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Telemedizin: Warum die digitale Sprechstunde den normalen Arztbesuch nicht ersetzen kann

Von Die Telemedizin kann den Arztbesuch nicht ersetzen, sagen Praktiker und Verbände. Sie befürchten mehr Belastungen und die Gefahr von „kostenintensiven Doppelstrukturen“.
Telemedizin-Projekt "DocDirect" Foto: Sebastian Gollnow (dpa) Eine Ärztin sitzt vor ihrem Laptop. Bei der Telemedizin bekommen Patienten per Telefon oder Videotelefonie medizinische Beratung von niedergelassenen Ärzten.
Gießen. 

Auf dem Lande gibt es eine große Sorge, die viele Menschen umtreibt: Den drohenden Kahlschlag bei der Versorgung mit Läden, Post und vor allem Ärzten. Wenn die bewährten Landärzte, die bei älteren Patienten oft auch zu Hausbesuchen bereit waren, in den Ruhestand gehen, gibt es oft keine Nachfolger mehr. Viele junge Ärzte wollen lieber in den Ballungsräumen und/ oder Teilzeit arbeiten. Um die Versorgungslücke auszugleichen, wird jetzt immer öfter über Video-Sprechstunden diskutiert. War das bisher nur erlaubt, wenn der Arzt den Patient schon kennt, gab der Deutsche Ärztetag in Erfurt jetzt auch grünes Licht für die Video-Sprechstunde schon beim ersten Kontakt.

Auch in Hessen gefördert

Auch das Land Hessen schwimmt auf der Welle und will digitale Medizin mit einem „Kompetenzzentrum für Telemedizin und E-Health“ in Gießen fördern. Doch was sagen Hausärzte und Kassen zur Telemedizin? „Als erstes Screening ist das vielleicht geeignet. Die Telemedizin kann aber den normalen Sprechstundenbesuch nicht ersetzen“, sagt die Mainzer Hausärztin Frauke Voigtländer.

Noch skeptischer ist der Wehrheimer Hausarzt und Internist Joachim Schnell. „Ich kann mir nicht vorstellen, jemanden zu behandeln, den ich nicht kenne.“ Seiner Meinung nach würde bei Patienten durch die Video-Sprechstunde der Eindruck erweckt, man hätte jetzt noch einen schnelleren und direkteren Zugang zum Arzt. „Meine zeitliche Tätigkeit ist aber auch begrenzt“, so Schnell. Er sieht durch die Telemedizin neue Belastungen auf die Hausärzte zukommen. Außerdem ist sich der Mediziner im Unklaren, wie die haftungsrechtliche Frage bei einer telemedizinische Behandlung aussieht.

Unterstützung bekommt Schnell von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH). „Die Ressource Arzt ist begrenzt. Entweder arbeitet der Arzt in der Praxis am Patienten oder er macht eine Fernbehandlung“, sagt KVH-Sprecherin Petra Bendrich.

Sinnvolle Ergänzung

Für „den Durchbruch“ in der Versorgung, gerade in ländlichen Gebieten, hält die KVH die Videosprechstunde keinesfalls. „Wie soll der Video-Arzt bei einem kranken Patienten die Lunge mit dem Stethoskop abhören?“, fragt Bendrich. Dennoch könne die Videosprechstunde eine sinnvolle Ergänzung zur Behandlung von Patienten sein. Diese seien beispielsweise einsetzbar bei der Überwachung chronisch Kranker. Voraussetzung sei aber, dass der Patient bei dem behandelnden Arzt zuvor persönlich vorstellig war.

Katja Möhrle, Sprecherin der Landesärztekammer, stellt klar, dass der persönliche Arzt-Patienten-Kontakt trotz neuer Medien der „Goldstandard“ bleiben soll.“ Die Beschlüsse zur Fernbehandlung wurden an klare Qualitätsvorgaben geknüpft“, erläutert Möhrle. So müsse eine Fernbehandlung in ärztlichen Händen bleiben und im Rahmen der bisherigen Versorgungsstrukturen angeboten werden können. Diese Einschränkungen dienten der Patientensicherheit und richteten sich gegen „rein wirtschaftlich orientierte“ Fernbehandlungsangebote.

Auch der Medizinische Dienst der Krankenkassen in Hessen (MDK) begegnet der Telemedizin kritisch. Wenn man unter Telemedizin beispielsweise eine ferngesteuerte Patientenüberwachung (Telemonitoring) oder den schnellen elektronischen Datenaustausch (zum Beispiel von Röntgenbildern) durch die Vernetzung von Kliniken und niedergelassenen Ärzten verstehe, sei der Nutzen unbestritten.

Hilfreich bei Nachsorge

Schwieriger sei es aber, den Zustand eines Patienten „ungesehen“ zu bewerten, wenn sich die Frage nach einer akuten Erkrankung stellt, so eine Sprecherin des MDK. Durchaus Positives kann dagegen die Techniker Krankenkasse Hessen der Telemedizin abgewinnen. „Aus unserer Sicht können telemedizinische Lösungen in verschiedenen Situationen helfen“, so TK-Sprecherin Denise Jacoby. Dazu gehörten aus TK-Sicht die klassischen Vor- oder Nachsorge wie beispielsweise die Kontrolle der Wundheilung.

Ebenso gelte das für medizinische Beratung zu Impfungen oder Zweitmeinungen, wenn der Patient ein Rezept über ein nebenwirkungsarmes Medikament benötigt oder seinen Medikationsplan mit dem behandelnden Arzt besprechen muss. „Nicht zuletzt ist der Einsatz von Telemedizin bei bestimmten Therapien sinnvoll, wie Logopädie oder Psychotherapie“, so Jacoby weiter. Die Teletherapie Stottern sei zum Beispiel eine onlinebasierte Intensiv-Stottertherapie.

Auch die Landesärztekammer sieht bei der Telemedizin positive Therapiemöglichkeiten. So zum Beispiel bei Erkältungskrankheiten. Und das Thema Haftung ist auch bei der Telemedizin offenbar eindeutig geregelt. „Der Arzt haftet grundsätzlich für sein ärztliches Handeln“, sagt Ärztekammer-Sprecherin Katja Möhrle. Mitarbeit ds

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