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Schulserie: Wie Eignungstests für Lehrer funktionieren

Für Schülerinnen und Schüler sind gute und engagierte Lehrer der Schlüssel zum Bildungserfolg. Doch Kritiker monieren, viele Lehrkräfte seien für ihren Beruf ungeeignet. Wissenschaftler haben Testverfahren für junge Leute entwickelt, die unterrichten wollen. Doch wie zuverlässig kann man vorhersagen, ob jemand das Zeug zu einem guten Lehrer hat? Wir stellen in unserer Serie „Schule besser machen“ Testverfahren vor und erläutern, wie Experten sie einschätzen.

Hört man sich unter Lehrern, Ausbildern und Bildungsforschern um, so hört man folgende Klage: Viele Lehrkräfte seien für ihren Beruf ungeeignet. Für unsere Serie „Schule besser machen“ haben wir in den vergangenen Wochen viele Gespräche mit Praktikern geführt. Tenor: Bei der Lehrerausbildung muss sich dringend etwas ändern. Sichert man den Gesprächspartnern Anonymität zu, ziehen sie vom Leder.

So schimpft die Konrektorin einer Grundschule: „Wären wir in der freien Wirtschaft, würden wir versuchen, 50 Prozent unseres Kollegiums loszuwerden.“ Eine Ausbilderin bemängelt: „Es werden dringend Lehrer gesucht, also wird genommen, was man bekommt. Welches Verhältnis die Leute zu Kindern und Jugendlichen haben, interessiert nicht.“

Ein Gymnasiallehrer stellt entgeistert fest: „Es gibt Kollegen, die haben immer tolle Klassen mit begeisterten Schülern. Und es gibt Kollegen, die haben immer schlimme Klassen ohne jede Begeisterung. Die fragen sich nie, woran das eigentlich liegt.“

Über die Fragen der Lehrereignung und der Ausbildung von Lehrern ist in den vergangenen Jahren viel diskutiert worden, und es hat sich einiges getan. Bildungspolitiker überlegen, wie Lehramtsstudierende besser an die Praxis herangeführt werden können. Universitäten haben sich neu aufgestellt. Ihre Fachbereiche arbeiten jetzt viel enger in der Lehrerbildung zusammen als früher.

Wissenschaftler haben neue Erkenntnisse darüber gewonnen, was gute Lehrer und was guten Unterricht ausmacht. Die Bundesregierung flankiert die Entwicklung mit einem Millionenprogramm, der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“. Alle fünf hessischen Universitäten, die Lehramtsstudiengänge anbieten, sind mit Projekten dabei. Gibt es also Hoffnung auf Besserung?

Was eine gute Lehrkraft ausmacht

Der neuseeländische Erziehungswissenschaftler John Hattie hat untersucht, was erfolgreiche Lehrkräfte und was erfolgreichen Unterricht ausmacht.

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Nicht unbedingt, sagt Norbert Seibert, Professor für Schulpädagogik an der Universität Passau. Er fordert einen verpflichtenden, persönlichkeitsorientierten Test zu Beginn eines Studiums. „Wir müssen zu Beginn des Studiums darauf achten, wer für den Lehrerberuf geeignet ist. Beispielsweise spielt für den Lehrberuf die Sozialkompetenz eine bedeutende Rolle. Die Forschung sagt: Sie sei ist nur wenig veränderbar. Ohne eine solche Prüfung wird die Qualitätsoffensive nur Geld kosten und wenig bringen.“

Seibert kritisiert, derzeit scheitere man daran, unbegabte Studenten daran zu hindern, Lehrer zu werden. Wer die Abiturprüfungen oder fachbezogenen Aufnahmetests bestehe, werde genommen, egal mit welcher Note. Dabei sei es erwiesen, dass ungeeignete Lehrer häufig an Burn-out litten, weil sie mit dem anspruchsvollen Job überfordert seien. „Das kostet den Staat Millionen“, sagt Seibert.

Sein Lehrstuhl in Passau bietet seit fast zehn Jahren einen Eignungstest für neue Studenten an. Bei „PArcours“ prüfen sechs bis acht Experten – Wissenschaftler, aber auch Lehrer – einen Tag lang mit verschiedenen Übungen, ob die jungen Leute lehrerspezifische Voraussetzungen mitbringen oder nicht. Am Ende heißt es in einem ausführlichen Gespräch: ja oder nein (mehr zum Test siehe Artikel unten).

„Die Reaktion war manchmal heftig, einige weinten“, erzählt Seibert. „Aber im Prinzip waren diejenigen, die wir als ungeeignet einstuften, erleichtert, denn sie hatten sich das sowieso schon gedacht.“ Am Studium gehindert wird nach dem Test keiner. Seibert hat die Erfahrung gemacht, dass die Studierenden, die im Test große Defizite offenbarten und keine Empfehlung für das Studium bekamen, sich schnell umorientierten, und zwar die meisten am Ende des ersten Semesters.

„PArcours“ ist für Erstsemester nicht verpflichtend. Etwa 15 Prozent der Studierenden eines Jahrgangs nehmen teil, laut Professor Seibert vor allem die Engagierten. Er schlägt vor, das Verfahren an allen deutschen Universitäten zu etablieren. „Das muss es uns wert sein.“

Studierende gut beraten

Doch ist es überhaupt möglich, eine verlässliche Prognose für 18, 19 oder 20-Jährige zu stellen? Ist es möglich vorherzusagen, ob sie das Zeug zu einem guten Lehrer haben? Dorit Bosse sagt Nein. Sie ist Professorin für Schulpädagogik und Vorsitzende des Zentrums für Lehrerbildung an der Universität Kassel. Dort hat ein Team vor zehn Jahren ein Studienelement für Erstsemester konzipiert, das für alle verpflichtend ist.

Bei BASIS (Personale Basiskompetenzen für den Lehrerberuf) liegt der Schwerpunkt darauf, dass junge Menschen sich selbst klarmachen, welche Anforderungen der Lehrerberuf stellt. Sie sollen ihre Stärken und Schwächen erkennen und daraus ihre Schlüsse ziehen.

Dabei hilft das Feedback der anderen Studenten und das von Experten. „Wir haben am Anfang gedacht, dass wir diejenigen identifizieren können, die ungeeignet für den Lehrerberuf sind“, sagt Professorin Bosse. „Aber das können wir nicht.“ Bosse erklärt, junge Menschen müssten die Chance bekomme, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Wer in dem Studienelement den Eindruck hinterlasse, mit der natürlichen Unsicherheit beim Reden vor einer Gruppe nicht umgehen zu können, der bekomme das anschließend gesagt. „Wir sind bei unseren Rückmeldungen nicht übervorsichtig“, so die Professorin. Für sie komme es darauf an, Studierende gut zu betreuen, damit diese an ihren personalen Basiskompetenzen gezielt arbeiten können.

„Das ist eine Denkfalle“

Diesen Ansatz verfolgt auch die Goethe-Universität in Frankfurt. Dort gibt es seit 2011 das Programm „Starker Start ins Studium“. Mitarbeiter beraten und unterstützen Lehramtsstudenten in den ersten vier Semestern, aber auch darüber hinaus, wenn sie wollen. Einen Test auf Lehrereignung hält Projektkoordinatorin Jette Horstmeyer für problematisch. Sie weist darauf hin, dass Experten ein und denselben Studenten oft unterschiedlich beurteilten. Daher seien unterschiedliche Perspektiven für die Selbstreflexion der Studenten so wichtig. „Außerdem ist eine Einschätzung immer eine Momentaufnahme.“

Sie bevorzugt es, Studenten zum Nachdenken anzuregen. Sie sollten sich über ihre Ziele klar werden und die Fähigkeiten erwerben, die sie als Lehrer brauchen. „Sie müssen, wie in anderen Berufen auch, die Gelegenheit bekommen, die wissenschaftlichen Grundlagen zu erarbeiten und erste berufspraktische Fähigkeiten zu sammeln“, sagt Horstmeyer.

Das Projekt „Starker Start ins Studium“ erstreckt sich über alle Fachbereiche, Ziel ist es, die erste Phase des Studiums zu verbessern. Die Wirkung der einzelnen Maßnahmen dieses Projekts auf die jungen Menschen wird von einer eigenen Abteilung überprüft, um im Projektverlauf nachbessern zu können.

Das Programm bietet Studenten Workshops an. Sie haben zum Beispiel die Möglichkeit, ein Stimm- oder ein Kommunikationstraining zu absolvieren, können erfahren, wie Lehrer ein gutes Lernklima schaffen oder auf Störungen reagieren sollten. Auch zum Thema Inklusion gibt es Workshops.

Professor Seibert hält sein System eines Auswahlverfahrens zu Beginn des Studiums für richtiger. „Vielleicht werfen wir ein oder zwei geeignete Kandidaten heraus, weil wir zu streng waren“, sagt er. „Aber jetzt lassen wir 100 Prozent nicht Geeignete zu. Das ist eine Denkfalle.“

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