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Ausplaudern von Interna: Warf ein Ministerium aus Hessen eine Beamtin raus?

Von Eine Beamtin des hessischen Umweltministeriums wehrt sich gegen ihre Versetzung. Sie spricht von einer Strafaktion, weil sie Interna ausgeplaudert habe. Das Ministerium hat seine eigene Sicht der Dinge.
Kerstin Weyrich mit ihren Aktenbergen vor dem Landgericht. Foto: ok
Wiesbaden. 

Am Anfang war ein Verdacht. Es geht um Untreue und Amtsmissbrauch. Im Jahr 2003 bekommt Kerstin Weyrich mit, wie ein Kollege im hessischen Umweltministerium Fördergelder abgreifen will. Ein anderes Mal sollen im Bereich Wasserwirtschaft eigenhändig Aufträge vergeben worden sein. Kerstin Weyrich, damals 38, erzählt ihren Vorgesetzten von diesem Verdacht, sammelt Belege und erstattet schließlich Anzeige. Seitdem ist für die Bad Cambergerin vieles anders in ihrem Leben.

Sieben Mal in sieben Jahren wird sie versetzt, bekommt immer wieder neue Aufgaben. Schließlich wird sie ganz versetzt. Seit März 2013 muss sie ihren Dienst in einem Forstamt von Hessen-Forst in Limburg-Weilburg versehen – weit weg von ihrer alten Arbeitsstätte im Wiesbadener Ministerium.

Kerstin Weyrich sieht darin eine „Bestrafung“, wie sie gestern vor dem Verwaltungsgericht in Wiesbaden sagt. Sie glaubt an Schikane, über Jahre hinweg. Die ganzen Vorgänge, ein amtsärztliches Gutachten, die vielen Schriftsätze der Auseinandersetzung füllen meterweise von ihr fein säuberlich geführte Aktenbände. Alles nur, weil sie Interna ans Licht gebracht haben soll, die sie anschließend auch noch im Internet veröffentlichte.

 

Brisantes Material

 

Das brisante Material ist mittlerweile von ihrer Internetseite verschwunden, die Verdächtigungen sind geblieben. Wurde gemauschelt im Umweltministerium? Wurde in die eigene Tasche gewirtschaftet? Gab es Fälle von Amtsmissbrauch? Sind die Beweise von Kerstin Weyrich stichhhalting? Das alles wird noch Gegenstand in einer gesonderten Verhandlung sein, in der Kerstin Weyrich die Angeklagte ist.

Das Ministerium argumentierte, die Beamtin hätte ihre Verschwiegenheitspflicht wahren müssen. Schon aus Fürsorgepflicht gegenüber den anderen Mitarbeitern habe man gegen eine Veröffentlichung der Unterlagen im Internet klagen müssen. Interne Überprüfungen hätten gezeigt: An den Vorwürfen sei nichts dran. Der Termin der Verhandlung steht noch aus.

Richter Jürgen Habel interessierte das gestern alles zunächst nicht. Dennoch wabertern die schweren Anschuldigungen gegen das Umweltministerium während der dreistündigen Verhandlung immer wieder durch den Raum. War die Versetzung rechtmäßig, gab es dienstliche Gründe, war die neue Stelle der Ministeriumsmitarbeiterin zumutbar? Warum ausgerechnet nach Limburg-Weilburg, warum ausgerechnet diese Aufgabe, fragt sich der Richter. Kerstin Weyrich soll in ihrem neuen Job im entlegegenen Forstamt die Oberläufe von Wasserwegen kartieren. Ein Bereich, für den sie als Forstassessorin gar nicht ausgebildet sei, sagt sie. „Bäume stehen auf dem Boden, Fische schwimmen im Wasser, damit kenne ich mich einfach nicht aus“, so Weyrich.

 

„Massive Belastung“

 

Zudem sei der neue Job eine massive Zusatzbelastung. Da sie gesundheitlich beeinträchtigt sei, müsse sie sich intensiver fachärztlicher Betreuung bei Ärzten in Wiesbaden unterziehen, die von Weilburg aus aber nur umständlich über öffentliche Verkehsmittel zu erreichen seien. Außerdem sei sie in ihrer Ausübung ihres Mandats beeinträchtigt. Kerstin Weyrich sitzt für die Grünen im Kreistag von Limburg-Weilburg – nachdem sie mit ihrer früheren Partei, der FDP, im Streit auseinanderging. Das Umweltministerium, das an diesem Tag von vier Mitarbeitern vertreten wird, spricht von einer „neuen Chance“, die man Weyrich bieten wollte.

Im Verlauf der Verhandlung wird auch deutlich, dass sich die Personalleitung des Ministeriums lange Zeit sehr wohlwollend um Kerstin Weyrich „bemühte“, wie Richter Habel es ausdrückte. „Dass hinter allem immer die große Verschwörung steckt, die Sie vermuten“ so Habel, „daran habe ich meine Zweifel.“ Gleichwohl gab er dem Ministerium mit auf den Weg, weitere Einzelheiten zu liefern. Das Urteil wurde gestern vertagt. Weyrich zeigte sich enttäuscht, will weiter kämpfen. Sie möchte nicht als Querulantin dastehen, sondern nur ihre Arbeit „gut machen“. Wie gut, das wird auch die Beweisaufnahme im Prozess um den Untreueverdacht zeigen. „Das wird spannend, da kann alles rauskommen“, sagt sogar Richter Habel.

 

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