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Mit einem Plastikkreuz fing alles an: Warum eine junge Langenerin sich am Ostersonntag taufen lassen will

Mit zehn Jahren fand Vanessa Khalifé im Keller ein Kreuz aus Plastik, etwa so groß wie ein Taschenbuch. Damals begann ihre Beziehung zu Gott. Jetzt, 19 Jahre später, wird sie sich taufen lassen und damit ein Teil der römisch-katholischen Gemeinschaft werden.
Symbolbild Symbolbild

Sie fand es im Keller. Ein Kreuz aus Plastik, etwa so groß wie ein Taschenbuch. So ein Halloweenkreuz, das im Dunkeln leuchtet. Es war wohl irgendwann zwischen zwei Kisten gerutscht. Und dort entdeckte es die zehnjährige Vanessa Khalifé. Purer Zufall. Sie kann sich nicht erinnern, was sie dort, im Haus ihrer Eltern, eigentlich gesucht hatte. Aber irgendwie gefiel ihr das Ding aus Plastik. Sie mochte die glatte Oberfläche, es fasste sich gut an. Vanessa trug es hoch in ihr Kinderzimmer, legte es unter ihr Kopfkissen. Sie kann heute nicht mehr sagen, warum sie das tat. Vielleicht Intuition. Aber damals, da ist sie sich sicher, begann ihre Beziehung zu Gott. Jetzt, 19 Jahre später, wird sie es offiziell machen. Sie wird sich am Ostersonntag, am 16. April, taufen lassen und damit ein Teil der römisch-katholischen Gemeinschaft werden.

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"Ich brauche eine führende Hand": Vanessa Khalifé.
Mit dem Entschluss zur Taufe schwimmt Vanessa gegen den Strom. 2015 sind rund 6100 Menschen im Bistum Limburg, zu dem die Wahlfrankfurterin gehören wird, aus der Kirche ausgetreten. Und es rücken immer weniger Katholiken nach.

Bundesweit werden mehr Katholiken beerdigt als getauft. Das Bistum Limburg hat zudem in den letzten Jahren traurige Berühmtheit erlangt. 2012 flogen der ehemalige Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst gemeinsam mit dem ehemaligen Generalvikar Franz Kaspar erste Klasse in die Slums nach Indien. 2014 folgte der Skandal um den 30-Millionen-Euro teuren Bischofssitz. Bis heute schieben sich die beiden dafür gegenseitig die Schuld in die Schuhe. Beide mussten ihre Posten räumen.

Und dann, seit Februar dieses Jahres, wird der Büroleiter des neuen Bischofs verdächtigt, auf seinem Dienst-PC kinderpornografisches Material gespeichert zu haben. Der Mann ist freigestellt, die Ermittlungen gegen ihn laufen. Hinzu kommt, dass viele Menschen die Einstellung des Klerus gegenüber Abtreibung und Homosexualität als rückwärtsgewandt empfinden. Kirche und Menschen scheinen voneinander so entfremdet wie noch nie.

Viele wenden sich ab

Vor allem die 20 bis 29-Jährigen, also Vanessas Altersgruppe, wenden sich von der Kirche ab und treten aus. Dass ausgerechnet die Jungen gehen, wundert Michael Thurn nicht. Er ist Pastoralreferent der Stadtkirche Frankfurt und bereitet Vanessa und die anderen Teilnehmer auf die Taufe am Ostersonntag vor. „In diesem Alter treffen die Menschen weitreichende Entscheidungen“, sagt er. Beruf, Partner, Wohnort und eben auch Konfession. Aber, so betont er, es gibt auch junge Menschen, die sich bewusst für den Eintritt in die Kirche entscheiden. Junge Menschen wie Vanessa. Sie lässt sich von den Negativ-Schlagzeilen nicht abschrecken und glaubt an das Gute in der Institution. „Schwarze Schafe gibt es überall“, sagt sie.

Die junge Frau findet es schade, dass die positiven Aspekte durch Einzelfälle in den Hintergrund treten. Schließlich täte die Kirche auch sehr viel Gutes. Am 5. März hätten sie und die anderen erwachsenen Täuflinge aus dem Bistum den neuen Bischof, Georg Bätzing, kennengelernt. Vanessa geht es um die Kirche als Gemeinschaft, als einen Ort, wo sie ihren Glauben mit anderen teilen kann. Vanessas Vater ist als Muslim geboren und kommt aus dem Libanon. Ein Land, das sowohl christlich als auch muslimisch geprägt ist.

Koran und Bibel

Anfang der 90er Jahre hat er sich in Langen als Ingenieur selbstständig gemacht. Er ist ein religiöser, ein frommer Mann, wie Vanessa sagt. Er glaubt an Gott, empfindet sich selbst aber eher als konfessionslos. Die 29-Jährige erinnert sich. Neben dem Sessel des Vaters stand ein kleines Tischchen. Auf dem lagen immer Koran und Bibel. Oft hätte er ihr aus beiden Büchern vorgelesen. Vanessa sind vor allem die Geschichten aus der Bibel in Erinnerung geblieben. Die Sache mit den Perlen und den Säuen, Matthäusevangelium 7,6. Eine Passage, in der es um Wertschätzung des Geschenkten geht. Ihre Mutter ist nicht praktizierende Protestantin. Die vier gemeinsamen Kinder sind keines von beiden.

Die Eltern wollten es ihnen freistellen ob, und welchen spirituellen Weg sie einschlagen. Wenn also die anderen Kinder in der Schule in den Religionsunterricht gingen, ging Vanessa nach Hause. Ihr hat da schon was gefehlt, sagt sie. Aber sie hätte damals nicht sagen können was. Und dann hatte sie auf einmal dieses leuchtende Kreuz, das unter dem Kopfkissen abends auf sie wartete. Es waren immer nur Gott und ich“, sagt sie. Eine junge Frau mit blond-gefärbten Haaren und kleinen Perlen in den Ohren. Es war ein Zwiegespräch, das Vanessa ganz für sich alleine haben wollte. Jeden Abend war es das gleiche Ritual: Ins Bett legen, einkuscheln und dann in der Dunkelheit das Kreuz hervorziehen und neben das Kissen schieben. Dort hat es dann in die Dunkelheit der Nacht sein schwaches, fluoreszierendes Licht abgegeben. „Ich habe Gott dann eigentlich immer nur erzählt, wie mein Tag war oder so“, sagt sie und muss lachen. Alles so banal irgendwie. So ging es einige Zeit. Eines Tages muss es wohl in der Nacht auf den Fußboden gefallen sein. Dort fand es ihr großer Bruder, als er aus irgendeinem Grund in ihr Zimmer kam. Das Ding aus billigem Plastik und mit dieser merkwürdigen, künstlichen Farbe. Sie war aufgeflogen.

Als sich die Teilnehmer des Taufkurses am 8. November 2016 zum ersten Mal in einem der vielen Seminarräume im Frankfurter Haus am Dom trafen, hatte Vanessa eine Freundin dabei. Aufgeregt war sie und auch sehr neugierig. 15 Menschen standen sich zunächst etwas verlegen gegenüber. Sehr unterschiedlich, sehr fremd. Leute, die sich im Normalfall nie begegnet wären. Um die Stimmung zu lockern, legte Kursleiter Michael Thurn viele Fotos auf den Boden des Raumes aus. Die Fotos zeigen Menschen in unterschiedlichen Situationen und Stimmungslagen. Jeder sollte das Bild wählen, das ihn am besten beschreibt. Vanessa entscheidet sich für ein Bild, auf dem zwei Menschen ausgelassen von einer Klippe ins Wasser springen. „Ich bin ein kleiner Freigeist“, sagt sie ein bisschen entschuldigend und ist deshalb der Meinung: „Ich brauche eine führende Hand.“ Das ist ein Grund, warum sie sich für den Kircheneintritt entschieden hat, ihren Glauben nun offiziell machen möchte. Der andere Grund ist ihr Verlobter Edy. Er ist maronitischer Christ, eine Variante des Katholizismus, auch er hat seine Wurzeln im Libanon. Ein gemeinsamer Glaube ist doch sinnvoll, wenn man heiraten und Kinder haben will, findet Vanessa. Auch die Kinder sollen getauft werden. Sie möchte es anders machen als die Eltern. Sie möchte ihren Kindern die Richtung vorgeben, die ihr gefehlt hat. Als Bruder Adrian das Plastikkreuz damals entdeckte, war es Vanessa erst ein bisschen peinlich. Schließlich hatte sie ihren Glauben feinsäuberlich unter ihrem Kopfkissen versteckt. Er fand es hässlich.

Ein paar Jahre später, die Familie machte Urlaub im Schwarzwald, schnitzte er mit seinem Taschenmesser der Schwester ein neues Kreuz aus zwei Holzstücken. Natürlich hatte Vanessa das gefreut. Entsorgt hat sie das Plastikkreuz trotzdem nicht. Es blieb an Ort und Stelle und teilte sich fortan den Platz. Natürlich im Geheimen.

Später, als Teenager, fuhr sie mit ihren evangelischen Freunden häufig mit auf Ferienfreizeiten. Sie hatte Spaß am gemeinsamen Singen. Dass Gott auch in der Gemeinschaft existieren kann, begriff sie damals zum ersten Mal. Aber als eines Tages der Pfarrer ihr anbot, sie evangelisch zu taufen, wollte sie nicht. Es hat sich irgendwie nicht richtig angefühlt, sagt sie und zuckt mit den Schultern, lacht. Ich weiß auch nicht.

Kurs soll Herz erreichen

Die erwachsenen Täuflinge treffen sich alle zwei Wochen von 18.30 bis 20 Uhr, fünf Monate lang. Hinzu kommen „Intensivsamstage“, an denen sie sich mit einem bestimmten Aspekt ihres neuen Glaubens beschäftigen. Das letzte Mal war Jesus dran. Der hat Vanessa sehr beeindruckt. Sein Leben, sein Handeln, alles ist so inspirierend. Jesus hat ihr das bestätigt, was sie eigentlich intuitiv immer schon gewusst hat: Gott ist auf meiner Seite.

Auch wenn das Katechumenat, der Fachbegriff für die Vorbereitung auf die Taufe, die Anwärter auch inhaltlich auf das Christsein vorbereiten soll, sind die theoretischen Teile reduziert. Die Teilnehmer lernen, wie man in der Bibel liest. Sie sind mit ihrem Gruppenleiter viel in Frankfurt unterwegs. Lernen die unterschiedlichen Kirchen während eines „Blind Dates“ mit verbunden Augen durch Tasten, Fühlen und Riechen kennen. „Der Kurs soll das Herz erreichen“, sagt Leiter Thurn. Die Teilnehmer sollen lernen, ihren Glauben auszudrücken. Wenig Theologie, wenig Exegese, viel Gefühl.

Für die Taufe hat sich Vanessa die St.-Antonius-Kirche im Frankfurter Stadtteil Rödelheim ausgesucht. Ein schöner, gotischer Bau. Dort wird sie am Ostersonntag um 9.30 Uhr vor dem Altar stehen und die Sakramente empfangen. Sie wird ein cremefarbenes Kleid mit Blumenornamenten tragen, das ihre beste Freundin ihr geschenkt hat. Und wenn der Priester mit seinem Daumen das Kreuz auf ihrer Stirn nachzieht, sie segnet und salbt, wird auch ihr Vater dabei sein. Er wird dabei sein, wenn der Priester mit seinen Händen gesegnetes Wasser aus dem Taufbecken schöpft und über Vanessas Haar fließen lässt.

Wenn sie danach mit Christus an ihrer Seite wieder aufersteht, wird er in der Kirchenbank sitzen. Er freut sich sehr, sagt Vanessa. Sie hat ihren Weg gefunden. Ihr Plastikkreuz wird nicht dabei sein. Aber vielleicht braucht sie das dann auch nicht mehr.

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