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Erstes Mehrgenerationenhospiz Deutschlands.: Wie ein Kasseler Hospiz sterbenden Menschen das Leben verbessert

Wenn Patrick O’Connor-Close lacht, ist er sogar noch eine Etage tiefer zu hören. Und Patrick O’Connor-Close lacht viel. Der 89-Jährige verbringt seine letzten Tage im ersten Mehrgenerationenhospiz Deutschlands.
Mehrgenerationenhospiz in Kassel Bilder > Foto: Swen Pförtner (dpa) Die Pflegeleiterin der Heilhaus-Stiftung Viviane Clauss
Kassel. 

Jeden Tag um Punkt 16 Uhr kommt Helga O’Connor-Close im Mehrgenerationenhospiz in Kassel an. Fünf Kilometer ist die 90-Jährige dann mit dem eigenen Auto gefahren, um mit ihrem Mann echten englischen Tee zu trinken und ihm selbst gemachte Orangenmarmelade zu bringen.

Ihr 89-jähriger Ehemann, mit dem sie seit 64 Jahren verheiratet ist, ist querschnittsgelähmt und hat Metastasen im ganzen Körper. Als Soldat kam der Ire 1950 nach Deutschland. Seine Frau hörte ihn bei einer Parade singen und sagte einer Freundin: „Diese Stimme heirate ich.“

Zu Hause könnte die 90-Jährige ihren Mann nicht pflegen. Sie ist froh, dass sie im ersten Mehrgenerationenhospiz Deutschlands einen Platz für ihn bekommen haben. Seit sechs Wochen lebt Patrick O’Connor-Close dort. Sterben ist für ihn kein Thema. „Ich will kämpfen und wieder auf meinen Beinen stehen“, sagt er laut. „Ich gebe nicht auf.“

Er lacht laut, viel und gerne, sieht sich immer wieder die laminierten Bilder seiner Familie an und freut sich, dass so viele Pfleger für ihn da sind. Sogar ein Konzert hat der Hospiz-Gast schon im Krankenbett besucht. Von seinem Zimmer aus hat er einen freien Blick auf den Herkules im Bergpark Wilhelmshöhe. „Es ist herrlich hier, wenn die Sonne scheint“, freut er sich und zeigt nach draußen.

Mann schläft nebenan

Ganz anders, viel ruhiger, geht die 77-jährige Brunhilde Kreher mit dem Sterben um. Sie hat Bauchspeicheldrüsenkrebs, war dreimal im Krankenhaus und lebt seit drei Wochen im Hospiz. Ihr Mann übernachtet immer wieder im Zimmer neben ihr. Besuchszeiten gibt es nicht. Alles wird individuell gehandhabt. „Ich bin immer schwächer geworden.“ Für ihren Mann sei alles sehr schwierig gewesen. Erst habe er die Krankheit nicht realisiert, jetzt im Hospiz könne er endlich darüber reden.

„Es ist ein langsames Abschiednehmen“, sagt sie und erzählt, dass ihr Mann zur gemeinsamen Tochter zieht, wenn sie nicht mehr lebt. „Alles ist geregelt.“ Das macht das Sterben für Brunhilde Kreher leichter. Sie war auch schon bei einer Verabschiedung dabei. Dann wird der Sarg von Gesang begleitet durch das Haus der Mitte gefahren. „Eine ergreifende und ruhige Zeremonie“, sagt Viviane Clauss, Pflegedienstleiterin im Heilhaus. Genau das wünscht sich Brunhilde Kreher auch für sich. „Wir brauchen neue Bilder, Formen und Rituale für das Sterben“, fasst Clauss zusammen.

Das deutschlandweit erste Mehrgenerationenhospiz hat vor einem halben Jahr geöffnet. „Wir sind nicht mit voller Belegung der acht Plätze gestartet, um die Gemeinschaft mit dem Sterben und dem Tod nicht zu überfordern“, erinnert sich Clauss an die Anfangsphase zurück. Gerade in den Ferien nutzen Familien das Hospiz als stationäre Kurzzeitpflege für ihre schwerkranken Kinder, um selber Kraft zu schöpfen. Sechs Kinder haben bislang im Mehrgenerationenhospiz gelebt.

Zehn Pflegekräfte kümmern sich um die Schwerstkranken. Oft erlebt es Clauss, dass gerade Familien anfangs sehr zurückhaltend sind. „Das Abgeben und Loslassen gehört auch zur Arbeit des Kinderhospizes. Wir sind immer dann da, wenn es zu Hause nicht mehr geht.“ Inzwischen wächst das Vertrauen. So waren einige Kinder bereits zweimal zum Kurzaufenthalt im Hospiz.

Das Bewusstsein, das Sterben zum Leben dazu gehört, sei in der Gesellschaft noch nicht angekommen, sagt Clauss. „Es gibt beispielsweise Bestatter, die überrascht sind, dass der Sarg nicht schnell durch den Keller rausgebracht wird, sondern von Gesang begleitet ruhig durch den Haupteingang.“

Nicht im Minutentakt

Die Sterbe- und Begleitkultur dürfe nicht im Minutentakt abgehandelt werden, fordert auch der Vorstand der Heilhaus-Stiftung, Gerhard Paul. Der intergenerative Gedanke des Sterbens gehöre verstärkt in die Öffentlichkeit. „Das Sterben ist wie die Geburt ein Wunder“, sagt Clauss.

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