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Zwei Syrer sollen Deutschland verlassen: "Weil er mein Freund ist" - Eine Schule kämpft gegen Abschiebung

Für eine Wiesbadener Schule ist das Thema Abschiebung plötzlich ganz aktuell: Zwei syrische Mitschüler, gut integriert, mit vielen Freunden, sollen Deutschland verlassen. Mit einer Online-Petition kämpfen die Jugendlichen dagegen.
Fadi Al-Haj (l-r) und Michelle Fink stehen am 14.06.2017 in Wiesbaden (Hessen) in ihrer Schule. Fadi, seine jüngere Schwester und seine Mutter sind seit eineinhalb Jahren in Deutschland. Sie sollen nach Griechenland zurückkehren, wo sie im Sommer 2015 ihren ersten Antrag auf Anerkennung als Flüchtlinge gestellt hatten. Foto: Andreas Arnold (dpa) Fadi Al-Haj (l-r) und Michelle Fink stehen am 14.06.2017 in Wiesbaden (Hessen) in ihrer Schule. Fadi, seine jüngere Schwester und seine Mutter sind seit eineinhalb Jahren in Deutschland. Sie sollen nach Griechenland zurückkehren, wo sie im Sommer 2015 ihren ersten Antrag auf Anerkennung als Flüchtlinge gestellt hatten.
Wiesbaden.  Fadi al-Haj lernte in der Deutsch-Intensivklasse noch Vokabeln und Grammatik, als er sich bereits voller Eifer in die Aktivitäten seiner neuen Schule stürzte. In der Sanitäts-AG übte er Erste Hilfe, mit dem Chor stand er für ein Musical auf der Bühne. Auch bei der Freiwilligen Jugendfeuerwehr packte der 16-jährige Syrer früh mit an, zeigte soziales Engagement in einer christlichen Jugendgruppe. «Ich musste doch was zu tun haben», sagt der schlanke junge Mann, der mit seinem Bartwuchs schon deutlich erwachsener wirkt als viele Altersgenossen. «Und meine Freunde habe ich dabei auch kennengelernt.»

Fadi, seine jüngere Schwester Mariam und seine Mutter sind seit eineinhalb Jahren in Deutschland. Die Jugendlichen besuchen ein Wiesbadener Gymnasium, mittlerweile im Regelunterricht. Eigentlich Musterbeispiele für eine schnelle Integration – doch vor wenigen Tagen erhielt die syrische Familie, die vor dem blutigen Konflikt in ihrer Heimat geflohen war, einen Abschiebebescheid. Sie sollen nach Griechenland zurückkehren, wo sie im Sommer 2015 ihren ersten Antrag auf Anerkennung als Flüchtlinge gestellt hatten.

Fadi versteht die Welt nicht mehr. «Die Papiere, die wir in Griechenland erhielten, sind längst abgelaufen», sagt er. Nach der Flucht übers Meer hätten sie drei Monate in Griechenland verbracht. «Wir sind da nicht zur Schule gegangen, wir haben keine Sprache gelernt», sagt der Neuntklässler. In Deutschland leben mehrere Familienangehörige schon seit Jahren, teilweise bereits mit deutschem Pass.

Günter Burkhardt, Geschäftsführer von Pro Asyl, äußert sich erstaunt über den Fall. «Dass es eine Familie treffen soll, ist schwer zu glauben», sagt er. Nach einer EU-Mitteilung vom vergangenen Dezember sollten eigentlich nur Flüchtlinge zurück geschickt werden, die nach dem 15. März diesen Jahres in die EU einreisten, aber keine «Altfälle» wie die Familie al-Haj. «Es ist absurd, dass Unterkünfte in Deutschland leer stehen und die Menschen in Griechenland auf der Straße sitzen», betont Burkhardt.

Doch noch ist es nicht so weit – nicht nur, weil die Familie al-Haj einen Anwalt einschaltete. Die Mitschüler von Fadi und Mariam am Gymnasiums am Mosbacher Berg reagierten prompt. Nur wenige Stunden, nachdem sie von der drohenden Abschiebung erfahren hatte, verfasste Michelle Fink eine Online-Petition. Die 17-Jährige hatte Fadi bei der Arbeit am Schulmusical kennengelernt.

«Wir waren alle sehr traurig und wir wollten etwas dagegen tun», sagt die junge Frau mit den langen blonden Haaren. Schon innerhalb des ersten Wochenendes kamen mehr als 2000 Unterschriften zusammen, mittlerweile sind es bald 6000.

«Wenn man etwas machen will, kann man auch etwas bewegen», ist Michelle nach ihrer ersten Erfahrung mit Netz-Aktivismus überzeugt. Die ganze Schule habe bei der Aktion an einem Strang gezogen: Die Siebtklässler, in deren Klasse Fadis Schwester Mariam geht, waren am Sonntag mit Unterschriftenlisten in der Stadt unterwegs, Lehrer teilten die Petition in ihren Facebook-Gruppen.

«Wenn so etwas bei uns passiert, dann fühlt man sich verantwortlich. Dann muss man einfach zusammenhalten», betont Michelle. Fadi sagt, für ihn und seine Familie sei diese Unterstützung unglaublich. «Das macht Mut.»

Mit ihrer Haltung stehen die Wiesbadener Schüler nicht alleine. Auf den Webseiten von Online-Petitionen lassen sich Dutzende ähnlicher Fälle aus den vergangenen Wochen und Monaten finden. Den von Abschiebung bedrohten Flüchtlingen wird damit der Rücken gestärkt.

Viele, die die Petition unterzeichnet haben, haben auch die Kommentarfunktion genutzt, um eine persönliche Stellungnahme abzugeben. «Das sind gute Menschen, die es verdient haben ihr Glück zu finden und ich habe selten gesehen, dass sich Menschen so in die Gesellschaft einbringen könne», schreibt da etwa ein Wiesbadener.

Ein Mitschüler klagt in seinem Kommentar: «Mein Kumpel soll abgeschoben werden. Das finde ich schade, da er ein guter Freund ist. Er hat sich so bemüht Deutsch zu lernen und jetzt soll alles umsonst gewesen sein? Das finde ich ungerecht». Viele Schüler können in einem einzigen Satz begründen, warum sie gegen eine Abschiebung von Fadi und Mariam sind. Immer wieder heißt es: «Weil sie zu uns gehören» oder ganz schlicht: «Weil er mein Freund ist.»

(dpa)

Hier können Sie die Online-Petition unterschreiben

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