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Interview: "Veganismus hat klare Vorteile"

Schadet eine vegane Ernährungsweise Kindern? Warum arten Diskussionen über Vegetarismus und Veganismus so schnell aus? Und was ist eigentlich mit den Ärzten? Ein Interview mit Wiebke Unger, Sprecherin der Initative ProVeg.
Foto: dpa Foto: Fredrik von Erichsen (dpa) Foto: dpa
Frankfurt/Berlin. 

Wiebke Unger (30) ist Sprecherin von ProVeg Deutschland. Der Verein ist aus dem 1892 gegründeten VEBU hervorgegangen. Mit etwa 14.000 Mitgliedern versteht sich ProVeg als mitgliederstärkster Interessenverbund von Veganern und Vegetariern in Deutschland.

Schadet man seinem Kind, wenn man ihm Tierprodukte zu essen gibt?

Wiebke Unger: Ich würde die Frage gerne umgekehrt beantworten: Eine vegetarische oder vegane Ernährungsweise hat klare Vorteile. Tierische Produkte enthalten deutlich mehr gesättigte Fette, Eiweiß und Cholesterin und begünstigen somit Übergewicht. Eine pflanzenbasierte Ernährung ist nicht nur viel fett- und cholesterinärmer, sondern kann auch vielen chronischen Krankheiten und Übergewicht vorbeugen. Wer sich früh für eine pflanzenbasierte Ernährung entscheidet, der legt den Grundstein für eine langfristig gesunde Ernährung.
 
Das klingt ganz rational. Aber mit Blick auf Facebook-Kommentare und Leserbriefe muss ich einwenden: So wird leider nicht diskutiert. Seit ein paar Eltern verkündet haben, in Frankfurt eine vegane Kita eröffnen zu wollen, geht es drunter und drüber. Zum Teil beschimpfen sich die Leute wüst. Warum reagieren viele Menschen so hysterisch auf das Wort „vegan“?

Lucien Coy, Mitbegründer der Eltern-Initiative Veggie-Kids, steht vor einem Rohbau im Stadtteil Bockenheim, in dem Frankfurts erste vegane Kita eröffnet werden soll.
Projekt Erste vegane Kita in Frankfurt soll im Sommer öffnen

Rein pflanzliche Kost wird es in einer neuen Frankfurter Kita geben. Ihre Gründer ernähren sich vegan und wollen dies auch anderen Eltern und ihren Kindern ermöglichen. Die Stadt hat nach ausführlicher Prüfung dem bisher in Frankfurt einmaligen Konzept zugestimmt.

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Unger: Einerseits ist Ernährung ein sehr persönliches Thema. Niemand möchte sich vorschreiben lassen, was er essen darf oder nicht. Andererseits gibt es da diesen Konflikt: Viele Menschen kennen die Vorteile einer pflanzenbasierten Ernährungsweise. Sie wissen, dass es stichhaltige ethische, ökologische und gesundheitliche Argumente für diese Ernährungsweise gibt. Aber oftmals fehlt es ihnen an Informationen, wie sie eine pflanzliche Ernährung im Alltag umsetzen können oder sie fürchten auf etwas verzichten zu müssen. Ich glaube, dass die hochkochenden Emotionen in der Diskussion viel damit zu tun haben. Wir als ProVeg versuchen, uns da einzubringen, indem wir zeigen, wie leicht es ist, auf eine pflanzenbasierte Ernährung umzusteigen und wieviel Spaß es macht, sich mit Ernährung auseinanderzusetzen.

Mit einem Brei-Mix aus Vitamin-C-reichem Gemüse, Kartoffeln und Fleisch nimmt das Kind eine gute Menge an Eisen auf. Foto: Fredrik von Erichsen
Interview Kinder und vegane Ernährung: Ist das gut?

Im Sommer soll in Frankfurt die erste vegane Kita aufmachen. Viele Bürger fragen sich, ob die vegane Ernährung überhaupt gut für Kinder ist. Wir haben bei der Ernährungswissenschaftlerin Nadia Röwe vom Bundeszentrum für Ernährung nachgefragt.

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Eine Bekannte hat im Zusammenhang mit einer pflanzenbasierten Ernährung für Kinder sogar von „Körperverletzung“ gesprochen.

Unger: Dem widersprechen wir natürlich. Wir halten eine pflanzenbasierte Ernährungsweise für alle Lebensphasen und –umstände für geeignet – wenn sie vielfältig und abwechslungsreich ist. Das ist ganz wichtig, wie bei jeder anderen Ernährungsweise auch. Denn natürlich können Sie sich auch nur von veganem Junk Food ernähren, und natürlich wäre das nicht gesund. Aber wenn Sie sich informieren und darauf achten, was und wie viel Sie essen, dann ist eine pflanzenbasierte Ernährungsweise unbedenklich. Unsere Erfahrungen zeigen, dass die meisten vegan lebenden Menschen sehr gut informiert sind. Im Übrigen hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung kürzlich festgestellt, dass eine vegane Ernährung für Kinder möglich ist.
 
Spricht man mit Ärzten, bekommt man alles zu hören – von einer Verteidigung tierischer Nahrungsmittel bis zum Plädoyer für Veganismus. Warum sind die Mediziner so uneins?

Unger: Das zentrale Problem ist, dass Ernährung als Medizin in der Ärzteausbildung praktisch nicht vorkommt. Ärzte lernen, Krankheiten zu heilen, aber nicht, Krankheiten vorzubeugen. Wir stellen aber fest, dass sich das gerade ändert. Immer mehr Ärzte setzen sich intensiv mit dem Thema Ernährung auseinander.
 
Den Frankfurter Kita-Gründern geht es nicht nur ums Essen. Sie wollen zum Beispiel auch auf Zoo- und Bauernhofbesuche verzichten.

Unger: Das ist nur konsequent. Die meisten Menschen entscheiden sich aus Gründen des Tierschutzes für eine pflanzenbasierte Ernährung. Es ist nur folgerichtig, dann auch andere Formen der Tierquälerei und –ausbeutung zu thematisieren und ihnen mit alternativen Angeboten zu begegnen.
 
Vegetarismus und Veganismus sind präsenter denn je – in Restaurants und Supermärkten, in Buchhandlungen und auf Seminaren. Woran liegt das?

Unger: Nun, die vegetarische Ernährung ist ja mittlerweile etabliert. Praktisch alle Restaurants bieten vegetarische Speisen an. Der vegane Lebensstil kommt jetzt nach. Ich glaube, das liegt daran, dass die Vorteile einer rein pflanzenbasierten Ernährungsweise in letzter Zeit immer breiter diskutiert werden. Und dann ist es so, dass besonders jüngere Menschen offen für Themen wie Tier- und Klimaschutz sind und ihre Ernährungsentscheidungen bewusster treffen. Das macht einen gewaltigen Unterschied.

Das Gespräch führte Christophe Braun

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