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Verlorene Kindheit

Von Alexander Markus Homes kam im Alter von sieben Jahren in das Kinderheim St. Vincenzstift nach Aulhausen. Es war der Beginn einer zehn Jahre währenden Leidensgeschichte – die bis heute fortdauert. Seit den 1980er Jahren kämpft er dafür, dass die Misshandlungen in dem Heim anerkannt und untersucht werden. Von Johannes Laubach
Rüdesheim/Wiesbaden. 

Die Zigarette ist selbst gestopft. Es gibt Lücken im Tabak. Das wird bei jedem Zug deutlich. Wo es nur wenig Tabak gibt, frisst die Glut das Papier – fast ohne Rauch. Ohne Zigaretten kein Gespräch mit Alexander Homes über seine Vergangenheit. Die Vergangenheit hat Spuren hinterlassen. Sie verglüht nicht spurlos wie das Papier der Zigarette, sie hat sich tief in die Seele eingebrannt.

Homes ist ein Heimkind, einer von vielen, die in den 1960er Jahren in einer Einrichtung aufwuchsen, die Kinder eigentlich schützen sollte. Etwa 700 000 Kinder lebten in den 50er und 60er Jahren in Kinderheimen der Bundesrepublik. Mit sechs Jahren kam Homes in das St. Vincenzstift in Aulhausen bei Rüdesheim, mit 16 Jahren verließ er die Einrichtung des Bistums.

Zehn Jahre Misshandlung

Zehn Jahre mit Misshandlungen, mit Strenge, mit "Prügel vom lieben Gott". Zehn gestohlene Jahre. Als junger Erwachsener schrieb er ein Buch über diese Zeit. Es sollte verboten werden, Homes wurde angeklagt. Selbst die Erinnerung an die Kindheit sollte gestohlen werden. Die Diskussion um Missbrauch und Misshandlungen in Heimen und Einrichtungen beschäftigt ihn, nimmt ihn mit, auch mit 53 Jahren noch. Seine Kindheit hört einfach nie auf.

Die Gesundheit ist angegriffen. Er hat über den Aufenthalt in Heimen geschrieben, über ihn wurden Fernsehsendungen gemacht, er steht in Interviews Rede und Antwort und seine Veröffentlichungen haben dazu beigetragen, dass von der Bundesregierung der Runde Tisch zum Thema Missbrauch eingerichtet worden ist.

Aber Homes ist zunächst einmal Opfer. Ein Opfer, das sich sein ganzes Leben an seiner Kindheit abarbeitet, nicht schweigen will und kann. Seine Arbeit als Autor dreht sich immer wieder um Missbrauch und Gewalt, um Täter und Opfer. Er hat dabei keineswegs nur sein eigenes Schicksal vor Augen.

Kein Einzelfall

Die Diskussion, die am Jesuitengymnasium in Berlin von Pater Mertens in Gang gesetzt wurde und dann viele Einrichtungen nicht nur in der katholischen Kirche sondern auch so renommierte Schulen wie die Odenwaldschule mit ihrer Geschichte konfrontierte, erinnert ihn auch an die Zeit Anfang der 1980er Jahre. Vor 30 Jahren waren Homes Einzelkämpfer: Homes gegen das St. Vincenzstift in Aulhausen, Homes gegen Kirche und Staat.

In seinem Buch "Prügel vom lieben Gott" beschreibt er körperliche und seelische Misshandlungen, ohne den Namen des Heims oder der Einrichtung zu nennen. Was im St. Vincenzstift vor 1970 geschah, war jedoch noch schlimmer. Ende Oktober 2009 berichtete die ehemalige Bewohnerin Gudrun Ickenroth vor dem Sozialausschuss des Hessischen Landtags zum ersten Mal von dem Vorwurf der Vergewaltigung – begangen durch den ehemaligen langjährigen Leiter des St. Vincenzstifts, Rudolf Müller. Anschließend haben vier weitere Frauen und ein Mann ähnliche Vorwürfe gegen den Priester erhoben.

"Es meldeten sich viele neue Opfer", sagt Alexander Homes. Das ist ein Riesenunterschied gegenüber der Zeit vor 30 Jahren. Heute gibt es Interesse daran, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Das ist wichtig, vor allem für die Opfer, findet Homes. Verschwiegen, verharmlost, geleugnet – den Misshandlungen und dem Missbrauch folgte oft eine zweite Demütigung.

"Die Opfer haben ein Recht darauf, die Verantwortlichen und deren Rechtsnachfolger mit ihrem Leid zu konfrontieren und eine Entschuldigung zu fordern", sagt Homes, der nun mit einer neuen Auflage seines Buches "Prügel vom lieben Gott" aufwartet. Die Täter und diejenigen, die sie decken, schützen, schauen über das verursachte Leid jedoch immer noch oft genug hinweg.

"Im Auftrag Gottes"

Es geht dem Autor Alexander Homes auch darum, eine Erklärung für das eigene, oftmals verpfuschte Leben zu bekommen; eine Erklärung auch für das Umfeld, für Nachbarn, Freunde, für die Gesellschaft. "Viele von uns sind im Knast gelandet, in der Psychiatrie, sind Vergewaltiger und Pädophile geworden, leben in überaus bescheidenen Umständen", sagt Homes.

Viele ehemalige Heimkinder seien dermaßen traumatisiert, dass sie als Erwachsene bindungslos und vereinsamt leben, weit entfernt von der gesellschaftlichen Normalität.

"Wenn wir bedroht, bestraft, geschlagen, misshandelt wurden, so haben die Nonnen – stellvertretend – im Auftrag Gottes gehandelt: Es waren Gottes Worte, Gottes mahnende und aggressive Blicke, Gottes Hände, Gottes Füße, die uns beschimpften, demütigten, bestraften, prügelten: Es war Gottes Wille", beschreibt Homes seine Kindheit und Jugend. Eine Kindheit, die vor weiteren schweren Misshandlungen geschützt werden sollte. Denn Homes war zunächst Opfer seiner Eltern gewesen.

Endlich anerkannt

1981 hat er zum ersten Mal sein Buch "Prügel vom lieben Gott" herausgebracht. Über 30 Jahre später präsentiert er nun eine Neuauflage. Die Zeiten haben sich geändert. Missbrauch in Heimen, in Einrichtungen der Kirche, das ist als schreckliche Wirklichkeit anerkannt. Lange hat er das Stift gemieden, in dessen Obhut er sich zehn Jahre befand. Inzwischen hat er es wieder besucht und sich auch mit Dr. Dr. Caspar Söling, dem heutigen Leiter der Einrichtung – seit Jahresmitte 2010 unter der Regie der Josefs-Gesellschaft mit Sitz in Köln –, ausgetauscht. "Ihm ist an einer Aufklärung gelegen", sagt Homes über den Leiter des St. Vincenzstifts.

Das lange Warten hat auch seine Vorteile. Es gibt kein Rudolf-Müller-Haus mehr auf dem Gelände des Stifts. Bis die Vorgänge der Vergangenheit wissenschaftlich untersucht sind, gibt es in der Einrichtung kein Haus mehr mit dem Namen des ehemaligen Leiters. Im kommenden Jahr, so teilt es das Stift mit, sollen die Ergebnisse präsentiert werden – und möglicherweise gibt es dann nie mehr ein Rudolf-Müller-Haus.

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