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NS-Zeit: „Wie konnte das passieren?“

Jugendliche beschäftigen sich mit dem Leid der Zwangsarbeiterinnen im KZ-Außenlager Walldorf – und lernen so, heute gegen Diskriminierung zu kämpfen, sagt Gedenkstättenleiterin Cornelia Rühlig im Gespräch mit Redakteurin Wiebke Rannenberg.
25.09.2016: Eröffnung der Lern- und Gedenkstätte der ehemaligen KZ Aussenstelle Walldorf Foto: Marc Schüler (sportpics.de) Cornelia Rühlig ist Vorstandsvorsitzende der Margit-Horváth-Stiftung.

In der Bildungs- und Begegnungsstätte beschäftigen sich vor allem junge Menschen mit dem, was während des Nationalsozialismus passiert ist. Das ist lange her. Wieso ist das noch wichtig?

CORNELIA RÜHLIG: Es geht im Wesentlichen um eine Frage: Wie konnte ein industriell entwickeltes Land, das eine demokratische Verfassung hatte, 1933 einen Diktator wählen und diesem dann auch noch applaudieren? Wir müssen fragen: Wie konnte das passieren? Und was lernen wir und die jungen Menschen daraus für heute?

Im KZ-Außenlager am Waldrand von Walldorf waren 1700 jüdische Ungarinnen zusammengepfercht, die an der Rollbahn des Frankfurter Flughafens bauen mussten. Das Lager existierte nur drei Monate. Wieso eignet es sich dennoch für die Erinnerungsarbeit?

RÜHLIG: Weil dies für die NS-Zeit etwas typisches ist. Es gab während des Zweiten Weltkrieges über 1000 KZ-Außenstellen, zudem Millionen von Zwangsarbeitern – die Entwürdigung und das Leid dieser Menschen waren zu sehen. Hier in Walldorf waren die Forstarbeiter im Wald, Passanten gingen direkt am Lagerzaun entlang zum Flughafen. Sie haben die abgemagerten und verelendeten Frauen in ihren viel zu dünnen Sommerkleidern im Herbst und Winter 1944 gesehen – und kaum etwas dagegen getan. Einzelne haben ihnen ein Brot gegeben. Darüber erschrecken die jungen Menschen noch heute. Und sie fragen: Wie war die Bevölkerung in der Lage, das auszuhalten?

Warum fragen sie sich das heute?

RÜHLIG: Weil das, was damals möglich war, auch heute möglich ist. Deshalb machen sich die jungen Menschen Gedanken darüber, wie sie sich verhalten hätten. Und wie sie heute reagieren, wenn Minderheiten ausgegrenzt werden, zum Beispiel Sinti und Roma in vielen Ländern wie Rumänien, Polen, Ungarn und auch in Deutschland. Die Auseinandersetzung damit ist die Grundlage dafür, Respekt vor der Würde aller Menschen zu entwickeln und gegen Diskriminierung und Rassismus zu kämpfen.

Funktioniert das? Beschäftigen sich die Jugendlichen über die Seminare hinaus mit Menschenwürde und Diskriminierung?

RÜHLIG: Viele internationale Gruppen bleiben über soziale Netzwerke in Kontakt und berichten sich über Entwicklungen in ihren Ländern wie Ukraine, Polen oder Deutschland.

Geht es in den Seminaren auch um Rechtsextremismus und rechte Bewegungen heute in Europa?

RÜHLIG: Bisher haben wir das nicht ausdrücklich im Seminarprogramm. Aber in den Diskussionen gehören rechte Strömungen, die die jungen Menschen in ihren Ländern erleben, dazu. Kürzlich waren wir zum Beispiel mit einer internationalen Gruppe in Polen. Natürlich sprachen wir über den Nationalismus der polnischen Regierung, die Diskriminierung der Homosexuellen und über moderne Formen des Antisemitismus. Teilnehmer aus den Niederlanden wurden zu Geert Wilders und seinen Formen von Rechtspopulismus befragt.

Sie sagen, in Walldorf konnten alle die misshandelten Frauen sehen. War das eine Ausnahme, dass die Brutalität so öffentlich war?

RÜHLIG: Da können wir gleich auf den Beginn der NS-Zeit schauen. Bereits am 1. April 1933 standen SA-Trupps vor den Läden deutscher jüdischer Geschäftsleute und forderten massiv zum Boykott auf, auch auf der Frankfurter Zeil. Die Menschen schauten zu. Genauso 1938 in der Reichspogromnacht. Die Nazis zündeten nicht nur die Synagogen an, sondern sie drangen auch in unzählige private Wohnungen ein, zerstörten Mobiliar, verhafteten Mitbürger – ohne das die Nachbarn etwas taten gegen diese fundamentale Verletzung bürgerlicher Rechte. Auch wenn man heute Menschen fragt, die den Krieg erlebt haben, berichten sie von schrecklichen Bombennächten, der Rationierung der Lebensmittel und der Angst um Väter und Söhne. Aber über die Millionen von Zwangsarbeitern in ihrer Nachbarschaft, in fast jedem Handwerksbetrieb, auf den Bauernhöfen und in den Fabriken sprechen sie nur auf Nachfrage.

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