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NSU-Mordserie: Verfassungsschützer Temme: Nichts gesehen, nichts gehört

Von Ex--Verfassungsschützer Andreas Temme war im Kasseler Internetcafé, als dessen Besitzer der NSU-Mordserie zum Opfer fiel. Doch gesehen oder gehört haben will der Mann davon nichts. Das beteuert er auch in seiner zweiten Vernehmung in Wiesbaden.
NSU-Untersuchungsausschuss in Wiesbaden Foto: Andreas Arnold (dpa) Ein Mann im Zwielicht: Der ehemalige hessische Verfassungsschützer Andreas Temme gestern im Wiesbadener Landtag.
Wiesbaden. 

Er kann sich an vieles nicht erinnern, kaum weniger „selbst nicht mehr erklären“ und hat „natürlich Fehler gemacht“: Der ehemalige Verfassungsschützer Andreas Temme kann auch bei seiner zweiten Vernehmung vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags am Montag so gut wie nichts zur Aufklärung des Mordes an dem Kasseler Internetcafe-Besitzer Halit Yozgat beitragen. Gut sieben Stunden lang sagt der 49-Jährige vor den Wiesbadener Abgeordneten aus und versichert erneut, er habe von dem Verbrechen nichts mitbekommen, obwohl er an diesem Tag selbst zufällig am Tatort war. Stimmten die Aussagen und wären seine Erinnerungslücken und Fehleinschätzungen typisch für die Arbeit der Verfassungsschützer, man müsste sich ernsthaft Sorgen über deren Nutzen machen.

Info: Ausschusssitzungen noch bis ins Jahr 2017

Der Untersuchungsausschuss des Landtags zu der NSU-Mordserie wurde im Frühjahr 2014 auf Antrag der SPD eingesetzt. Ihm gehören fünf CDU-Abgeordnete an, vier der SPD, zwei der Grünen und je einer von Linken und FDP an.

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Der inzwischen als Amtmann beim Kasseler Regierungspräsidium tätige Beamte bleibt bei seiner Version, er sei rein zufällig in dem Internetcafe gewesen, um einen Flirtchat zu besuchen. Den an dem Tag ermordeten Inhaber Halit Yozgat und auch dessen Vater hat Temme nach eigenen Angaben persönlich gekannt. Es seien freundliche Menschen gewesen, und er sei immer wieder in das Internetcafe gekommen, weil Yozgat ihm auch erlaubt hatte, dort Dateien auf eine Diskette zu laden.

Im Schützenverein dabei

Von den Schüssen an jenem Mordtag im Juni 2006 will er aber weder etwas gehört noch auch nur gerochen haben. Er war zwar Mitglied in einem Schützenverein, mit Schalldämpfern habe er aber nie zu tun gehabt. Als er an dem Tag herausging, habe er noch vergeblich auf der Straße und in Richtung Toilette nach dem Inhaber gesucht und schließlich die 50 Cent für die Computernutzung auf den Tresen gelegt. Unter diesen habe er nicht geschaut, sonst hätte er den toten Yozgat wohl sehen müssen, Blutspuren habe er nicht wahrgenommen.

Im Gegenteil, von dem Mord am Donnerstag habe er erst am Sonntag durch das Lesen eines örtlichen Anzeigenblatts erfahren. Allerdings wusste Temme nach Zeugenaussagen schon einen Tag später, mit welcher Waffe das Verbrechen begangen wurde. Und das stand nicht in dem Anzeigenblatt, wie ihm die SPD-Abgeordnete Nancy Faeser vorhielt. Woher er Kenntnis von der Cessna hatte, weiß Temme nach eigenen Angaben nicht mehr. Es werde ihm wohl ein Polizeibeamter aus der Staatsschutzabteilung gesagt haben, die er an dem Tag in der Dienststelle traf, mutmaßt er.

Weil er glaubte, er sei nicht am Donnerstag, sondern schon am Mittwoch in dem Internetcafe gewesen, habe er sich nichts weiter dabei gedacht. Und dass er seine Anwesenheit am Tatort weder der Polizei noch seiner Dienststelle offenbarte, das sei halt ein „schwerer Fehler“ gewesen, wie er heute wisse. „Es war einfach dumm.“ Als weiteren Fehler gestand er ein, Abschriften aus Adolf Hitlers „Mein Kampf“ aufbewahrt zu haben, die von der Polizei bei einer Wohnungsdurchsuchung gefunden wurden. Wann und warum er sie gemacht habe, wisse er nicht mehr, wohl vor vielen Jahren für ein Schulreferat. Sympathie für nazistisches oder rechtsextremistisches Gedankengut habe er nie gehabt, versichert Temme.

Spitzname „Klein-Adolf“

Auch die Aussage eines Nachbarn, er habe in seinem Dorf als „Klein-Adolf“ gegolten, kann er sich nicht erklären, er selbst habe so etwas nie gehört und hätte es auch nicht einfach hingenommen. Widersprüchlich wirkt für viele Ausschussmitglieder auch Temmes Aussage über einen von ihm als Quelle geführten V-Mann aus dem rechten Milieu.

Dieser sei auf die „Deutsche Partei“ angesetzt gewesen, und dass der Mann in seiner Aussage vor dem Ausschuss davon nicht wissen wollte, könne er sich auch nicht erklären. Doch diese Quelle sei ohnehin schwach und unergiebig gewesen. Doch dann hielt ihm der FDP-Abgeordnete René Rock vor, dass er just diesen V-Mann in zwei Jahresberichten an den Verfassungsschutz für seinen guten Informationsfluss lobte. Dann werde er wohl nicht immer so unergiebig gewesen sein, schließt Temme daraus.

Keine Erinnerung hat der Ex-Verfassungsschützer auch an die Mail einer Vorgesetzten, die wenige Wochen vor dem Mord in Kassel eine Mail an die V-Mann-Führer schickte und sie beauftragte, die Quellen auf die später der NSU zugeschriebene Mordserie in anderen Städten anzusprechen. Ob er das bei dem V-Mann tat, weiß er nicht mehr.

Dem Grünen-Obmann in dem Untersuchungsausschuss, Jürgen Frömmrich, platzt ob der vielen Erinnerungslücken Temmes der Kragen: „Zutiefst ärgerlich“, nennt er das. Dennoch dauert die Vernehmung Temmes so lange, dass auf die Aussage seiner Frau am Abend verzichtet werden muss.

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