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Körperdysmorphe Störungen: Wenn Schönheit zum Wahn wird

Von Das Gefühl, unter körperlichen Makeln zu leiden, kann krankhaft werden - Betroffenen versuchen oft mit extremen Mitteln, ihren Körper zu verändern. Die Frankfurter Psychologin Viktoria Ritter erforscht diese sogenannten körperdysmorphen Störungen. Im Interview spricht sie über obsessive Schönheits-OPs, psychisch kranke Bodybuilder - und Body Modification.
"Die Leute lassen sich operieren, aber die erhoffte Besserung bleibt aus. Also lassen sie sich wieder operieren. Und wieder, und wieder." Foto: imago Foto: imago stock&people "Die Leute lassen sich operieren, aber die erhoffte Besserung bleibt aus. Also lassen sie sich wieder operieren. Und wieder, und wieder." Foto: imago
Frau Ritter, was genau sind körperdysmoprhe Störungen?
Ritter: Die Betroffenen beschäftigen sich krankhaft mit einem oder mehreren wahrgenommenen Makeln in ihrer äußeren Erscheinung. Mit Abstand am häufigsten nehmen sie Makel im Gesicht wahr – eine große Nase, vermeintlich schlechte Zähne, ein breiter Kiefer und dergleichen. Oder sie haben ein Problem mit ihrer Haut. Die erscheint ihnen zu faltig oder zu uneben, sie glauben, dass ihre Poren zu groß sind und so weiter.

Da ist aber nichts dran?
Ritter: Für andere sind diese Makel in der Regel kaum bis gar nicht erkennbar. Menschen, die unter körperdysmorphen Störungen leiden, sind oft sogar überdurchschnittlich attraktiv. Sie haben aber dieses eine Merkmal – eingebildet oder nicht –, mit dem sie sich krankhaft beschäftigen müssen. Jeden Tag, oft stundenlang.
"Die Betroffenen schauen permanent in den Spiegel, sie versuchen, den Makel mit Kleidung oder Make-Up zu verbergen." Foto: imago
Wie äußert sich das?
Ritter: Die Betroffenen entwickeln Kontrollrituale. Sie schauen beispielsweise permanent in den Spiegel. Oder sie versuchen, den Makel mit Kleidung oder Make-Up zu verbergen. Auch mental entwickeln sie bestimmte Muster, meistens vergleichen sie sich obsessiv mit anderen. Dabei entwickeln sie Scham, Ekel, ihr Selbstwertgefühl sinkt.

Wozu kann das führen?
Ritter: Viele Betroffene verfallen in Depressionen, ziehen sich nach und nach aus ihrem sozialen Umfeld zurück. Das kann so weit gehen, dass sie ihre Wohnung nicht mehr verlassen können. Einige Betroffene sind stark suizidgefährdet. Wir wissen , dass etwa ein Viertel der unbehandelten Patienten  früher oder später versucht, sich das Leben zu nehmen; bis zu 81 Prozent haben zumindest Suizidgedanken.

Wie häufig sind körperdysmorphe Störungen?
Ritter: Wir wissen, dass 0,7 bis 2,9 Prozent der Gesamtbevölkerung im Verlauf ihres Lebens erkranken. Die Dunkelziffer dürfte allerdings viel höher sein. Häufig wird die Störung nicht erkannt – oder falsch behandelt.

Wie meinen Sie das?
Ritter: Wir wissen beispielsweise , dass viele der Betroffenenästhetisch-plastische und dermatologische  Kliniken aufsuchen, um den vermeintlichen Makel operativ verändern zu lassen. Sie gehören dort eigentlich nicht hin.
"Irgendwann haben sie so viele Behandlungen gehabt, dass sie sich fremd im eigenen Körper fühlen." Foto: imago
… weil sie unter einer körperdysmorphen Störung leiden.
Ritter: Ja. Und das wird schnell zum Teufelskreislauf: Die Leute lassen sich operieren, aber die erhoffte Besserung bleibt aus. Also lassen sie sich wieder operieren. Und wieder, und wieder.

Aber da machen die Ärzte doch nicht mit ..?
Ritter: Ein- und derselbe Arzt – nein, wahrscheinlich nicht. Aber dann wechseln die Leute halt einfach die Klinik, lassen sich woanders weiterbehandeln. Was freilich nichts ändert: Sie fühlen sich weiter schlecht. Irgendwann haben sie so viele Behandlungen gehabt, dass sie sich fremd im eigenen Körper fühlen. Was den Leidensdruck natürlich nochmal verstärkt.

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