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Doppelporträt: Volker Bouffier und Tarek Al-Wazir: Ein Männerbündnis schreibt Geschichte

Von Vor knapp fünf Jahren wurde in Hessen das Undenkbare Wirklichkeit: Die Grünen wagten ein Bündnis mit dem einstigen Erzfeind – und gewannen an Statur. Und die Schwarzen legten ihre Stahlhelme ab und sich ein moderneres Image zu. Möglich machten es zwei Männer, die zuvor Welten trennten: Der einst als „schwarzer Sheriff“ bekannte Volker Bouffier und sein lautester Kritiker Tarek Al- Wazir.
Große Koalitionsrunde Schwarz-Grün in Hessen Foto: Fredrik von Erichsen (dpa)
Wiesbaden. 

Unterschiedlicher könnten sie kaum sein, der christdemokratische Ministerpräsident, der aus einer konservativen Politiker- und Juristenfamilie stammt, und sein grüner Stellvertreter. Ein Offenbacher mit doppelter Staatsbürgerschaft, Sohn eines jemenitischen Vaters und einer deutschen Mutter, die ihren Jungen schon als Kind zu Protesten gegen die Startbahn West mitnahm. Und dennoch regieren sie seit 2015 gemeinsam unser Land. So harmonisch, dass sie das damals revolutionäre Bündnis nach der Landtagswahl gerne fortsetzen würden. 2014 waren beide von einem Branchenblatt als „Politiker des Jahres“ ausgezeichnet worden für ihre „herausragende Leistung politischer Kommunikation“.

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Dem 66 Jahre alten Volker Bouffier gelang es, nachdem er die Macht von Roland Koch übernommen hatte, sein Image als „harter Hund“ aufzuweichen. Schon kurze Zeit, nachdem Koch erklärt hatte, Politik sei nicht sein Leben und das Ruder an seinen langjährigen Innenminister übergab, machte dieser klar, dass er das Polarisieren seines Vorgängers nicht zu seinem Lebensmotto zu machen gedenkt. Im Gegenteil: Nachdem Bouffier in die Staatskanzlei eingezogen war, gab er ganz den Landesvater. Eine Rolle, die er bis heute genießt. Als „Grünenfresser“ habe er sich nie gesehen, sagte er 2014 in einem Interview. Mit seiner neu entdeckten vermittelnden Art gelang es dem Gießener, seiner CDU neue Machtoptionen zu eröffnen.

Streitpunkt abgeräumt

Spätestens mit der von ihm überraschend verkündeten Wahlfreiheit zwischen der verkürzten Gymnasialzeit G 8 und G 9 räumte er pünktlich vor der Landtagswahl 2014 den umstrittensten Punkt zwischen der CDU und damaligen Oppositionsparteien SPD und Grünen ab. Die Latte für eine große Koalition oder für ein schwarz-grünes Bündnis lag danach deutlich niedriger.

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So niedrig, dass sowohl die SPD als auch die Grünen darüber gesprungen wären. Doch Bouffier wählte die Grünen. So bekam Tarek Al-Wazir die Gelegenheit, seine Partei in die Regierung zu führen. Ein Partner, der zuvor für den erzkonservativen CDU-Kampfverband undenkbar war. Ebenso undenkbar war ein Bündnis mit dem erbittertsten Gegner im Landtag zuvor für den Spitzen-Grünen. Hatte doch ausgerechnet er viele persönliche Verletzungen einzustecken.

Persönliche Angriffe

„Geh zurück nach Sanaa“, rief ihm einst der CDU-Abgeordnete Clemens Reif entgegen – in Anspielung auf die jemenitische Heimat des Vaters, in der Al-Wazir nach seinem 14. Geburtstag zwei Jahre lang gelebt hatte. Später hieß es, Reif habe gesagt „ein Student aus Sanaa“, was nie geklärt werden konnte.

Doch der Zwischenruf bei seiner Rede im Landtag im August 2000 war nicht der einzige Angriff, den sich Al-Wazir gefallen lassen musste. Roland Koch hatte sich im einstigen Stammland der Sozialdemokraten 1999 überraschend mit seiner Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft an die Macht katapultiert. Ein bittere Erfahrung für den jungen Al-Wazir, der damals als einziger Abgeordneter einen „Doppelpass“ besaß.

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Als persönlichen Angriff verstand er auch den 2008 ebenfalls von Koch initiierten Plakatslogan „Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen“. Der Offenbacher mit dem arabischen Namen wollte Koch danach nicht einmal mehr die Hand schütteln und in der Zeit der „hessischen Verhältnisse“ ohne klare Mehrheiten erst recht keine Sondierungsgespräche führen. Zu offensichtlich war es, dass die CDU ausländerfeindliche Ressentiments schüren wollte.

Gestoppt hat sie Al-Wazir damit aber keineswegs. Der 47 Jahre alte Vater von zwei Söhnen hat sich inzwischen als Wirtschaftsminister mit großer Detailkenntnis profiliert und auch Skeptikern bewiesen, dass ein grüner Minister die hessische Wirtschaft nicht in den Abgrund reißt. „Ökonomie und Ökologie versöhnen“ lautet so auch das Motto, mit dem die heutigen Duzfreunde Bouffier und Al-Wazir die Basis für ihre Koalition beschreiben.

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Auch die Grünen hatten allerdings früher laut gegen die Politik der CDU gepoltert. Al-Wazir hatte gar 2007 Bouffiers Rücktritt als Innenminister gefordert, weil dieser sich weigerte, Stellung zu den rechtsradikalen Umtrieben der Personenschützer von Michel Friedman zu beziehen. Und selbst kurz vor der vergangenen Landtagswahl kämpften die Grünen noch mit harten Bandagen – vor allem gegen Bouffier persönlich: „Wer die Linke wählt, wacht mit Bouffier auf“, skandierten sie, um linke Wähler auf ihre Seite zu ziehen. Tatsächlich waren es aber die Grünen selbst, die sich dann auf die Seite des CDU-Mannes geschlagen haben. Und dort fühlen sie sich bis heute sichtlich wohl.

Wer den Ministerpräsidenten und seinen Stellvertreter zusammen erlebt, reibt sich nach knapp fünf Jahren nicht mehr die Augen über das ungewöhnliche Männerbündnis. Er spürt echte Vertrautheit zwischen den beiden – ja sogar Sympathie.

Vertrauen und Verlässlichkeit sind auch die Tugenden, die beide immer wieder hervorheben, wenn sie gefragt werden, wie es kommt, dass ihr Bündnis so reibungslos funktioniert. Tugenden, die die Grünen insgeheim zuvor am CDU-Kampfverband bewundert hatten.

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Trotz all der Harmonie betonen die Grünen hinter vorgehaltener Hand aber doch, dass zwischen der politischen Kultur der CDU und dem eigenen Weltbild nach wie vor Welten liegen. Und zumindest verbal klängen die Stahlhelm-Parolen hinter verschlossenen Türen auch immer mal wieder an.

Gewissenskonflikte

Dennoch: Das Erfolgsrezept, das Bouffier und den 19 Jahre jüngeren Al-Wazir verbindet, ist „Gönnen können“. Vor allem auf Politikfelden, auf denen man nicht konkurriert. So passt der Umweltschutz – das Kernthema der Grünen – auch gut in das christliche Weltbild im Sinnes des Erhalts der Schöpfung. Und Sicherheit ist auch den Grünen wichtig, wenn auch hier die ideologischen Gräben am tiefsten sind. Etwa in der Flüchtlingspolitik. So kamen auch Bouffier und Al-Wazir noch auf keinen gemeinsamen Nenner in der Frage der Anerkennung der Maghreb-Staaten als sichere Herkunftsländer. Eine Thema, das noch zur Zerreißprobe werden könnte.

Foto: dpa
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Bittere Pillen zu schlucken hatte Al-Wazir auch beim Ausbau des Frankfurter Flughafens, den seine Partei vor ihrer Regierungsbeteiligung mit allen Mitteln verhindern wollte. Nun musste ausgerechnet er als Verkehrsminister den Bau des dritten Terminals genehmigen. Seine Abwesenheit beim ersten Spatenstich war ein Symbol für die Gewissenskonflikte, die jenseits der harmonischen Fassade nicht ausbleiben. So sprach Al-Wazir von Beginn an von einem „Zweckbündnis“, das keine „Liebesheirat“ sei.

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