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Tag der Deutschen Einheit: Steinmeier warnt in Mainz vor neuen Mauern in Deutschland

Von Deutschland feiert die Einheit – doch eineinhalb Wochen nach der Bundestagswahl herrscht Unsicherheit. Der Bundespräsident spricht in Mainz von tiefem Misstrauen, das gegen die Demokratie geschürt wird.
Tag der Deutschen Einheit in Mainz Foto: Boris Roessler (dpa) Bundespräsident Steinmeier nimmt auf der Feier zum Tag der Deutschen Einheit in Mainz ein Bad in der Menge. Das Fest stand unter dem Motto „Zusammen sind wir Deutschland“.
Mainz. 

Das Volk ist an diesem Morgen weit weg. Der Tross von Ehrengästen und Presse fährt entlang endloser Absperrgitter durch menschenleere Straßen zu den Feierlichkeiten im Mainzer Dom. Am Vortag haben bereits rund 150 000 Menschen das Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit gefeiert, an diesem Morgen, dem 3. Oktober aber, wird das Volk ferngehalten. Vor einem Jahr störten Protestierende in Dresden die Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag massiv mit Buhrufen und Pfiffen, das soll sich auf keinen Fall wiederholen.

Das Polizeiaufgebot ist massiv, 7400 Polizisten sollen an beiden Tagen die Feiern in Mainz sichern – gegen Terrorgefahr, aber auch gegen Störungen aller Art. Die komplette Innenstadt ist für den Verkehr gesperrt, 117 Einfahrtsperren wurden errichtet. Die Ehrengäste fahren im geschützten Raum vor, nur ausgewählte Bürgerdelegationen dürfen zur Begrüßung Fähnchen schwenken.

Enttäuschung und Wut

„Natürlich stört das“, sagt Astrid Rosenek kopfschüttelnd mit Blick auf die Absperrungen, „es sind ja unsere gewählten Volksvertreter, wenn man da nicht drankommt, ist das schon komisch.“ Rosenek hat es auf den Markt geschafft, wo nach dem Gottesdienst „Begegnung mit dem Volk“ auf dem Programm steht. Die ältere Dame ist gebürtige Thüringerin, „wir haben damals für die Freiheit gekämpft“, sagt sie, damals 1989, als die Mauer fiel, für „diese Freiheit, diese Meinungsfreiheit“. Rosenek lebt heute in Nordrhein-Westfalen. Dass so viele ihrer alten Landsleute nun die rechtsextreme AfD gewählt haben, hat sie geschockt.

Vor gerade einmal einer Woche zog die AfD mit 12,6 Prozent und 94 Mandaten in den Deutschen Bundestag ein, der Schock darüber vibriert durch den Feiertag der Deutschen. „Wenn einer sagt, ,Ich verstehe mein Land nicht mehr‘, dann gibt es etwas zu tun in Deutschland“, sagt Bundespräsident Frank Walter Steinmeier beim offiziellen Festakt in der Rheingoldhalle wenig später und zitiert den ostdeutschen Barden Wolf Biermann: „Deutschland, Deutschland ist wieder eins / Nur ich bin noch zerrissen.“

Klischees und Vorurteile

In Deutschland seien neue Mauern gewachsen, konstatiert Steinmeier, Mauern aus Entfremdung, Enttäuschung oder Wut, Mauern „rund um die Echokammern im Internet“. Dahinter werde „tiefes Misstrauen geschürt“ gegen die Demokratie und ihre Repräsentanten, warnt Steinmeier. Beim Ökumenischen Gottesdienst im Mainzer Dom am Morgen dreht sich die Lesung um das Wort „Du sollst Dir kein Bildnis machen“.

„Kennen Sie einen Juden oder eine Jüdin persönlich?“, fragt Till Baeckmann von der Aktion „Rent a Jew – Miete einen Juden“ im Gottesdienst. Die Aktion organisiert Begegnungen mit Juden, um mit Klischees und Vorurteilen aufzuräumen; die Juden erzählen dabei ihre persönlichen Geschichten. „Wir müssen im Dialog bleiben, denn so – und nur so – können wir gemeinsam Deutschland sein“, sagt Baeckmann.

Umfrage: Vor allem junge Leute denken gesamtdeutsch

50 Prozent der Bundesbürger sind der Meinung, dass die Menschen in Ost- und Westdeutschland mittlerweile weitgehend zu einem Volk zusammengewachsen sind; das ergab eine repräsentative Umfrage von

clearing

Auch der Bundespräsident spricht davon, dass die Geschichten über die Brüche im Leben vieler Ostdeutscher nach dem Mauerfall endlich in der kollektiven Erzählung des Landes ankommen müssen. Heimat dürfe nicht jenen überlassen werden, die Heimat konstruierten als ein „Wir gegen Die, als Blödsinn von Blut und Boden“, sagt Steinmeier wörtlich: „Verstehen und verstanden werden – das ist Heimat.“

„Wir sollten vom Glück der Wiedervereinigung erzählen und so den Tag der Deutschen Einheit feiern“, sagt auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Schwarz-Rot-Gold, das stehe eben „nicht für deutsche Enge, sondern für Freiheit, Demokratie und Zusammenhalt“. Und es sei gerade der Rhein, der europäischste aller Flüsse, der immer wieder gezeigt habe, dass Vielfalt kein Hindernis sei, betont Dreyer: „Vater Rhein hat einen Migrationshintergrund.“

Vor der Tür flaniert das Volk unterdessen an den Absperrgittern am Rhein vorbei. Statt Pfiffen und Buhrufen hat es Beifall für die Staatsspitzen gegeben. Das „Bad in der Menge“ auf dem Markt von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) war nach fünf Minuten beendet. „Schade“, sagt Astrid Rosenek enttäuscht, „das war sehr kurz.“ Die Bundeskanzlerin ist nicht einmal in ihre Nähe gekommen. Ganz hinten am anderen Ende der Absperrung singt ein Gospel-Chor aus Heidelberg „All You need is Love.“

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