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Schule: Warum in Hessen viele angehende Lehrer lange auf einen Referendarsplatz warten müssen

Zwei junge, angehenden Lehrerinnen finden trotz guter Noten in Hessen keinen Referendarsplatz, um ihre Ausbildung abzuschließen. Als „Angestellte“ dürfen sie aber an Frankfurter Schulen unterrichten.
Pia Lörwald und Paulina Rosenkranz (links) ziehen nun nach Nordrhein-Westfalen.
Frankfurt. 

Pia Lörwald und Paulina Rosenkranz verstehen die Welt nicht mehr. Im Mai haben sie ihr 1. Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien an der Frankfurter Goethe-Universität abgeschlossen, und zwar mit einer „1 vor dem Komma“. „Doch der Numerus Clausus für unsere Fächer ist derzeit sehr hoch, so dass wir trotz guter Noten keinen Platz bekommen“, schimpft Rosenkranz. Und das finden beide sehr schade, weil sie gerne in Hessen bleiben würden.

Aber zwei Jahre möchten beide nicht warten, um ihre Ausbildung abzuschließen. „Wir haben uns in Nordrhein-Westfalen um Referendarsplätze beworben und sofort auch bekommen“, erzählt Lörwald. Sie in Minden und ihre Kollegin Rosenkranz in Hamm.

Befristete Verträge

Was für beide die Situation dennoch paradox macht, ist der Umstand, dass beide schon an Frankfurter Schulen unterrichten. Pia Lörwald an der Bergius-Schule, einer Berufsschule in Sachsenhausen, und Paulina Rosenkranz an der Liebigschule, einem Gymnasium im Stadtteil Hausen. Hier unterrichten beide in den Fächern, die sie auch studierten: Deutsch, Englisch und Erdkunde. Angeblich eine Fächer-Kombination, die auf dem „Gymnasial-Markt“ nicht an erster Stelle nachgefragt werde. „Wir haben unsere Ausbildung nicht abgeschlossen, aber wir vertreten – ausgestattet mit befristeten Angestellten-Verträgen – verbeamtete Lehrer.“, sagt Rosenkranz und versteht dabei die hessische Schulwelt nicht mehr.

Ihrer Ansicht nach sollten Hessens Schulverantwortliche einen Blick ins Nachbarland Nordrhein-Westfalen werfen. Hier gebe es ein zulassungsfreies und verkürztes Referendariat und weniger Prüfungen während dieser Ausbildungszeit.

Dieter Hintermeier, Porträt, Kommentar
Kommentar

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Hessens Kultusminister Alexander Lorz ist über die Situation der angehenden Lehrerin Lörwald informiert. In einer ausführlichen E-Mail hat sie auf ihr Schicksal aufmerksam gemacht. „Ohne das zweite Staatsexamen sind wir nichts wert und das Referendariat gehört als wesentlicher Bestandteil zur Ausbildung dazu“, schreibt sie dort.

In seinem Antwortschreiben bedauert zwar Lorz die missliche Situation von Pia Lörwald, kann ihr aber aktuell nicht weiterhelfen. Auch nach einer umfassenden Prüfung durch Mitarbeiter des Ministeriums, könne er Pia Lörwalds Einstellungswunsch, 1. November 2018, nicht „positiv beantworten“.

Im hessischen Kultusministerium verweist man auf die geltenden Regularien bei der Vergabe von Referendarsplätzen. Hier gebe nicht nur die Examensnote den Ausschlag, – diese fließe lediglich zur Hälfte in den Ranglistenplatz der Studenten ein. Sogenannte Härtepunkte, hierzu zählt beispielsweise eine Schwerbehinderung, würden mit 15 Prozent und „Wartepunkte“ mit 35 Prozent in die Rangeliste mit einfließen, so Ministeriumssprecher Stefan Löwer.

Diese Lehrer werden gesucht

Zurzeit haben nach Angaben des hessischen Kultusministeriums Grund- und Förderschullehrkräfte sehr gute Einstellungschancen. Gute Chancen hätten ebenso Berufsschullehrkräfte in den Fachrichtungen

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Unabhängig von diesen Kriterien könne auch die gewählte Fächerkombination der Studenten das Warten auf einen Referendarsplatz in die Länge ziehen. Zu solchen problematischen Fächern zählten zum Beispiel „Deutsch und Geschichte“. Vor allem der Gymnasialbereich, so Löwer, sei hiervon in erster Linie betroffen. Zum nächsten Einstellungstermin – das ist der 1. November – würden in Hessen rund 4800 Referendare ausgebildet. Auf Grund der aktuellen Situation und der gestiegenen Nachfrage nach Lehrern geht Löwer davon aus, dass in der kommenden Legislaturperiode noch 200 bis 300 neue Stellen bei den Referendaren geschaffen werden müssten.

Dass Pia Lörwald und Paulina Rosenkranz ihre Ausbildung in Nordrhein-Westfalen fortsetzen wollen, kann Birgit Koch verstehen. „Sie sollten in dem Bundesland ihre Ausbildung fortsetzen, wo sie zeitnah einen Platz bekommen. Dann hat Hessen halt geloost“, so die Vorsitzende der hessischen Lehrergewerkschaft GEW. Die Gewerkschafterin macht dem Land und dem Kultusministerium den Vorwurf, nicht genügend Referendarsplätze zur Verfügung zu stellen. „Wir bilden derzeit 2000 Lehrer jährlich aus, es müssten doppelt so viele sein“, sagt Koch. Im Kultusministerium werde „maximal bis zum nächsten Schuljahr gedacht“.

„Mobile Reserve“

Das sieht das Kultusministerium ganz anders. „Für den Lehrerbedarf ist vor allem entscheidend, wie viele Lehrkräfte jährlich ausscheiden und wie sich die Schülerzahlen in den kommenden Jahren entwickeln“, sagt Löwer. So erstelle das Ministerium mit Hilfe von Daten des Statistischen Landesamtes Prognosen über die zu erwartenden Schülerzahlen und errechne den jährlichen Bedarf. Da kurz- und mittelfristig der Bedarf an Grund-, Förderschul- und Berufsschullehrkräften auf dem momentanen Niveau bleiben werde, erhielten derzeit alle Bewerber in diesem Bereich einen Platz im Vorbereitungsdienst. Zudem werde aufgrund eines zu erwartenden höheren Bedarfs von Haupt- und Realschul-Lehrkräften derzeit die Anzahl der Ausbildungsplätze in diesem Bereich erhöht, so Löwer.

Gewerkschafterin Koch will es damit aber nicht bewenden lassen. Sie empfiehlt dem Kultusministerium, angehende Lehrer als „mobile Reserve“ einzustellen. Aber als Beamte. Und nicht mit befristeten Angestellten-Verträgen.

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