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Adel Ibrahim Sudany: Wie ein Handschriften-Experte aus dem Irak flüchtete - und in Rheinhessen heimisch wurde

Vor zwanzig Jahren floh der Kalligraf Adel Ibrahim, genannt Sudany, vor dem Zorn Saddams aus Bagdad. Heute bringt er jungen Geflüchteten eine Kultur näher, die sie nur aus Ruinen kennen.
Foto: Christophe Braun Bilder > Foto: Christophe Braun
„Am Anfang war es schwierig“, sagt Adel Ibrahim Sudany und lächelt schwach. „Ich stand vor einer Gruppe von Kindern aus Syrien und Afghanistan und wusste nicht, was tust Du jetzt? Also habe ich sie gefragt, woran sie sich erinnern. Sie haben gesagt: Wir erinnern uns an den Krieg.“

Sudany zögert, nippt an seinem Wasser. „Aber was wünscht Ihr Euch, habe ich gefragt. Und dann haben wir versucht, den Frieden zu malen, das Glück, die Schönheit. Sie wollten gar nicht mehr aufhören. Als ich am nächsten Tag wiederkam, haben sie schon auf mich gewartet.“

Adel Ibrahim, genannt Sudany, ist Kalligraf - und noch viel mehr. Der 49-Jährige lebt seit knapp 20 Jahren in Rheinhessen, arbeitet als freier Künstler und unterrichtet an den Universitäten Frankfurt und Gießen. Seit Kurzem engagiert der gebürtige Iraker sich außerdem in der Bildungsarbeit für geflüchtete Kinder. Ein Schicksal, das Sudany selbst erlebt hat.

„Als kleiner Junge in Bagdad habe ich meinem Bruder über die Schulter geschaut“


Sudany wird 1968 in Bagdad geboren. Sein Vater engagiert sich politisch; der große Bruder ist Kalligraf. „Ich erinnere mich, dass ich ihm als kleiner Junge immer wieder bei der Arbeit über die Schultern geschaut habe“, erzählt er. „Als ich sieben wurde, hat er mir mein erstes Kalligrafie-Set geschenkt.“

Die arabische Kalligrafie entstand im siebten und achten Jahrhundert als Reaktion auf das Bilderverbot des Islam. Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie komplexer; aus einem Kunsthandwerk wurde eine spirituelle Praxis. Werdende Kalligrafen müssen acht Hauptschriften und ihre Anwendungen kennen. Manche Schriften sind hoch und schmal, andere gestaucht und bauchig. Nur, wer sie alle beherrscht, kann seinen Kunden in der bestmöglichen Weise dienen: Die optimale Gestalt, Farbe, Verzierung für einen Text finden und zu Papier bringen. „Wir malen mit Schrift“, sagt Sudany.

„Jeder hat Kalligrafie an den Wänden“


Anfang der 90er studiert Sudany an der irakischen Akademie für Kalligrafie in Bagdad. „In den arabischen Ländern ist Kalligraf ein angesehener Beruf“, erzählt er. „Jeder hat Kalligrafie an den Wänden – seien es Suren aus dem Koran oder Verse eines Dichters.“

Eine Leben als Kalligraf in Bagdad bleibt dem 24-Jährigen aber verwehrt: Gegen Ende seines Studiums bricht der Golfkrieg aus. Sudany wird eingezogen und an die saudisch-irakische Grenze geschickt, wo er an Kämpfen teilnehmen muss.

Saddam nutzt den Konflikt, um seine Herrschaft zu festigen und verstärkt seine Repressionen gegen Andersdenkende. Sudanys Vater gehört der Opposition an; die Familie muss mit Verfolgung rechnen.

Gefährliche Flucht durch den Balkan


Der junge Kalligraf kommt dem zuvor, flüchtet gegen Kriegsende über die Grenze ins benachbarte Jordanien. Dort findet er rasch Beschäftigung, spart etwas Geld an, bezahlt einen Schlepper, der ihn nach Serbien bringt - und von dort mit gefälschten spanischen Papieren nach Deutschland.

In Frankfurt angekommen, steht er vor dem Nichts: Er hat keine Papiere, spricht kein Deutsch, seine Familie ist im Irak. In dieser Zeit wird Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert – eine Spätfolge der Chemiewaffenangriffe, in die er im Golfkrieg geraten ist. „Das war schwierig“, sagt er. „Ich habe mich damals auf ganz wenige Dinge konzentriert: Ich wollte so schnell wie möglich Deutsch lernen – und ich habe meine Kalligrafie geübt, so oft ich konnte.“

Im Gegensatz zur westlichen wird in der arabischen Kalligrafie eine schräge Feder verwendet: ein im 45-Grad-Winkel abgeschnittener und geschlitzter Stift aus Bambusrohr. Jeder Kalligraf schnitzt sein Werkzeug selbst. Es gibt verschiedene Tinten: von der teuren Tusche bis zu einem billigen, aber ansehnlichen Gemisch aus altem Öl und Flüssigkleber. Die meisten Texte werden auf Papier gemalt, aber geübte Kalligrafen können auch Holz, Pergament oder Leder bearbeiten.

Erste Ausstellungen in Bonn und Mainz


Die Therapie schlägt an; nach einigen Jahren gilt Sudany als krebsfrei. Er arbeitet in verschiedenen Jobs, unter anderem in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung in Mainz, wo er seine erste Ausstellung organisiert. Wenig später wird ein Mitarbeiter des Islamrats in Bonn auf ihn aufmerksam, eine zweite Ausstellung folgt.

Nach und nach mehren sich die Anfragen, aber erst nach etlichen Jahren – 2012 – gibt Sudany seinen Hauptberuf als Grafikdesigner auf, um ausschließlich als Kalligraf zu arbeiten. Das tut er heute im Arbeitszimmer seiner Wohnung im Norden von Mainz, in der er mit seiner Frau und seinen drei kleinen Kindern lebt.

Sudany arbeitet als freier Künstler, lehrt arabische Kalligrafie an zwei hessischen Universitäten und engagiert sich in verschiedenen Bildungsprojekten.

Die Arbeit mit geflüchteten Kindern bereitet ihm besonders viel Freude: „Es ist schön, zu sehen, wie sie nach und nach aus sich herauskommen, wie sie die Buchstaben lernen und anfangen, eigene Bilder zu malen“, sagt er.

Eines der Motive, die er mit den Kindern malt, hängt über dem Schreibtisch in seinem hellen Arbeitszimmer: ein filigranes Geflecht aus Schrift, Form und Farben - die "Schönheit" des Adel Ibrahim Sudany.

"Wenn ich heute zurückblicke“, sagt er, „dann danke ich Allah dafür, dass es so gekommen ist."

Mehr Infos über Adel Ibrahim Sudany: sudany.de


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