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Interview: So können Schüler ohne Druck zum Gestalter des eigenen Lernprozesses werden

Im Interview mit dieser Zeitung skizzierte der Hirnforscher Gerald Hüther Voraussetzungen und Forderungen, die für die Entwicklung von Schülerinnen und Schülern aus Sicht der Neurobiologie ohne Alternative sind.
Biologe Gerald Hüther: „Kinder dürfen nicht zum Objekt gemacht werden.“ Biologe Gerald Hüther: „Kinder dürfen nicht zum Objekt gemacht werden.“

  Freude am Lernen: Kein Kind darf seine angeborene Freude am Lernen in der Schule verlieren.

  Gestalter des eigenen Lernprozesses: Damit das nicht passiert, muss jedes Kind Gestalter seines eigenen Lernprozesses sein. Es bestimmt selbst, wie und was es lernen will. Es bestimmt auch, mit wem es am besten Lernen kann, etwa in einer kleinen Gruppe oder zu zweit.

  Kind ist kein Objekt: Voraussetzung dafür ist, dass ein Schüler nicht zum Objekt von Belehrung, Unterricht und Bewertung gemacht wird.

  Keine Konditionierung: Deswegen haben Konditionierungsmaßnahmen nichts in der Schule zu suchen – Konditionierung im Sinne extrinsischer Motivation (Belohnung, Bestrafung). Hüther: „Kinder sind keine Zahnpasta-Tuben, wo mehr herauskommt, je mehr man draufdrückt. Im Gegenteil!“

  Lernen über Emotionen: Der Lernstoff muss unter die Haut gehen, er muss emotional aufgeladen sein. Das wäre er immer dann, wenn er für das Kind Bedeutung bekommt – von dem Kind selbst als bedeutsam für sein Leben empfunden wird.

  Lernen in der Gruppe: Lernen und Weiterentwicklung geht nicht alleine. Dazu werden immer andere gebraucht. Deshalb müssen Lernprozesse in Gemeinschaften eingebettet werden.

  Andere nicht zum Objekt machen: Es macht keinen Sinn, etwas in der Schule zu lernen, wenn man es dazu benutzen kann, andere als Objekt zu behandeln. Hüther: „Es gibt genug Leute, die auf die besten Schulen gegangen sind, und die Schulen haben es nicht geschafft, bei denjenigen ein Bewusstsein für die eigene Würde zu entwickeln.“ Hüther zieht als Beispiel Despoten, Nazi-Schergen oder auch skrupellose Managertypen heran, die trotz des Besuchs von Eliteschulen durchs Leben gehen und andere Menschen nur für eigene Zwecke und zum eigenen Vorteil missbrauchen.

  Keine Selektion in Schulen: Vieles muss in Frage gestellt werden. So zum Beispiel die Schulpflicht. Der Staat soll durchaus mit Pädagogen Anforderungen formulieren, welche Lehrinhalte altersgerecht sind. Aber er darf Kinder nicht zwingen, in Schulen unterrichtet zu werden. Ein Unterricht nach Lehrplänen ist genauso in Frage zu stellen wie die Leistungskontrollen zum Zweck der Selektion. Sämtliche Selektionsverfahren haben in der Schule nichts zu suchen.

  Lernort Schule: Kinder müssen Schule als einen Ort erleben, wo sie gerne und freiwillig hingehen. Entsprechend muss eine Schule mit den Schülern gestaltet werden.

  Kompetenzen fürs Leben: Kinder müssen Fähigkeiten entwickeln und Erfahrungen sammeln, die ihnen als Kompetenzen im Leben helfen – bereits in der Kindheit und im Erwachsenenalter. Zu diesen Kompetenzen zählen auch Selbstverantwortung, Mitgefühl oder Konfliktfähigkeit.

  Lehrer als Begleiter: Lehrer sind diejenigen, die den Lern- und Entwicklungsprozess der Schüler begleiten. Sie wecken das Interesse der Kinder und stillen deren Neugierde. Sie helfen den Schülern dabei, sich bestimmte Themen zu erschließen und sich Wissen anzueignen. Sie übernehmen eher die Rolle eines Tutors als die des Lehrers, wie wir ihn heute kennen.

( lb)

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