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Ermittlungen: Wie die Ermittler Johannas mutmaßlichen Mörder im Herbst 1999 verpassten

Eine gravierende Fehleinschätzung hat offenbar dazu geführt, dass Rick J. nicht bereits im Herbst 1999, sondern erst 18 Jahre später wegen der Entführung, des Missbrauchs und der Tötung der achtjährigen Johanna Bohnacker verhaftet und befragt wurde. Dies ergab am gestrigen zwölften Verhandlungstag die Vernehmung von Beamten der damaligen Ermittlungsgruppe.
Tatrekonstruktion im Fall Johanna Bohnacker Foto: Boris Roessler (dpa) 18 Jahre nach dem Tod von Johanna stellten die Ermittler auch mit einem Jetta die Situation in Bobenhausen nach.
Gießen. 

Bereits in den ersten Stunden nach Johannas Verschwinden vom Sportplatz des Wetterau-Ortes Bobenhausen am 2. September 1999 hatte sich ein Zeuge gemeldet, dem auf seiner spätnachmittäglichen Fahrt von Ranstadt nach Bobenhausen ein VW Jetta mit Homburger Kennzeichen aufgefallen war – zuerst langsam fahrend auf der Straße, später auf dem zum Sportplatz führenden Radweg.

Nachdem sich, wie der damalige Leiter der Ermittlungsgruppe erläuterte, nach der erfolglosen Durchsuchung der waldreichen Umgebung Bobenhausens durch Hunderte Feuerwehrleute, THW-Angehörige und Freiwillige am Nachmittag des 3. September der Verdacht erhärtete, das Johanna keinen Unfall erlitten hatte, sondern entführt worden war, wurde die Suche nach dem VW Jetta zu einem von acht maßgeblichen Ermittlungsabschnitten. Für jeden war ein eigener Abschnittsleiter verantwortlich.

Im Verlauf der nächsten Tage stellte sich die Zeugenbeschreibung der Farbe des VW Jetta als falsch heraus. „Braun“ war in der Farbpalette des Herstellers nicht vorgesehen, wohl aber ähnlich erscheinende Farben wie „Malagarot“. Nachdem eine Befragung des Zeugen unter Hypnose keine weiteren Teile des HG-Kennzeichens zutage förderte, wurde beim Kraftfahrzeugbundesamt eine vollständige Liste der VW Jetta-Halter im Hochtaunuskreis angefordert. 598 Personen wurden überprüft – unter ihnen Rick J., bei dem nicht nur die dunkle Farbe des Wagens, sondern auch die längeren Haare (der Bobenhäuser Zeuge hatte einen Fahrer mit Pferdeschwanz beobachtet) in etwa zur vorhandenen Beschreibung passten.

Auch die Ermittlungsbeamten bearbeiteten die Spur Rick J. zunächst offensichtlich prioritär. Am 20. September 1999 fanden zeitgleich zwei Ereignisse statt: Zwei Beamte führten den Zeugen in die Tiefgarage in Friedrichsdorf, um dort den VW Jetta zu begutachten; zwei weitere Beamte in Begleitung des Ermittlungsgruppenleiters suchten Rick J. in seiner Wohnung auf, vernahmen ihn ungewöhnlicherweise bereits als Beschuldigten (warum, vermochte der Ermittlungsgruppenleiter gestern nicht zu sagen), befragten ihn zu seinem Alibi (Auffahrunfall am Nachmittag, später angeblicher Anruf bei einem Freund, am späten Abend Besuch der Freundin), und durchsuchten das in der Tiefgarage stehende Fahrzeug – ohne darin allerdings Johanna gehörende Kleidungsstücke oder Gegenstände zu finden.

Vielsagende Spur

Als die Beamten auf dem Rückweg nach Friedberg bei Rick J.’s Freundin in Rosbach vorbeischauten, um sich ihren spätabendlichen Besuch bestätigen zu lassen, hatten sie inzwischen aber wohl bereits von der Aussage des Zeugen in der Tiefgarage erfahren: Dieser hatte angegeben, der Wagen könne aufgrund der Ausstattung zwar passen, sei seiner dunkelgrünen Farbe wegen aber auszuschließen. Dies allein gab anscheinend – obwohl sich keiner der Ermittlungsbeamten gestern darauf festlegen wollte – den Ausschlag, die ansonsten so vielversprechende Spur Rick J. nicht weiter zu verfolgen.

Panne am Rande: Einer Zeugin, die den VW Jetta an der Tankstelle Nidda gesehen hatte, wurden Fotos vorgelegt. Fünf davon schloss sie aus, bei einem sechsten stellte sie Ähnlichkeit mit dem Fahrer fest, aber keine richtige Übereinstimmung. Es war ein Foto, das Rick J. mit kurzen Haaren zeigte.

Dass den Friedberger Fahndern 1999 eine solch gravierende Fehleinschätzung unterlief, ist folgenreich: für das Gerichtsverfahren, an dessen Ende infolge der nach so langer Zeit spärlichen Spurenlage wohl etliche Fragen offen bleiben werden.

Und tragisch für die Familie, der selbst der geringe Trost einer raschen Aufklärung versagt blieb; tragisch aber auch für die Beamten, die monatelange akribisch und kräftezehrend ermittelten.

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