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Frankfurter Rechtsmediziner berichtet: Warum Ärzte Gewaltverbrechen oder Suizide nicht immer gleich erkennen

Ist die verstorbene Oma tatsächlich friedlich eingeschlafen? Klären kann das nur ein Arzt. Das Gesetz regelt, wie solche Leichenschauen ablaufen. Doch nicht immer wird die Todesursache erkannt.
Der Direktor der Rechtsmedizin am Uni-Klinikum Frankfurt, Marcel A. Verhoff, steht am im Kühlraum des Institutes für Rechtsmedizin in Frankfurt neben zwei Leichen. Foto: Andreas Arnold (dpa) Der Direktor der Rechtsmedizin am Uni-Klinikum Frankfurt, Marcel A. Verhoff, steht am im Kühlraum des Institutes für Rechtsmedizin in Frankfurt neben zwei Leichen.
Limburg/Frankfurt. 

Der Sarg liegt bereit, die Leiche ist für die Beerdigung präpariert. Doch dann schlägt der Bestatter Alarm: Aus dem Sarg tropft eine rote Flüssigkeit. Bei der Obduktion stellt der Chef der Frankfurter Rechtsmedizin Marcel Verhoff fest: „Die Leiche hat eine Stichverletzung am Rücken.“ Das Blut hatte sich im Brustkorb gesammelt. Zuvor hatte ein anderer Arzt einen natürlichen Tod bescheinigt.

Was sich in Gießen vor einigen Jahren abspielte, ist kein Einzelfall. Von heute an steht in Limburg eine 56 Jahre alte Frau vor dem Landgericht, die eine 84-jährige Verwandte ermordet haben soll. Nach den Schilderungen des Verteidigers wurde erst nicht erkannt, dass die Seniorin gewaltsam ums Leben gekommen war.

„In der Polizeiarbeit sind solche Fälle eher die Ausnahme“, sagt Andreas Grün, Landesvorsitzender der Polizeigewerkschaft GdP. Die Polizei beginnt mit ihren Ermittlungen erst dann, wenn ein Arzt bei der ersten Leichenschau Zweifel hegt. Seine Einschätzung ist für die Frage natürlicher oder nicht-natürlicher Tod ausschlaggebend.

„Hier zeigt sich eine hohe Fehlerrate bei der Benennung der Todesursache und auch der Todesart“, erklärt Tanja Germerott, Oberärztin am Institut für Rechtsmedizin in Hannover. Soll eine Leiche verbrannt werden, ist eine zweite Leichenschau Pflicht. Diese dürfen – im Gegensatz zur ersten – nur qualifizierte Leichenbeschauer, Amtsärzte oder Rechtsmediziner vornehmen. In einer Studie hat Germerott 2012 herausgefunden, dass in Hannover in zehn Jahren 387 Tote nach der zweiten Leichenschau im Krematorium obduziert wurden. In 14,2 Prozent der Fälle wurde fälschlicherweise eine natürliche Todesart angenommen.

In Hessen regelt das Friedhofs- und Bestattungsgesetz, wie eine Leichenschau ablaufen soll: „Bei der Leichenschau sind alle Körperregionen, einschließlich der Körperöffnungen, der Augenbindehäute, des Rückens und der behaarten Kopfhaut zu untersuchen.“

Häufig wird nicht so genau hingeschaut, sagt Verhoff. Zwar sei der Hausarzt aus medizinischer Sicht am besten geeignet, die Situation korrekt einzuschätzen. „Gerade bei alten Menschen ist er aber auch befangen, weil er die Angehörigen kennt und die ihn bedrängen.“

Das größte Problem sei, dass die Leichenschau bei Ärzten sehr unbeliebt sei und nicht gut bezahlt werde, sagt Verhoff. So würden in Deutschland nur ein bis zwei Prozent aller Verstorbenen obduziert. „Das ist aus meiner Sicht viel zu wenig“, meint der Rechtsmediziner. Gerade bei Verstorbenen in Kliniken gebe es – oft aus Kostengründen – keine Sektionen mehr. Forderungen seitens der Politik, die Leichenschau nur noch von professionellen Rechtsmedizinern machen zu lassen, sieht er kritisch. „Dafür müssten wir erst einmal das Personal ausbilden.“ Nach Einschätzung des zweiten Vorsitzenden des Hausärzteverbands Hessen, Michael Thomas Knoll, sind die unentdeckten nicht-natürlichen Todesfälle „in der Tat ein Problem“. Die Hausärzte müssten die Leichenschau völlig unterbezahlt machen.

Die Leichenschau gilt unter Ärzten als letzter Dienst am Patienten. „Sie ist aber auch ein Dienst am Lebenden“, erläutert Verhoff. Schließlich muss nicht immer ein Mord dahinter stecken. „Es könnten auch Strom oder Kohlenmonoxid die Todesursache sein. Manchmal führen seine Entdeckungen die Polizei auf die richtige Fährte. Als Verhoff an einem angeblich natürlich verstorbenen Menschen ein Pflaster auf der Brust entdeckt, sieht er noch genauer hin. „Es war eine glatte Einstichwunde darunter. Die Polizei hat dann herausgefunden, dass es ein Suizid war und der Sohn das verbergen wollte.“

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