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Im Interview: Sebastian Lotzkat, Biologe am Senckenberg Forschungsinstitut: Warum das Rhein-Main-Gebiet und Frankfurt für Tiere so attraktiv sind

Großstädte sind für Wildtiere generell attraktiver geworden, seitdem es dort mehr Grünflächen und Nahrung gibt. Das erklärt Sebastian Lotzkat, Biologe am Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt, in seinem gerade erschienen Buch, „Landflucht der Wildtiere“. Im Interview mit Redakteurin Pia Rolfs sagt er, welche Arten sich im Ballungsraum Rhein-Main besonders wohlfühlen.
Foto: Sebastian Lotzkat
Frankfurt. 

Wenn Sie ein Wildtier wären, wie würden Sie Frankfurt sehen?

LOTZKAT: Das käme natürlich auf meine Art an. Wahrscheinlich würde ich die Stadt aber als sehr abwechslungsreiche Gegend mit einem großen Angebot an Lebensraum-Strukturen wahrnehmen. Egal, welches Tier ich wäre, ich würde in Frankfurt irgendwo mein Plätzchen finden.

Müssen wir Menschen zur Tierbeobachtung also bald nicht mehr in den Wald, sondern in die Großstädte fahren?

LOTZKAT: Die Tierbeobachtung in der Natur hat natürlich ihren besonderen Reiz, weil man sich abseits der Zivilisation bewegt. Aber in vielen Fällen muss man nicht mehr zwingend den Hoheitsbereich der großen Städte verlassen, um Tiere zu sehen. Oft lassen sie sich in der Stadt sogar noch besser beobachten als außerhalb.

Warum werden die Metropolen für Wildtiere attraktiver?

LOTZKAT: Sie waren für sie schon immer attraktiv. Aber sie erfahren aus tierischer Sicht in letzter Zeit einen Attraktivitätsschub, weil wir unsere Städte anders planen als früher – mit mehr Grünflächen und Raum für die Natur.

Worin liegen die Gefahren des tierischen Zuzugs?

LOTZKAT: Gefahrenpotenziale ergeben sich durch einzelne Tierarten, etwa durch bisher tropisch verbreitete Stechmücken aus der Gelbfiebermücken-Verwandtschaft. Deren Ausbreitung ist schwer zu erkennen und zu kontrollieren. Gefahren durch Wildschweine, die auf Menschen zurennen oder Waschbären, die Dachböden verwüsten, sind natürlich offensichtlicher.

Und worin liegen die Chancen?

LOTZKAT: Für mich als Naturliebhaber ist es eine der größten Wohltaten, dass ich so viel lebendige Vielfalt um mich herum habe, ohne erst nach draußen fahren zu müssen. Ich kann hier in der Stadt einer bunten Tierschar bei ihrem Treiben zusehen. Ein Großteil der Menschheit lebt ja inzwischen in Städten. Und wenn es dort keine Tiere gäbe, hätten zumindest einige dieser Leute gar nicht die Möglichkeit eines echten Naturerlebnisses.

In Ihrem Buch nennen Sie Frankfurt als Beispiel für eine grüne Großstadt. Wo haben Sie hier die besten Beobachtungen gemacht?

LOTZKAT: Ich preise da immer wieder den Palmengarten, den ich besonders gut kenne und wo ich sehr oft bin. Der alte Flugplatz Bonames ist ebenfalls ein Hotspot für Wildtiere. Aber Frankfurt ist auch sonst eine tolle Stadt mit einer unglaublichen Strukturvielfalt.

Was waren die erstaunlichsten Arten, die Ihnen hier begegnet sind?

LOTZKAT: Ich finde es unglaublich toll, dass wir wieder Biber an der Nidda haben. Inzwischen gibt es dort drei Reviere. Sehr spannend sind auch die Wanderfalken. Sie haben den Fernsehturm schon wenige Jahre nach seiner Fertigstellung besiedelt. Und ihr erfolgreichster Brutplatz ist der Turm der Heddernheimer Müllverbrennungsanlage. Da liegt der Horst direkt unter der Öffnung des Schlotes.

Sie schreiben, dass Häuser für Tiere wie Felsen sind. Ist das eine Erklärung für das Falken-Verhalten?

LOTZKAT: Ja. Der Wanderfalke ist ein Felsenbrüter. So viele Häuser – also Felsen – wie in den Großstädten findet er sonst höchstens in den Alpen. Deswegen gibt es in Berlin, Hamburg oder Frankfurt mehr Wanderfalken als auf dem Land.

Welche Tiere findet man denn im Rhein-Main-Gebiet, die es in Berlin oder München nicht gibt?

LOTZKAT: Das Gebiet ist über den Main angeschlossen an den Rheingraben. Dieser ist ein Korridor, über den warme Luft hereinströmt. Aus diesem Grund ist es hier in der Region mediterraner als etwa in Berlin oder München. Städte sind zusätzlich noch Wärmeinseln. Deswegen lebt in Städten im Rhein-Main-Gebiet etwa der Spinnenläufer, das ist ein Hundertfüßer mit langen Beinen – in Berlin oder München ist er meines Wissens noch nicht nachgewiesen. Der Halsbandsittich, der etwa in Wiesbaden wild lebt und auch schon an der Nidda gesichtet wurde, ist ein anderes Beispiel. Und die Nilgans, die ebenfalls über den Rhein nach Deutschland gekommen ist, ist inzwischen in Frankfurt massenhaft zu sehen, scheint aber in östlicheren Regionen Deutschlands derzeit noch seltener zu sein.

Was war Ihr schönstes Erlebnis mit einem Wildtier in der Großstadt?

LOTZKAT: Ich war vor etwa einem Monat mit einer guten Freundin im Palmengarten bei einem Jazz-Konzert, und wir saßen – wie viele – auf einer Picknickdecke. Nach dem Konzert leerte sich langsam die Wiese, wir blieben aber noch sitzen. Als es ruhig und dunkel war, hörten wir ein Rascheln – und ein sehr putziger Igel wühlte sich durch die Wiese. Später kam noch ein weiterer. Wir hatten den Eindruck, die beiden suchten gezielt nach Picknickresten.

Finden Sie das problematisch?

LOTZKAT: Nein, im menschlichen Umfeld gibt es für Igel so oder so sehr viel zu futtern. Problematisch wird das meist erst dann, wenn Tiere gezielt gefüttert werden und dadurch ihre Scheu verlieren. Dann kann es so enden wie bei aggressiven Schwänen, vor denen die Menschen beim Picknick manchmal flüchten.

Sebastian Lotzkat: Landflucht der Wildtiere. Wie Wildschwein, Waschbär, Wolf und Co. unsere Städte erobern

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