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Bestattung: Vor dem Tod nicht fliehen

Jahrelang stieg die Zahl der Menschen, die sich anonym bestatten lassen wollen. Nun zeichnet sich in Deutschland ein neuer Trend ab: Gemeinschaftsgräber erhalten das Gedenken an den Namen der Verstorbenen und bürden den Nachkommen keine Grabpflege auf. Ein Ehepaar aus Hessen berichtet, warum es sich für ein Gemeinschaftsgrab entschieden hat.
Foto: Rainer Rüffer Das Ehepaar Walter und Helga Heller auf der Gemeinschaftsgrabstätte ihrer Gemeinde im Frankfurter Stadtteil Griesheim.
Frankfurt. 

Zum Abschied auf dem Friedhof sagt Walter Heller: „Einen Wunsch habe ich: Bitte schreiben Sie keinen Artikel mit Trauercharakter.“ Gerade haben Helga und Walter Heller davon berichtet, wie sie sich ihre Beerdigung vorstellen, was sie schon alles geregelt haben, wo sie begraben sein wollen.

Die beiden, 63 und 66 Jahre alt, sind gesund und wollen noch mindestens „25 Jahre leben“, wie sie sagen. Gerade planen sie eine Reise nach Indien. Dennoch regeln sie schon jetzt alles, was mit Sterben und Tod zu tun hat: Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht und eben auch das Grab. „Ich habe bis heute selbstbestimmt gelebt, und dann möchte ich auch bestimmen, wie und wo ich begraben werden möchte“, betont Helga Heller.

Für das Ehepaar gehören Leben und Sterben zusammen. Manche verdrängten den Gedanken an den Tod, dächten vielleicht „nach uns die Sintflut“, sagt der Mann. Sie würde da anders denken: „Wir können vor vielem fliehen, aber nicht vor dem Sterben“, ist die Frau überzeugt.

Entschieden hat sich das Ehepaar für das neue Gemeinschaftsgrab ihrer evangelischen Kirchengemeinde Frieden und Versöhnung im Frankfurter Gallus. Mitten auf dem kommunalen Friedhof im benachbarten Stadtteil Griesheim steht seit einigen Monaten der dreifache Schattenriss einer Christusfigur aus wetterfestem Baustahl, die Arme weit zum Segen ausgebreitet.

In dem geschwungenen, etwa zehn Meter langen Grasstreifen davor sollen ihre Urnen beigesetzt werden neben Menschen, die sie aus ihrer Gemeinde kennen. Wahrscheinlich nicht nebeneinander. Doch das ist in Ordnung für das Paar. „Wir wissen ja alle nicht, was nach dem Tod kommt“, sagt Helga Heller. Auf keinen Fall möchte sie, wie bei Gräbern üblich, „in Reih und Glied ruhen“.

Namen auf Bronzetafeln

Auf den zwei Grabsteinen daneben, beschrieben mit „Frieden“ und „Versöhnung“, wird auf einer kleinen Bronzetafel ihr Name stehen – auch dann noch, wenn die üblichen Liegezeiten zwischen 20 und 40 Jahren abgelaufen sind. Das ist besonders Nulf Schade-James, dem Pfarrer der Gemeinde, wichtig. „Für mich war der Gedanke unerträglich, dass die Namen verschwinden, wenn die Liegezeiten der Gräber nicht verlängert werden“, sagt er.

Zwei Namen stehen dort schon. Für die Pflege des langgestreckten Grabs sorgt die Kirchengemeinde. Das Ehepaar Heller möchte vor allem seinen beiden Söhnen die Sorge um die Gräber und möglichen Streit über die Begräbnisse ersparen. „Mit der Grabpflege wollen wir unsere Kinder nicht belasten“, betont sie. Und wenn alles geregelt sei, „haben sie mehr Zeit für ihre Trauer“. Sie habe das bei ihren Eltern erlebt.

Diese pflegten die Gräber ihrer Eltern viele Jahre lang, wurden selbst älter, dennoch mussten die Blumen gegossen und die Säcke mit Erde geschleppt werden. „Und irgendwann war mein Papa so alt, dass er nicht mehr konnte. Ist das die Lösung?,“ fragt Helga Heller. Walter Heller empfand es zudem „als unwürdig“, als nach und nach die Gräber rund um die der Großeltern und Eltern aufgegeben wurden und nur noch unbefestigte Wege zu den Gräbern führten.

Bei Pfarrer Schade-James, der die Idee zu dem Gemeinschaftsgrab hatte, stehen bereits 20 Interessenten auf der Liste, 120 Urnen haben Platz im Grab. Darunter sind auch Menschen ohne Angehörige, die überhaupt Pflanzen und Gedenken pflegen könnten. Mit dem Gemeinschaftsgrab „können auch alleinstehende Menschen sicher sein, dass sie und ihr Name nicht vergessen werden“, betont der Pfarrer.

Damit sind Gemeinschaftsgräber für Carmen Berger-Zell eine Alternative zu anonymen Bestattungen. Die theologische Referentin bei der Diakonie Hessen hat sich für ein Buch mit Bestattungstrends beschäftigt und betont: „Gemeinschaftsgräber sind der Trend derzeit.“ Denn viele Menschen machten sich große Sorgen über Kosten und Grabpflege. Doch viele, die sich deswegen für anonyme Bestattungen entschieden hätten, wollten das eigentlich nicht. Berger-Zell ist sich sicher: „Wenn es mehr Gemeinschaftsgräber gibt, werden die anonymen Bestattungen zurückgehen.“

„Das ist es!“

Das Begräbnis für die Mitglieder der Gemeinde Frieden und Versöhnung kostet 1200 Euro, darin sind das Namensschild und die unbegrenzte Grabpflege enthalten. Die üblichen Kosten für Bestatter, Urne und Begräbnis kommen hinzu. Zur Unterstützung von Menschen, die sich das nicht leisten können, sammelt die Gemeinde Spenden.

Die Hellers haben sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Sie schauten sich Friedwälder an, zum Beispiel in Dietzenbach, auf dem Frankfurter Hauptfriedhof und dem Waldfriedhof im Stadtteil Goldstein. Das alles sei „nicht so griffig gewesen“, sagen sie. Doch als sie vom Gemeinschaftsgrab gelesen habe, habe sie gesagt: „Das ist es“, erinnert sich Helga Heller.

Besonders gefällt ihr die Jesusfigur, nicht gekreuzigt, sondern segnend. Der Frankfurter Bildhauer Joachim Kreutz hat sie der Christusfigur in der Friedenskirche nachempfunden, die der ehemalige Leiter des Städelschen Kunst-Instituts Richard Scheibe 1928 entworfen hatte.

Nun stehen die beiden in der milden Novembersonne vor der Figur und dem Grab, in dem sie einst ruhen werden. Helga Heller hat ein Bild vor Augen: Sie sieht bei ihrer Beerdigung unter den alten Bäumen Menschen in heiterer Stimmung, die Sekt trinken. Eine fröhliche Beerdigungsstimmung hat das Ehepaar in Trinidad beobachtet. Also kein Grund für einen „Artikel mit Trauercharakter“.

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