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Verband hessischer Apotheker: Unkontrollierter Medikamenten-Versandhandel: Apotheker alarmiert

Von Eine Apotheke ist ein wirtschaftlicher Selbstläufer für deren Besitzer - mit diesem und anderen Missverständnissen der Branche räumt Holger Seyfarth, Verbandsvorsitzender der hessischen Apotheker auf.
Hessischer Apothekerverband Foto: Holger Menzel Ein Mann vom Fach: Holger Seyfarth, der Vorsitzende des Hessischen Apothekerverbandes, in seinem eigenen Betrieb.
Frankfurt. 

Der Versandhandel über einen eigenen Web-Shop ist unter Hessens Apothekern noch nicht weit verbreitet. Von den rund 1500 hessischen Apotheken besitzen lediglich 220 die dazu notwendige Erlaubnis. Und nur 76 davon betreiben einen eigenen Online-Shop, rechnet das hessische Sozialministerium vor.

Holger Seyfarth, Vorsitzender des Hessischen Apothekerverbandes, glaubt zu wissen warum. Mit einem Versandhandel könnten die Apotheker im Lande nämlich kein Geld verdienen. Dabei verweist Seyfarth auf die Bilanz eines großen internationalen Anbieters in diesem Marktsegment, der aktuell einen Verlust im zweistelligen Millionenbereich ausweise. Der Verbandschef zieht im Gespräch mit dieser Zeitung den Schluss: „Verluste kann sich eine stationäre Apotheke nicht leisten, dann müsste sie nämlich schließen. Einen Apotheke ist keine GmbH, geschweige denn eine Aktiengesellschaft, sondern eine Personengesellschaft bei der der Apotheker letztendlich alleine haftet.“ Er kommt dabei zu dem Schluss, dass ein Versandhandel für eine stationäre Apotheke kein tragbares Geschäftsmodell sei.

Dass die hessischen Apotheken einen Bogen um die neuen Medien machen, will Seyfarth aber auch nicht stehen lassen. „Ich kenne fast keine Apotheke, die nicht einen eigenen Web-Auftritt hat. Dort wird aber in aller Regel auf das Dienstleistungsangebot hingewiesen“, so der Verbandschef.

Aktuell sieht Seyfarth seine Branche einem Verdrängungswettbewerb ausgesetzt. Schuld daran sei ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs. Danach müssen sich ausländische Versandapotheken nicht an die in Deutschland geltende Preisbindung halten. Sie können die Ware billiger anbieten. Deshalb fürchten Ministerium und Apothekerverband, dass Apotheken schließen müssten.

„Die Richter haben dabei den freien Warenverkehr über das wichtige Gut Medikament gestellt“, sagt Seyfarth. Dabei macht er folgende Rechnung auf: Die ausländischen Versandhändler hätten bei den freiverkäuflichen Medikamenten und Präparaten einen Marktanteil zwischen 12 und 14 Prozent. Das tue seinen Apotheker-Kollegen schon weh, so der Verbandschef, der weiter nicht ausschließen will, dass dieser Marktanteil der Onlinehändler auf Kosten der stationäre Apotheken ginge, die möglicherweise Personal entlassen müssten. Seyfarth attestiert den Versandhändlern, „Rosinenpicker“ zu sein, die sich in vermeintlich umsatzstarke Märkte einkaufen. Was sich bei den verschreibungsfreien Medikamente noch auf einem relativ hohem Niveau abspiele, stellt sich bei den verschreibungspflichtigen Medikamenten schon ganz anders da. Hier liege der Marktanteil der Versandhändler bei lediglich 0,8 Prozent.

Seyfarth macht weiter darauf aufmerksam, dass in 21 europäischen Ländern der Versand verschreibungspflichtiger Medikamente verboten sei. In erster Linie lieferten diese ihre Waren deshalb nur nach Deutschland und in die Schweiz. Dass die Versandhändler günstigere Angebote machen könnten, liegt nach seiner Ansicht an den Rahmenbedingungen in diesem Markt. Während die Apotheken ein breites Spektrum an Dienstleistungen für den Patienten zur Verfügung stellten, angefangen von den Nacht- und Notdiensten bis hin zu Spezialrezepturen, könnten die Versandhändler ihre Produkte von der „grünen Wiese“ mit Hilfskräften verschicken. „In unseren Apotheken arbeiten dagegen hochqualifizierte Mitarbeiter“, so Seyfarth. Verwunderlich findet es der Verbandschef deshalb, dass zum Beispiel Diabetes-Patienten von den Krankenkassen den Tipp bekämen, ihre Teststreifen online zu bestellen, weil diese dort preiswerter seien.

Seyfarth kritisiert, dass dadurch ein Teil der Versorgung durch die Apotheke auf den Versandhandel „umgeleitet“ werde. Für ihn steht dabei aber fest, dass ein „Medikament keine Pizza“ ist. Sollten solche „Tipps“ weiter um sich greifen, würden Apotheken darunter leiden oder müssten sogar schließen.

Dass Apotheker zu den Großverdienern im Lande zählen, hält Seyfarth dagegen für unrealistisch, da ein durchschnittlicher Apotheker im Lande lediglich 4000 Euro netto monatlich verdiene. Zwar sei das nicht wenig, aber von einem Spitzeneinkommen doch weit entfernt.

Trotz aller Vorbehalte gegenüber dem Online-Versandhandel warnt Seyfarth davor, sich neuen digitalen Entwicklungen zu verschließen. Dabei verweist er auf das Beispiel einer Münchner Apotheke, die mit Amazon kooperiere.

Unterdessen prüft die Bundesregierung, den Versand rezeptpflichtiger Medikamente zu verbieten. Hintergrund ist das besagte Urteil des Europäischen Gerichtshofs. Übrigens: Im vergangenen Jahr setzten die hessischen Apotheken insgesamt rund 3,6 Milliarden Euro um.

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