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Prozessauftakt nach brutaler Attacke: Wie in einem Horrorfilm

Die Tat erinnert an einen Horrorfilm: Ein junger Mann soll einem anderen mit Messer und Kugelschreiber das Gesicht brutal entstellt haben. Nun läuft der Prozess wegen versuchten Mordes. Allerdings ohne das Opfer – und mit einem schweigenden Angeklagten.
Hanau. 

Was bringt einen jungen Mann dazu, einem Freund grausam das Gesicht zu verstümmeln? Mit zwei Messern und einem Kugelschreiber. Mit dem Stift soll er ihm in beide Augäpfel gestochen haben. Nun ist das Opfer blind – und von diversen anderen Wunden für sein Leben gezeichnet. Das Landgericht Hanau befasst sich seit Montag mit dem Gewaltexzess. Der ereignete sich laut Staatsanwaltschaft im vergangenen Oktober in Schlüchtern (Main-Kinzig-Kreis) – und sorgte ob seiner ungewöhnlichen Brutalität für Entsetzen.

Die Vorsitzende Richterin Susanne Wetzel nennt den Vorfall zwischen den beiden Flüchtlingen zum Prozessauftakt am Montag „eine ausgesprochen brutale und bizarre Tat“. In der Anklage geht es unter anderem um versuchten Mord. Dass lediglich eine Geldschuld von 50 Euro dazu geführt haben soll, wie von der Staatsanwaltschaft angenommen, bezweifelt Wetzel. „Wir stehen völlig ratlos vor dieser Tat und dem Warum“, sagt sie. Der Angeklagte will zur Aufklärung nichts beitragen. Der 20-Jährige schweigt zu den Vorwürfen.

Ein Bild des Grauens

Die Staatsanwaltschaft skizziert hingegen ein Bild der Tat: Der Angeklagte soll den damals 18-Jährigen in dessen Wohnung besucht haben, um die Geldschuld von 50 Euro einzufordern. Als der die Tür in dem sechsstöckigen Wohnhaus öffnet, sticht ihm der mutmaßliche Täter mit zwei Messern unvermittelt in den Hals. Das Opfer geht bewusstlos zu Boden. Der Angeklagte soll ihm dann beide Ohrmuscheln abgebissen haben, ihm mit einem Messer die Augenlider abgeschnitten und mit einem Kugelschreiber in beide Augen gestochen haben. Der Notarzt berichtet als Zeuge von „zerfetzten Augenlidern“. Am Tatort wird später unter anderem ein verbogenes Besteckmesser, ein abgebrochenes Käsemesser, eine Gabel und der Kugelschreiber gefunden.

Den von einer Nachbarin wegen der Schmerzensschreie alarmierten Polizisten bietet sich in der Wohnung ein Bild des Grauens. Sie treten die Türe ein und ziehen den mutmaßlichen Täter von seinem Opfer herunter. Beim Anblick des Misshandelten habe er direkt „Gedanken an Kannibalismus und rituelle Handlungsweisen“ gehabt, sagt einer der Beamten. Nach seiner Festnahme habe der hagere Mann einen „sonderbaren Eindruck“ hinterlassen, mit „starrem Blick“ wie „in Trance“.

Das Opfer kann keinen Erklärungsansatz für den Gewaltausbruch geben. Der junge Mann fehlt zum Prozessbeginn. Nach Angaben seiner Anwältin Gabriele Berg-Ritter ist er nach medizinischer Behandlung im Krankenhaus aus einer Sehbehinderten-Einrichtung verschwunden. „Ich gehe davon aus, dass er Angst hat“, sagt die Anwältin.

„Archaische Methoden“

Dabei kennen sich Opfer und mutmaßlicher Täter recht gut. Beide sind Flüchtlinge, lernten sich in einer Flüchtlingseinrichtung in Bad Soden-Salmünster kennen. Zuletzt wohnten sie nicht weit voneinander entfernt in Schlüchtern. Sie waren seit etwa zweieinhalb Jahren befreundet. Umso erstaunlicher die Tat – selbst für Experten.

„Von solch einem Fall habe ich noch nicht gehört. Das sind schon archaische Methoden“, sagt der Wiesbadener Kriminalpsychologe Rudolf Egg. „Dass dem Opfer die Ohren abgebissen werden, wie von einem wilden Tier, wirkt fast animalisch – ein ungewöhnlicher Fall.“ Auch Egg vermutet, dass es um mehr als um Geld ging. „Womöglich hat Eifersucht eine Rolle gespielt. Denn der Täter wollte sein Opfer nicht nur verletzen, sondern entstellen. Er wollte, dass es danach hässlich und geschändet aussieht.“ Solch eine Motivation gebe es auch, wenn Täter ihre Opfer mit Säure im Gesicht verletzen.

Der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle, Martin Rettenberger, sagt in Wiesbaden: „Ein rationales Nachvollziehen dieses Gewaltexzesses ist nicht möglich.“ Auch er ist der Meinung, dass die Geldforderung dieses „extreme Ausmaß“ an Brutalität nicht erklären kann. Dieser Gewaltausbruch habe jedes erwartbare Maß überstiegen. „Das Opfer wurde zu einer Projektionsfläche für die Gewaltfantasien des Täters.“ Möglicherweise verberge sich eine intensive Kränkungsgeschichte hinter dem Fall. Alkohol und Drogen spielten offenbar keine Rolle. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatte der Angeklagte nichts getrunken oder eingenommen. Der psychiatrische Gutachter im Prozess sagt, dass der Angeklagte wegen seines Werdegangs und der Flucht eine schwere Zeit hinter sich habe. Er habe über „dunkle Gedanken“ geklagt, zur Entspannung auch mal Alkohol getrunken und Horrorfilme im Fernsehen gesehen. Doch dem jungen Mann stand alles andere als eine schlechte Zukunft bevor. Er habe seinen Hauptschulabschluss nachgemacht und eine Ausbildung als Mechatroniker begonnen. Ihm droht eine lange Haft.

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