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Sünde und Schuld der Kirche

Von In den katholischen Heimen St. Vincenzstift und Marienhausen gab es laut einer neuen Studie mehr Missbrauchsopfer als bisher bekannt.
Eine Gruppe von Schuljungen im St.Vincenzstift Aulhausen beim Spielen im Aufenthaltsraum um 1955. Foto: Archiv St.Vincenzstift
Rüdesheim.  55 Frauen und Männer haben sich bisher allein wegen sexueller Übergriffe im St. Vincenzstift in Aulhausen und der benachbarten Jugendhilfe Marienhausen gemeldet, mit anderen Delikten wie körperlichen und seelischen Misshandlungen sind es über 90 Opfer. Fachleute halten die bekannt gewordenen Übergriffe für die Spitze des Eisbergs, deshalb ist von weiteren Vorfällen auszugehen.

„Ich war Teil des Systems“, sagt Barbara Heun und bittet um Entschuldigung. Von 1973 bis 1976 war sie als Gruppenleiterin im Kindergarten des St. Vincenzstifts in Aulhausen tätig, der ehemals größten Einrichtung des Bistums Limburg für Behinderte, die sich seit drei Jahren unter der Trägerschaft der St. Josefgesellschaft in Köln befindet. Barbara Heun bittet um Entschuldigung an dem Tag, an dem die Ergebnisse der Heimkinderstudie vorgestellt werden. Es ist ein Nachmittag, an dem sich viele schreckliche Vermutungen über Missbrauch und körperliche Gewalt in den kirchlichen Einrichtungen bestätigen.

 

Tägliche Angst

 

Es gibt Applaus für Heuns Entschuldigung. Es hört sich nach einer Bestätigung an. Viele Opfer sind der Einladung des Stifts gefolgt und zur Vorstellung der Studie gekommen. „Die Berufe, die ich lernen wollte, konnte ich nicht lernen, weil ich angeblich geistig schwachsinnig war“, erzählt ein ehemaliger Bewohner - dann versagt ihm die Stimme. „Es gab Nonnen, die waren schrecklich - und es gab Nonnen, die waren super“, erzählt eine ehemalige Bewohnerin. Die Angst war jedoch täglicher Lebensbegleiter während ihrer Zeit in Aulhausen.

Günter B. kam 1948 als Fünfjähriger in das Stift. Er berichtet von Misshandlungen. Ursula G. lebte 22 Jahre lang im Stift. „Ein Martyrium“ sagt sie. Auch Alexander Homes meldet sich zu Wort. Er hat über seinen fast zehnjährigen Aufenthalt in Aulhausen geschrieben und klagt an, dass die Opfer nicht nur Missbrauch und Misshandlungen ertragen mussten, sondern sich auch noch Angriffen ausgesetzt sahen, wenn sie mit ihrem ertragenen Leid den Weg in die Öffentlichkeit suchten. Lange ist ihnen eine Anerkennung verwehrt geblieben, lange wurde versucht, das schreckliche Geschehen zu vertuschen.

 

Die Strafe Gottes

 

Was sich in der Zeit von 1945 bis 1970 in dem Stift und dem Jugendheim Marienhausen ereignete, wurde erforscht. „Wir haben es hier nicht nur mit dem Vergehen und Sündigen von einzelnen Personen zu tun, sondern auch mit struktureller Sünde und Schuld der Kirche“, machte Caspar Söling als Leiter des St. Vincenzstifts deutlich.

Seit Oktober 2009 - der damalige runde Tisch im Wiesbadener Landtag mit Vorwürfen gegen das Stift und seinen langjährigen Leiter und Priester Rudolf Müller war die Initialzündung für die Aufarbeitung - meldeten sich zahlreiche ehemalige Heimkinder. Ebenso bei den Salesianern, dem ehemaligen Träger der Jugendhilfe Marienhausen.

Nach Einschätzung von Söling wurden die Taten möglich, weil Kleriker ihre Schandtaten als Gottes Strafe darstellten und damit die Opfer mundtot machten. Die Taten seien auch möglich geworden, weil die Schwestern und Mitarbeiter in falscher Ehrfurcht schwiegen oder wegsahen, statt aufzubegehren, und weil es den verantwortlichen Amtsträgern um das Ansehen der Priester und der Kirche ging, anstatt um Gerechtigkeit und die Würde der Opfer. Neben Müller wurden Vorwürfe im Bezug auf Sexualdelikte auch gegen einen Mitarbeiter, Schwestern und den damaligen für das Stift tätigen Arzt geäußert.

 

Entschuldigungen

 

Söling entschuldigte sich als Leiter des St. Vincenzstifts bei allen, die Leid in der Einrichtung erfahren haben. Eine Entschuldigung, die auch Schwester Simone Weber, Provinzoberin der Dernbacher Schwestern, aussprach. Schwestern des Ordens sind seit Bestehen des Stifts dort aktiv. „Es ist nicht leicht, wenn wir in der eigenen Gemeinschaft mit einer solchen Vergangenheit konfrontiert werden. Das trifft das Innerste des Ordens“, sagte die Oberin im Bezug auf den Vorwurf körperlicher Misshandlungen. „Es drängt mich, mich stellvertretend für Schwestern, die sich schuldig gemacht haben, zu entschuldigen“, sagte Schwester Simone Weber.

Auch Pater Reinhard Gesing als Vertreter der Salesianer Don Boscos, der Orden war von 1924 bis 1991 Träger des Jugendheims Marienhausen, ließ keinen Zweifel daran, dass Angehörige des Ordens schwere Schuld auf sich geladen haben.

 

Die Studie

 

Die Untersuchungen über Misshandlungen und Missbrauch in den beiden Einrichtungen zwischen 1945 und 1970 hat Bernhard Frings von der Ruhr-Universität Bochum geleitet und unter dem Titel „Behindertenhilfe und Heimerziehung“ zusammengefasst. In seinem Fazit macht Frings deutlich, dass in den 1950/60er Jahren die Betreuungsarbeit im St. Vincenzstift innerhalb des damaligen Rahmens von Seiten der zuständigen staatlichen Stellen weitgehend als gut eingeschätzt wurde, das Jugendheim Marienhausen dagegen aufgrund bekannt gewordener Verfehlungen Erziehender und auch struktureller und pädagogischer Rückständigkeit in der Kritik stand.

Begünstigt wurden nach Frings’ Einschätzung die festgestellten schlimmen Auswüchse durch die besonderen Persönlichkeitsmerkmale einzelner Mitarbeiter im Stift, aber auch durch die extreme Abgeschlossenheit der einzelnen Gruppen innerhalb der Einrichtung wie auch der gesamten Einrichtung zur Außenwelt. Die Kinder und Jugendlichen lebten oft in einer Atmosphäre der Angst. Große Strenge, körperliche Züchtigungen und demütigende Strafen etwa für Bettnässer waren alltäglich.

 

Versöhnung versuchen

 

In Aulhausen ist die Aufarbeitung der Vergangenheit und die Versöhnung so weit fortgeschritten, dass einige Ehemalige die Einrichtung, die nicht mehr mit der ihrer Kindheit vergleichbar ist, besuchen. In Einzelfällen, so berichtet Söling, haben sich auch Opfer und Täter versöhnt. Geplant ist auf dem Gelände auch ein Ort der Erinnerung mit einem Mahnmal und die weitere Aufarbeitung der Geschichte.

 

Die Geschichte

 

Marienhausen und das St. Vincenzstift sind Einrichtungen mit gemeinsamen Wurzeln im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts als „Diözesan-Rettungsanstalt“ beziehungsweise „Diözesan-Idiotenanstalt“. Die Erziehung und Pflege der Mädchen und Jungen oblag im Stift den Dernbacher Schwestern und im Jugendheim von 1924 an den Salesianern Don Boscos. Beide Häuser wurden 1938/39 von den Nationalsozialisten enteignet und zu anderen Zwecken genutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Stift, das sich Anfang der 1950er Jahre „Bildungs- und Pflegeanstalt für schwachbegabte und seelisch abnorme Kinder und Jugendliche“ nannte, mit rund 400 Kindern und Jugendlichen wieder schnell voll belegt. Das Knabenheim Marienhausen nahm Mitte der 1950er Jahre knapp 250 Jungen auf.

 

Wo ist Franz Kaspar?

 

Vermisst wurde von ehemaligen Bewohnern des Stifts bei der Vorstellung der Studie Franz Kaspar. Der heutige Generalvikar des Limburger Bistums war von 1970 bis zum Jahr 2006 Leiter des Stifts und direkter Nachfolger von Rudolf Müller. Noch im Jahr 2006 benannte Kaspar einen Neubau auf dem Gelände des Stifts nach seinem Vorgänger. Die Namensnennung ist längst wieder aufgehoben.

Müller nahm sich 1970 das Leben. Die grausame Wahrheit über Müller drohte Ende der 1960er Jahre ans Licht zu kommen, als Zivildienstleistende mit einer Unterschriftenaktion Vorgänge offenbarten. Doch nach dem Suizid Müllers begann unter seinem Nachfolger Kaspar, der bereits unter Müller am St. Vincenzstift tätig war, keineswegs eine Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern der Mantel des Schweigens wurde ausgebreitet.

Alle, die in den Folgejahren Missstände im Stift thematisierten, wurden mit juristischen und politischen Mitteln bekämpft. Das bekam vor allem Alexander Homes zu spüren, der in seinem Buch „Prügel vom lieben Gott“ als ehemaliger Zögling des Stifts die Verhältnisse schilderte - ohne das Stift explizit zu nennen. Zuvor hatte Homes bereits in Flugblättern auf die Situation aufmerksam gemacht und dabei auch den Missbrauch an ihm durch den ehemaligen am Stift tätigen Arzt beschrieben. In diesem Zusammenhang wurden 1978 weitere Bewohner des Stifts durch staatliche Behörden befragt. Und dabei wurde auch geäußert, dass Müller nicht Opfer, sondern Täter war. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen wurden auch der Leitung des Stifts zur Verfügung gestellt.

Es gibt noch viele Fragen, auf die es bisher keine Antworten gibt.

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