E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 21°C

Extremismus: Wer steckt hinter der Initiative „Realität Islam“?

Von „Realität Islam“ nennt sich eine Initiative gegen ein mögliches Kopftuchverbot, das deutschlandweit für sich wirbt – auch in den Fußgängerzonen der Region. Experten und der Verfassungsschutz warnen.
In diesem Haus in der Waldecker Straße in Mörfelden-Walldorf befindet sich der Sitz der umstrittenen Gruppierung „Realität Islam“.
Rüsselsheim. 

Ein Klotz aus Beton, viele Fenster, kaum ein Mensch zu sehen. In einer Sackgasse im Industriegebiet von Mörfelden-Walldorf steht ein Haus, das sonst wohl kaum einer bemerken würde. Doch von hier aus hat eine Organisation namens „Realität Islam“ in den vergangenen Wochen deutschlandweit für Aufsehen gesorgt, weil sie in Fußgängerzonen Unterschriften für eine Petition an den Deutschen Bundestag mit dem Titel „Deine Stimme gegen das Kopftuchverbot“ gesammelt hat. Auch in Rüsselsheim hat die Gruppe nach eigenen Angaben bereits für ihre Kampagne geworben.

Bild-Zoom
Wie hier in einer Fußgängerzone in Offenbach sammelte die Gruppe auch Unterschriften in Rüsselsheim und Frankfurt.

Hintergrund ist die in diesem Frühjahr angestoßene Debatte über ein mögliches Verbot von Kopftüchern für Mädchen unter 14 Jahren. Politiker in Nordrhein-Westfalen hatten dies ins Gespräch gebracht. Die Initiative aus Mörfelden sieht in einem Kopftuchverbot – wenn es ein solches geben würde – die freie Religionsausübung der Muslime eingeschränkt und ruft deshalb zum Protest auf.

„Identität bedroht“

So weit so gut. Doch Experten, wie von der Beratungsstelle „Violence Prevention Network“, warnen vor der Organisation. Und das schon seit längerem. „Realität Islam“ nutze die Ängste und Ausgrenzungserfahrungen der Muslime aus und verstärke sie, indem behauptet wird, die islamische Identität sei bedroht. Auch der hessische Verfassungsschutz beobachtet die Mörfelder Gruppe und hat mittlerweile umfangreiche Erkenntnisse zusammengetragen. Demnach wurde „Realität Islam“ im Jahr 2015 gegründet. Inhaltlich sollen die Mitglieder der islamistischen Gruppierung „Hizb ut-Tahrir“ (Partei der Berfreiung, HuT) nahestehen, die in Deutschland verboten ist. Aus Äußerungen auf der Internetseite von „Realität Islam“ lasse sich schließen, so die Verfassungsschützer, dass Mitglieder die Grundelemente der freiheitlich-demokratischen Grundordnung ablehnen. Statt dessen strebten sie nach einem Gottesstaat nach islamischen Recht. Ein „hohes islamisches Radikalisierungspotenzial“ wird „nicht ausgeschlossen“. Das engere Umfeld liege im unteren dreistelligen Bereich. Im Hinblick auf die sozialen Netzwerke sei das Mobilisierungspotenzial aber weitaus höher.

Bei näherem Hinsehen bestätigt sich das: Während Unterstützer von „Realität Islam“ in Geschäften und in den Fußgängerzonen, meist mit weißen T-Shirts und dem Aufdruck „Erhebe Deine Stimme gegen die Wertediktatur“, um jede einzelne Unterschrift werben, stößt die Gruppe im Netz auf weitaus mehr Resonanz. Bei Facebook hat „Realität Islam“ über 31 000 Follower. Über 130 000 Unterschriften haben die Mitglieder für ihre Onlinepetition gegen das Kopftuchverbot bereits gesammelt.

Workshops, Schulungen

Im Impressum der Internetseite wird als Verantwortlicher ein Raimund Hoffmann genannt, der mitunter auch den Zusatznamen Suhaib angibt. Hoffmann betreibt vom Mörfelder Standort aus auch einen Onlinehandel für Öko-Backwaren.

Vor Ort ist er für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Außer einem Briefkasten und einem Klingelschild weist dort nichts auf „Realität Islam“ in dem Gebäude hin, in dem noch der „Verband der Türkischen Kulturvereine in der EU“ sitzen soll. Außerdem eine Spedition und eine Bootsschule, deren Räume sich im ersten Stock direkt gegenüber „Realität Islam“ befinden. Dort weiß man wenig über die Nachbarn auf dem Flur. Unter der Woche sei kaum einer zu sehen, eher am Wochenende.

Der Verfassungsschutz weiß mehr. So sollen hier regelmäßig Veranstaltungen, wie Themenabende, Workshops und wöchentliche Koranschulungen statt finden. Bei der Stadt Mörfelden ist „Realität Islam“ ein Begriff, Versuche der Kontaktaufnahmen seien allerdings bisher gescheitert. In Rüsselsheim ist die Gruppe nicht bekannt, auch von einer Unterschriften-Aktion weiß man im Rathaus nichts.

Die Initiative in den Fußgängerzonen hat zuletzt viele Medien auf den Plan gerufen. Offenbar sehr zum Unmut von „Realität Islam“. Ausschließlich online nimmt man Stellung. Die Nachfragen seien oft „nicht wohlgesinnt“, heißt es dort. Statt dessen gebe es eine Reihe von Unterstellungen. Im Übrigen habe man mit den Ständen organisatorisch nichts zu tun. Sondern nur dazu aufgerufen.

Zur Startseite Mehr aus Rhein-Main & Hessen

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen