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„Ich kann wirklich was bewegen“: Stefanie Richter muss sich als Ärztin neben vielen männlichen Kollegen behaupten

Seit Jahren steigen mehr Frauen als Männer in den Arztberuf ein. Dennoch sind in der Chirurgie Männer oft unter sich. Stefanie Richter stört das nicht. Sie will Chirurgin werden und kämpft gegen alte Stereotypen an.
Im Frankfurter Klinikum Höchst arbeitet Stefanie Richter in der Chirurgie – einer Männerdomäne. Dieser Umstand hat die 26-jährige Ärztin selbstbewusster gemacht, wie sie selbst sagt.
Frankfurt. 

„Die Chirurgie ist nichts für Frauen.“ Das musste sich Stefanie Richter immer wieder anhören. Freunde, Bekannte und Ärzte, die sie während ihres Studiums kennenlernte, rieten ihr immer wieder davon ab, sich auf die Chirurgie zu spezialisieren. Der Beruf sei nicht mit dem Kinderkriegen vereinbar und erfordere ein besonderes Durchsetzungsvermögen, das sei eben nichts für Frauen, lauteten die Argumente. Abschrecken lassen hat sich Richter davon nicht.

Seit Januar 2016 arbeitet die 26-Jährige in der Chirurgie im Klinikum Frankfurt Höchst. Das Beispiel einer Oberärztin während ihrer Famulatur hat sie davon überzeugt, dass auch Frauen, die gängigen Weiblichkeitsidealen entsprechen wollen, sich unter Chirurgen durchsetzen können, ohne sich verbiegen zu müssen. Diese Erfahrung macht Stefanie Richter auch im Berufsalltag. „Das Arbeitsklima, auch gerade mit den männlichen Kollegen, ist hier sehr gut. Sowohl auf der Arbeit, als auch privat“, meint die junge Ärztin.

Das Beispiel von Stefanie Richter zeigt, dass sich Männer in allen Fachrichtungen vermehrt auf weibliche Kollegen einstellen müssen. Im Medizinstudium sind Frauen schon seit mehr als 15 Jahren in der Überzahl. Über 60 Prozent der Studierenden im Fach Medizin sind heute weiblich. Auch im Berufsalltag steigt ihr Anteil deutlich weiter. 46,5 Prozent aller praktizierenden Ärzte sind Frauen. Die Chirurgie bleibt jedoch weiterhin eine Männerdomäne. Dort kommen auf jede Frau fünf Männer. Ist das Geschlecht also vielleicht ein Karrierehindernis? „Das Gefühl habe ich überhaupt nicht“, sagt Richter. Allerdings habe sie auch nicht die Ambition, einmal Chefärztin zu werden. „In dem Fall ist das vielleicht anders.“ Später mal Oberärztin zu sein, kann sie sich jedoch vorstellen.

Studium in Rekordzeit

An der nötigen Zielstrebigkeit fehlt es der jungen Ärztin jedenfalls nicht. Mit 18 Jahren kam sie zum Studium an der Goethe-Universität aus einer Kleinstadt bei Dresden nach Frankfurt. „Ich wollte auf jeden Fall in eine Großstadt“, begründet Richter ihre Wahl. Nach dem Abschluss, den sie in der Regelstudienzeit erreichte, stieg sie mit gerade einmal 24 Jahren im Klinikum Frankfurt Höchst ins Berufsleben ein. Schneller geht das kaum. Ihre Zukunft sieht die junge Frau in der Mainmetropole: „Ich fühle mich hier sehr wohl. Mir gefällt, dass die Menschen sehr zugänglich sind und dass Leute aus verschiedenen Ländern und Milieus aufeinander treffen.“

Auch Richter ist nicht in Deutschland geboren. Sie kam als Kleinkind mit ihrer Familie aus Sankt Petersburg nach Deutschland. Ihre Mutter studierte selbst Medizin in Russland, musste das Studium jedoch wegen der Schwangerschaft abbrechen. Nach dem Umzug nach Deutschland hat sie das Studium nicht wieder aufgenommen. „Es war deshalb immer ihr Wunsch, dass wir Kinder dann irgendwann mal vollenden, was sie begonnen hat“, sagt Richter. „Nach mehreren Schülerpraktika im Krankenhaus wusste ich dann, dass ich nichts anderes tun möchte“, erklärt die Ärztin ihre Motivation. Obwohl sich Frauen wie Richter in der Männerdomäne Chirurgie zu behaupten wissen, haben andere noch Probleme damit, sich auf aufstrebenden Frauen einzulassen. Gerade ältere Patienten hielten sie zuweilen für eine Krankenschwester, erzählt Richter. „Ich werde öfters gefragt, ob denn noch ein Arzt vorbeikommt.“

Zeigen, was möglich ist

Wenn Richter entgegnet, sie sei die Ärztin, hört sie Sätze wie „Oh, ich hatte mit einem Mann gerechnet.“ Mittlerweile komme das jedoch seltener vor. „Das liegt auch daran, dass ich selbstbewusster geworden bin.“ Obwohl Stereotype fortbestehen und die meisten Schlüsselpositionen noch Männern vorbehalten sind, wird Richter auf jeden Fall in der Chirurgie bleiben. „An der Chirurgie ist besonders schön, dass man zum einen den Kontakt mit den Patienten hat, aber auch etwas, dass man mit seinen Händen anstellt. Und ich habe das Gefühl, in meinem Beruf wirklich etwas bewegen zu können.“ Richter fände es deshalb schön, wenn junge Frauen sich nicht vom Image der Männerdomäne abschrecken lassen. „Es gibt schließlich genug Frauen, die zeigen, was möglich ist.“

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