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Porträt: Sylvia Rathai tourt als DJ Hildegard durch die Clubs in Deutschland

Woran denkt man, wenn man den Namen Hildegard hört? Bestimmt nicht an eine Frau, die nachts Menschen in Clubs mit elektronischer Musik einheizt. Ein Porträt über eine Musikerin, die im Gedächtnis bleibt.
Unten wippt die Menge im Takt: Sylvia Rathai sorgt für Stimmung auf der Tanzfläche in Clubs quer durch die Republik.
Frankfurt. 

Der Nachthimmel hat sich über Frankfurt gelegt. Obwohl es noch eben heftig geschüttet hat, tummeln sich die Leute an der „Regenbogen-Area“ auf dem Museumsuferfest. Unten wippt die Menge im Takt, mit Blick nach vorne zur Bühne. Dort oben bedient DJ Hildegard die Platten und heizt ihnen mit House und Electronica ein. Im Hintergrund funkelt die Frankfurter Skyline. Hildegard tanzt, albert herum und lacht dabei immer wieder herzhaft über sich selbst, bevor sie sich wieder konzentriert dem Mischpult zuwendet.

Auch abseits der Bühne wirkt Hildegard fröhlich und aufgedreht. In Wirklichkeit heißt sie Sylvia Rathai, „aber Sylvia nennt mich nur meine Mutter“, erzählt sie. Und lacht. Von Kindesjahren an hatte sie großen Spaß an der Musik. „Der Bruder meiner besten Freundin hatte ein DJ-Pult. Ich war zum Essen dort eingeladen und saß dann den ganzen Tag nur an diesem Pult. Das hat sich dann vom Hobby einfach so weiterentwickelt.“ Mit 16 Jahren hatte Hildegard ihren ersten Gastspielvertrag für eine Karnevalsfeier. Nach dem Realschulabschluss machte sie eine Lehre zur Versicherungskauffrau und studierte später Marktforschung in Pforzheim. Daneben blieb sie jedoch immer der Musik treu, und übernahm schon als junge Frau den Club „Care“ in Karlsruhe.

Seit Ende der 80er

Seit Ende der 80er ist sie im Geschäft als DJ. Angefangen hat sie mit Hip-Hop, Soul und Funk. Ende der 90er nahm sie einen Job als Promoterin bei einem Label in Hamburg an. Dort kam sie zur Elektronischen Musik, vor allem zum House. Glücklich wurde sie in den von Männern beherrschten Labels jedoch nicht. „Wenn man da als Frau seinen Mund aufmacht, hat man es nicht leicht“, erinnert sich die gebürtige Berlinerin. Deshalb gründete sie schließlich ihr eigenes Label „Hildegard meets Music“ und machte fortan als Selbstständige Promotion für Künstler und legte weiter selbst auf. Fünf Jahre lang war sie das Gesicht des Frankfurter Labels „Big City Beats“ und arbeitete gemeinsam mit Planet Radio. Aus dieser Zeit hat sie gute Erinnerungen an die Stadt und ihre Clubs. Zum Museumsuferfest kommt Hildegard, die heute in Köln lebt, noch fast jedes Jahr.

Ihren Alltag als DJ malen sich wohl viele aufregender aus, als er ist. „Ich sitze die ganze Woche in einem ganz normalen Büro, arbeite Verträge aus, besorge mir Jobs und lade Musik runter. Die muss man dann noch mal durchhören, aussortieren und fertig machen. Das ist ein riesiger Aufwand“, beschreibt Hildegard ihre Arbeit jenseits der Tanzfläche. Sie wird als Booking DJ in der Regel als einer der Hauptauftritte des Abends gebucht. Ein Auftritt dauert meist zwei Stunden.

In dieser kurzen Zeit wird ihr jedoch alles abverlangt. „Da bleibt keine Zeit zum Warmspielen. Die Leute sind aufgeheizt und dann muss man selbst von null auf hundert kommen“, sagt Hildegard. „Da bin ich auch hinterher sehr ausgepowert.“ Wenn die Party gut ist, spiele sie dennoch gerne spontan mal eine Stunde länger.

Für ihre Auftritte reist sie quer durchs Land und auch darüber hinaus. Beim Auflegen vertraut Hildegard weiter auf das gute alte Vinyl – das betont sie immer wieder. Die meisten jüngeren Kollegen täten das leider nicht mehr, „Heute braucht man ja nicht mehr als einen USB Stick oder einen Rechner, der die Übergänge selbst regelt.“ Hildegard fällt auf unter den DJs, nicht nur wegen ihrer Art. Als Frau zählt sie immer noch zu den Ausnahmen.

Zuweilen ungerecht

Wenn man sich hinter dem Pult in den Clubs umsieht, steht da meist ein Mann. „Frauen haben sehr selten die Möglichkeit bekommen“, findet Hildegard. Früher habe sie darüber nie nachgedacht. „Ich bin da einfach durchgestürmt, weil ich das aufgrund meiner Hautfarbe sowieso schon immer so machen musste“, erzählt sie. Erst in den letzten Jahren wurde ihr bewusst, wie ungerecht es zuweilen zugehe, „wie viel besser man sein muss als der männliche Kollege, um den gleichen Erfolg zu haben.“ Trotz dieser Widrigkeiten hat Hildegard sich durchgesetzt. Von ihrem Beruf kann sie heute gut leben. Ein Teil ihres Erfolgs versteckt sich wohl auch hinter ihrem Künstlernamen. Nachdem ein Promoter bei ihr im Club war, den sie bisher nur vom Telefon her kannte, adressierte er das nächste Paket mit Platten an sie aus Spaß an „Frollein Hildegard“. Das Paket kam trotzdem an. „Als ich das sah, habe ich mich kaputtgelacht. Ich fand das so gut und dachte mir, ich nehme den Namen jetzt einfach“, erzählt sie.

Zuerst wollten die Clubs ihren Namen nicht auf Plakate drucken - er klang zu sehr nach Schlager. Mit der Zeit aber wurde der Name zum Hingucker, weil er zwischen all den anderen auffiel. „Das ist einfach ein Spaß“, meint Hildegard. „Man darf sich selbst nicht zu ernst nehmen.“

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