiden Pädagoginnen immer wieder beeindruckend zu sehen, wie sich die jungen und älteren Frauen weiterentwickelten, wie sie aufblühten und ihren Horizont erweiterten. Und es seien die kleinen und großen Erfolgserlebnisse der Frauen, die ihnen Freude bereiteten.

„Ich erinnere mich beispielsweise an einen Moment, als eine meiner älteren Schülerinnen glasige Augen hatte, weil sie zum ersten Mal in ihrem Leben ihren Namen in Schreibschrift geschrieben hatte“, erzählt Franke. Genau in solchen Momenten realisierten sie, dass sie zwar nicht die Welt retten, aber doch etwas bewirken könnten, sind sich die beiden einig.

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