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Stadt kämpft für besseres Image: "Was, Du wohnst in Offenbach?"

Eine baulich vermurkste Innenstadt und ein nicht gerade guter Ruf: Offenbach gilt als ungeliebte kleine Schwester der Bankenmetropole Frankfurt. Bisher, denn die Stadt arbeitet an ihrem Image.
Gebäude aus verschiedenen Epochen und eine Bäckerei in Offenbach am Rande der Innenstadt im Mathildenviertel. Bilder > Foto: Frank Rumpenhorst (dpa) Gebäude aus verschiedenen Epochen und eine Bäckerei in Offenbach am Rande der Innenstadt im Mathildenviertel.
Offenbach.  "Offenbach ist eine schlimme Stadt." Das war die Reaktion des Rappers "Haftbefehl" auf den gewaltsamen Tod der Studentin Tugce vor einem Fastfood-Restaurant in seiner Geburtsstadt. Knapp ein Jahr ist der Tod Tugces her. "Haftbefehl" ist mitten in der Nachbarstadt Frankfurts aufgewachsen, in einem Viertel, in dem die Kriminalität gedieh. Mit seinen Erinnerungen bestückt Aykut Anhan, wie der Rapper mit bürgerlichen Namen heißt, seine Texte und Videos bis heute. Da geht es um Schlägereien, Waffen, Drogen und das angebliche Recht des Stärkeren auf der Straße.

Anhan hat es damit zu so viel Popularität gebracht, dass das Hochhaus, in dem er wohnte, inzwischen Teil einer Stadtführung geworden ist. «Ghetto oder Kiez?» heißt die Tour durch das Mathildenviertel im Osten Offenbachs. Sie beginnt mitten in der Stadt neben leerstehenden Läden auf einem ehemaligen Fußgängerplateau aus Beton. Es ist Teil einer Brücke, von der vor einigen Jahren große Teile kurzerhand abgesägt wurden.

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«Unten das Auto, oben der Mensch», habe zur Bauzeit des grauen Ungetüms das Ideal der autogerechten Stadt gelautet, erzählt Stadtführer Loimi Brautmann. Eine weitere Station mitten im früheren Problemviertel: ein Hinterhof mit einem riesigen türkischen Supermarkt, einer türkischen Bäckerei und einer Moschee. Nicht viel weiter feiert eine katholische Kirche jeden Sonntag eine Messe auf Deutsch und eine auf Italienisch. Schnell wird klar: Offenbach verfügt über eine immense religiöse und kulturelle Vielfalt. Das lässt sich auch an Zahlen ablesen. In Offenbach leben Menschen aus 155 Nationen zusammen - etwa die Hälfte der rund 129 500 Einwohner hat ausländische Wurzeln.

Bei der Stadtführung sind auch einige Neu-Offenbacher dabei, die allesamt wegen der steigenden Mieten in Frankfurt auf die Nachbarstadt ausgewichen sind. «Was? Du wohnst jetzt in Offenbach? Hättest Du doch was gesagt, wir hätten was für Dich tun können!», berichtet ein Zugezogener von geradezu entsetzten Reaktionen. Doch er wohne jetzt günstig auf viel größerer Fläche und freue sich über die Abwechslung, die die Stadt biete. Wurde Offenbach bisher als «Bronx des Rhein-Main-Gebiets» verschmäht, wagen immer mehr Frankfurter den Umzug in Richtung Osten.

Und die Stadt legt sich ins Zeug, um noch viel mehr, vor allem gut betuchte Einwohner zu gewinnen. Kaum ein Stadtteil, in dem gerade keine neuen Wohnhäuser hochgezogen werden. Am ehemaligen Main-Hafen entsteht ein ganzes Viertel neu - samt Kita, Schule, Supermarkt und einem Neubau der Hochschule für Gestaltung. Die Lage ist die teuerste in der Stadt. Eigentumswohnungen kosten im Schnitt 1300 Euro pro Quadratmeter mehr als an anderen Stellen. Die Lage ist so begehrt, dass sich ausgerechnet die ABG Frankfurt als erster Bauherr Flächen sicherte, um mehr als 170 Wohnungen hochzuziehen. Inzwischen ist der Hafen fast ausverkauft. «Nirgendwo sonst in Rhein-Main findet man noch eine vergleichbare Lage», begründet Stefan Kornmann vom Planungsbüro Albert Speer & Partner das Interesse der Entwickler.

In der Stadt entsteht an vielen Ecken, was im Rhein-Main-Gebiet dringend gebraucht wird: Wohnungen. Rund 1300 sind nach Angaben des Stadtplanungsamts geplant, mehrere hundert sind bereits fertig oder im Bau. Investoren profitieren von dem, was einst zum miesen Image Offenbachs und zu seinem wirtschaftlichen Niedergang beitrug: vom Strukturwandel. Denn seit die Lederindustrie verschwand, Firmen wie Rowenta, MAN Roland oder das Chemieunternehmen Allessa dichtmachten oder schrumpften, lagen etliche Flächen brach. Jetzt kaufen Entwickler die Grundstücke, um die begehrten Wohnungen zu schaffen. Hässliche Baulücken verschwinden. Die Neubürger interessiert der Schmuddelkind-Ruf der Stadt anscheinend wenig.«Das sind oft junge, urban eingestellte Leute, die Internationalität von der Uni kennen und die Brüche spannend finden», sagt Kornmann.

Mit den neuen Bürgern verändert sich nach Einschätzung der Stadt die Sozialstruktur. Die Kommune macht dies an der Zahl der Erwerbstätigen fest. Im vergangenen Jahr waren 45 000 Offenbacher sozialversicherungspflichtig beschäftigt, im Jahr 2005 waren es noch 5000 weniger. Der Anteil der Menschen, die Hilfe vom Amt brauchen, ist mit gut 18 Prozent zwar hoch, stagniert aber, wie aus dem Sozialbericht hervorgeht. Mit 91,3 Prozent liege die Kaufkraft jedoch weiterhin deutlich unter dem Mittelwert Deutschland, stellt IHK-Präsident Alfred Clouth fest.

Er bescheinigt Offenbach Potenzial. «Für Unternehmen bietet es noch jede Menge Raum für Entwicklung.» Und das im Wortsinn: eine Million Quadratmeter Gewerbeflächen sind frei. Die Kreativwirtschaft, Gründer und Kleinunternehmer sollen für neues Leben in den Gebäuden sorgen. Ein Masterplan soll festschreiben, wie sich die Wirtschaft und das Leben der Bürger in der Stadt künftig entwickeln sollen. Im Dezember werden Ergebnisse präsentiert.

Die Stadtführung ist am früheren Wohnhaus des Rappers «Haftbefehl» angekommen, der schon vor Jahren in Richtung Darmstadt weggezogen ist. Der Rasen zwischen den Hochhäusern ist gepflegt, am Fahrradständer prangt ein Schild mit der Aufschrift «Nur für Kurzzeitparker!». Die Gegend gilt immer noch nicht als fein, aber sie wandelt sich - wie die gesamte Stadt. Nur so hübsch, wie zu den Zeiten, in denen Offenbach Frankfurtern wie Johann Wolfgang von Goethe und der Bankiersfamilie Metzler als idyllischer Naherholungsort diente, wird es wohl nicht mehr werden.

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