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Nach Giftanschlägen sucht eine ganze Gemeinde den Täter: Wer ist der Baum-Mörder von Hünfelden?

Seit Jahren werden in Hünfelden bei Limburg immer wieder Bäume vergiftet. Kein Einzelfall in Hessen, wie ein Gutachter bestätigt. Nicht nur die Gemeinde fragt sich: Wer tut so etwas und warum?
Hünfelden-Dauborn: Frank Rühl zeigt: Diese 66 Jahre alte Linde im Garten seines Elternhauses, Eufinger Straße 10, in Dauborn, wurde angebort und vergiftet. Hünfelden-Dauborn: Frank Rühl zeigt: Diese 66 Jahre alte Linde im Garten seines Elternhauses, Eufinger Straße 10, in Dauborn, wurde angebort und vergiftet.
Hünfelden. 

Das erste „Opfer“ ist eine große, dreistämmige Eiche. Insgesamt sieben Löcher bohrt jemand schräg rundum in den Stamm und füllt Gift hinein. „Wir vermuten, dass es Glyphosat war“, erklärt Michael Becker, Umweltbeauftragter der Gemeinde Hünfelden im Kreis Limburg-Weilburg. Die Eiche geht ein, die Gemeinde pflanzt nach und stellt Strafanzeige gegen Unbekannt. Doch auch die jungen Bäume fallen dem Baum-Hasser zum Opfer.

Kein ungewöhnlicher Fall für Joachim Schnabel. Der Sachverständige wird vom Regierungspräsidium Kassel hinzugerufen, wenn Bäume, Hecken und Sträucher ohne erkennbare Ursache erkranken. Seit etwa zehn Jahren ist der vereidigte Gutachter tätig und stellt fest: „In den vergangenen vier bis fünf Jahren häufen sich die Fälle von Baum-Morden in Hessen.“ Bis zu 15-mal pro Jahr analysiert er im Auftrag von Polizei oder Staatsanwaltschaft, ob ein Baum vergiftet wurde. „Die tatsächliche Anzahl der Baum-Morde ist sicherlich noch sehr viel höher“, schätzt Schnabel.

10 000 Euro Schaden

„Dass man so weit geht, verstehe ich nicht“, sagt die parteilose Bürgermeisterin von Hünfelden, Silvia Scheu-Menzer. Vielleicht habe sich jemand an dem Laub gestört, mutmaßt sie. „Vermutlich werden wir nie herausfinden, was hier vor sich ging.“ Über gut zehn Jahre müssen immer wieder Bäume sterben.

Nur ein kleines Stück von der einst stattlichen Eiche entfernt, verendet eine Blutbuche. An ihrer Stelle steht heute eine Platane, der kleine Dorfplatz wird per Videokamera überwacht. „Immerhin ist seither Ruhe“, sagt Scheu-Menzer. Den rein materiellen Schaden schätzt die Bürgermeisterin auf über 10 000 Euro. Laut Schnabel gibt es verschiedene Vorgehensweisen:

Vergiftete Bäume Bild-Zoom Foto: Frank Rühl (Frank Rühl)
Neun tiefe Löcher wurden rund um den Baum angebracht.

Entweder bohren die Täter wie in Hünfelden den Stamm an und füllen einen giftigen Wirkstoff hinein. Der Baum verteilt ihn dann bis in die Äste. „So kann auch ein großes Exemplar innerhalb von vier bis sechs Wochen absterben“, erklärt der Experte.

Oder die Erde werde mit einer Koch- oder Winterstreusalzlösung gegossen. „Eine ganz fiese Sache“, sagt Schnabel. „Die Bäume vertrocknen quasi von innen.“ Wer sich auf Internetportalen umsehe, bekomme Salz meist als Mittel der Wahl vorgeschlagen.

Belohnung ausgesetzt

Tatsächlich tummeln sich im Netz regelrechte Baum-Hasser, die sich gegenseitig Tipps und Tricks liefern. Meist geht es um Nachbarschaftsstreitigkeiten. Dem Hessischen Pflanzenschutzdienst am Regierungspräsidium Gießen sind derartige Seiten bekannt. Es sei aber kaum möglich, etwas dagegen zu unternehmen, heißt es.

Die Birke von Marianne Rühl wurde schon als „Dreckschleuder“ bezeichnet. Sie steht etwas entfernt von den ersten Hünfelder „Opfern“ auf einem Privatgrundstück. Im Herbst vergangenen Jahres wird auch dieser Baum angebohrt und vergiftet. Streit mit den Nachbarn habe es nicht gegeben. „Wir haben vereinbart, dass wir die Reinigungsarbeiten zahlen, falls die Dachrinnen mal verstopfen“, erzählt Frank Rühl, der Sohn.

Die Familie hat eine Belohnung von 1000 Euro für Hinweise auf den Täter ausgesetzt. Für Rühl ist der Tod der Birke emotional schwer zu verkraften: Sie erinnert ihn an seinen verstorbenen Vater, der den Baum vor über 60 Jahren zur Geburt des Sohnes pflanzte.

Spaß am Töten

Zwar ermittelten in den Hünfelder Fällen zunächst die Polizei und später die Staatsanwaltschaft Limburg, jedoch ohne Ergebnis. Warum tötet jemand Bäume? Bei der Beantwortung dieser Frage kann auch der Psychoanalytiker Hans-Otto Thomashoff aus Wien nur spekulieren. „Zum einen gibt es die rein faktische Seite“, sagt der Psychiater. „Der Baum stört, jemand will ihn weghaben.“

Vermutlich hätten einige aber auch einfach Spaß daran, ein wehrloses Wesen zu töten, um Aufmerksamkeit zu bekommen. „Der Baum steht für etwas Großes, Starkes und Stabiles, gerade in der Eiche steckt eine Menge Symbolik“, erklärt Thomashoff.

„Sie dahinsiechen zu sehen, bedient das Machtgefühl und befriedigt die Aggression.“ Heute ist Frank Rühl 66 Jahre alt, er ist mit der Birke aufgewachsen, die den Garten prägt. Seine 88 Jahre alte Mutter wohnt in dem Haus an der Eufinger Straße. Auch sie muss schlucken, wenn sie an den Baum denkt. Denn: „Er wird ermordet“, so Rühl.

Bis zum Sommer wird sich zeigen, ob die Birke den Anschlag verkraftet hat. Werden ihre Blätter kleiner als üblich, sind das die ersten deutlichen Anzeichen dafür, dass es ihr nicht gut geht. „Wir hoffen zwar, dass der Baum überlebt, aber es sieht wohl schlecht aus“, sagt Frank Rühl. Wahrscheinlich habe die Birke das Gift schon aufgenommen.

(lhe,pp)
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