Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer
1 Kommentar

Unternehmen in Frankfurt und Rhein-Main: Warum der Brexit eine große Chance für Hessen ist

Von Der Brexit rückt näher, Frankfurt und die Rhein-Main-Region rechnen sich Chancen aus: Unternehmen sollen von London zur Ansiedlung hierher gelockt werden. Seit Juli koordiniert eine Stabsstelle die Vorbereitungen dazu, nun stellte sie ihre Arbeit vor.
Großbritannien verlässt voraussichtlich die EU, und Hessen sieht sich den Geldsäckel füllen, wenn Unternehmen aus London in die Rhein-Main-Region umsiedeln. Foto: Grafik: DuP/Brück Großbritannien verlässt voraussichtlich die EU, und Hessen sieht sich den Geldsäckel füllen, wenn Unternehmen aus London in die Rhein-Main-Region umsiedeln.
Wiesbaden. 

Wie viele Unternehmen oder Banken sich seit Ende Juni nach Ansiedlung in Hessen erkundigt haben, kann Wolf-Dieter Adlhoch gar nicht sagen. „Hunderte sind es bestimmt“, sagt der Jurist, der seit dem 18. Juli die Stabsstelle Brexit in der Wiesbadener Staatskanzlei leitet. Da sei die amerikanische Großbank, die derzeit von London aus ihr Europa-Geschäft betreibe und künftig einen neuen Standort in der EU brauche, aber auch der Automobilzulieferer, das Pharmaunternehmen oder der Konzern aus Asien.

„Wir bieten uns als Partner für Unternehmen an, die einen Europa-Hub brauchen“, sagt Adlhoch, „wir haben gute Chancen, ganz oben auf der Liste zu landen.“

Als die Briten am 23. Juni den Austritt aus der Europäischen Union beschlossen, wurde in Frankfurt über Nacht eine „Landingpage“ geschaltet, eine Willkommensseite im Internet mit Informationen und Ansprechpartnern. Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) reiste nach London, Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) führte Gespräche in Brüssel und New York.

„Das Thema Brexit ist in Hessen von besonderer Bedeutung“, betont die hessische Europaministerin Lucia Puttrich (CDU). Frankfurt sei der Finanzstandort Deutschlands, die Bankenstadt könne massiv vom Brexit profitieren. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 6000 Banker London mit dem EU-Austritt verlassen könnten, Frankfurt wäre für viele eine logische Wahl als neuer Standort. „Die haben uns alle auf der Liste“, sagt Adlhoch.

Ansprechpartner gesucht

Viele Banken entwickelten derzeit Szenarien für eine Umsiedlung und kämen mit ganz konkreten Fragen auf die Hessen zu: Gibt es freie Büroflächen, wie sehe es mit internationalen Schulen aus, welche Regularien greifen? Da würden Ansprechpartner für Genehmigungsverfahren gesucht, aber auch Fragen nach Arbeitsrecht und Aufsicht gestellt, berichtet Adlhoch. In Fragen von Wohnungen und Gewerbegebieten wolle man mit Kommunen und Kreisen im Rhein-Main-Gebiet zusammenarbeiten, derzeit würden viele Informationen gesammelt, Zahlen erhoben.

Adlhoch soll alle diese Tätigkeiten in der Staatskanzlei koordinieren, für die eigens geschaffene Stabsstelle kam der Jurist vom Baukonzern Bilfinger Berger zurück in den Staatsdienst. Die SPD-Opposition kritisiert, Adlhochs Stelle sei überflüssig und mit knapp 100 000 Euro ein teurer Versorgungsposten. Günter Rudolph, Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion: „Erst war der Brexit absolute Chefsache, um die sich der Ministerpräsident persönlich gekümmert hat. Und nun wird dafür ein nachgeordneter Versorgungsposten geschaffen, der nicht nur unnötig ist, sondern auch die Steuerzahler teuer zu stehen kommt. Die SPD-Fraktion hat bereits in den Haushaltsberatungen darauf gedrängt, die Stelle aus Kostengründen zu streichen. Wir sind der Meinung, dass in den hessischen Ministerien schon heute genügend personelle Kapazitäten brach liegen, die die Folgen des Brexits beurteilen und die entsprechenden politischen Aktivitäten koordinieren können.“

Lobby-Arbeit

Die Stabsstelle sei sinnvoll und notwendig, um die zahlreichen Aktivitäten in der Landesregierung zu bündeln, konterte Puttrich. Es gelte, Gespräche zu führen, Informationen zu koordinieren und ein „Lobbying für hessische Interessen in den unterschiedlichsten Ebenen“ zu betreiben. Hessen wolle vom Brexit profitieren, „wenn wir das nicht mit voller Intensität betreiben würden, wäre das ein nicht entschuldbarer Fehler für die Zukunft“, betonte sie.

Drei Arbeitsgruppen hat das Land eingerichtet: So wird sich im Wirtschaftsministerium um Standortmarketing sowie um die Sorgen der hessischen Unternehmen gekümmert, die nach Großbritannien exportieren. Im Finanzministerium gehe es um Fragen des Arbeitsrechts und des Steuerrechts sowie um Fragen der Aufsicht. Sie selbst führe Gespräche in Brüssel und Berlin, mit Botschaftern, Wirtschaftsvertretern und Bankern, mit Entscheidungsträgern, sagte Puttrich.

Große Konkurrenz

„Das muss nicht immer laut sein, es kann auch schaden, etwas aggressiv zu fordern“, betonte die Ministerin. Hessen werbe nicht als der schönste und attraktivste Standort, „sondern damit: Es ist logisch, funktionell und macht Sinn, hierher zu kommen.“ Denn Frankfurt ist keineswegs konkurrenzlos: Auch Paris werfe sich mit großen Werbekampagnen ins Rennen, die Iren seien ebenfalls für manche attraktiv. Frankfurt allein könne da nicht punkten, „wir müssen als Region für uns werben“, sagte Puttrich.

Dafür will Hessen demnächst auch mit Rheinland-Pfalz enger zusammenarbeiten: Auf einem baldigen Treffen wollen die Finanz- und Wirtschaftsminister beider Länder über eine intensivere Zusammenarbeit beraten. Auch Bayern wolle sie einbeziehen, sagte Puttrich. In den Gesprächen, sagt Adlhoch noch, werbe er durchaus auch mit dem Taunus und dem Rheingau: „Wir sind eine Weltstadt mit kurzen Wegen, Rhein-Main ist ein guter, lebensfähiger Kompromiss.“

Zur Startseite Mehr aus Rhein-Main & Hessen

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse