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Wahl in Darmstadt: «Volksverräter» zum «Unwort des Jahres 2016» gewählt

Das «Unwort des Jahres 2016» hatten schon die Nationalsozialisten benutzt. Der Begriff «Volksverräter» wird immer noch verwendet. Das sage auch etwas über eine Gesellschaft aus, meinen Sprachwissenschaftler.
"Volksverräter" ist das "Unwort des Jahres 2016". Foto: Tobias Köpplinger "Volksverräter" ist das "Unwort des Jahres 2016".
Darmstadt.  Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist er als Schimpfwort schon mehrmals an den Kopf geworfen worden: Der Begriff «Volksverräter» ist das «Unwort des Jahres 2016». Das Schlagwort werde «antidemokratisch und diffamierend verwendet», begründete die Sprecherin der «Unwort»-Jury, die Sprachwissenschaftlerin Nina Janich, am Dienstag in Darmstadt die Entscheidung.

Verwendet werde das Wort in sozialen Netzwerken und auch «massiv bei Demonstrationen» von Anhängern des 2014 entstandenen islam- und fremdenfeindlichen Pegida-Bündnisses oder der AfD. Das Wort sei ein «Erbe von Diktaturen», unter anderem der Nationalsozialisten, sagte Janich. «Ein solcher Sprachgebrauch würgt das ernsthafte Gespräch und damit die für Demokratie notwendigen Diskussionen in der Gesellschaft ab.»

Kanzlerin Merkel wurde etwa bei einem Besuch in einer Flüchtlingsunterkunft in Heidenau in Sachsen als «Volksverräterin» beschimpft. Auch Bundespräsident Joachim Gauck und andere Politiker werden immer wieder entsprechend verunglimpft. Zur «Unwort»-Wahl wollte sich Merkel am Dienstag nicht äußern.

«Sprache sagt viel über Werthaltungen in einer Gesellschaft aus», sagte Janich. Der Jury zufolge steht der Wortbestandteil «Volk» - ebenso wie die in der Flüchtlingsdebatte genannten Begriffe «völkisch» oder «Umvolkung» - «dabei ähnlich wie im Nationalsozialismus nicht für das Staatsvolk als Ganzes, sondern für eine ethnische Kategorie, die Teile der Bevölkerung ausschließt».

«Volksverräter» sei ein Begriff «mit faschistischem und fremdenfeindlichem Hintergrund». Bei der «Unwort»-Wahl gehe «es nicht um einen Versuch der Zensur oder Sprachlenkung, sondern darum, für mehr Achtsamkeit im öffentlichen Umgang miteinander zu plädieren», hieß es in der Begründung. Wegen der besonderen Bedeutung von «Volksverräter» seien dieses Mal keine weiteren Begriffe gerügt worden.

Die «Unwort»-Jury richtet sich nicht nach der Häufigkeit der Vorschläge, sondern entscheidet unabhängig. Der Ausdruck «Volksverräter» war dreimal eingesendet worden. Für 2015 hatte es insgesamt 1064 Einsendungen gegeben, weniger als in den Jahren davor.

Zum «Unwort des Jahres 2015» war der häufig von Rechtspopulisten verwendete Begriff «Gutmensch» gewählt worden. Für 2014 hatte das Gremium «Lügenpresse» ausgesucht, ein Begriff, der vor allem vom Pegida-Bündnis genutzt wird. «Es ist uns auch bewusst, dass wir mit «Volksverräter» ein Wort gewählt haben, das sich «Lügenpresse» an die Seite stellen lässt», teilte die Jury mit.

Im Jahr 2013 war «Sozialtourismus» das «Unwort», davor «Opfer-Abo» (2012) und «Döner-Morde» (2011). Die Aktion gibt es seit 1991. Sie soll das Bewusstsein und die Sensibilität für Sprache fördern. Die Jury nimmt bei ihren Entscheidungen «sachlich unangemessene oder inhumane Formulierungen im öffentlichen Sprachgebrauch» in den Blick, «um damit zu alltäglicher sprachkritischer Reflexion aufzufordern».

Neben dem «Unwort des Jahres» gibt es auch das «Wort des Jahres». Dieser Begriff wird unabhängig von der «Unwort»-Jury von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden gewählt. Für 2016 entschied sie sich für den Begriff «postfaktisch». Zur Begründung hieß es, in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen gehe es zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten.

(dpa)

 

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