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Verkehr: Wiesbaden: Bis 2022 Schadstoff-frei

Es klingt wie eine Vision aus der Zukunft: Als erste Stadt bundesweit will Wiesbaden seinen kompletten Öffentlichen Nahverkehr auf Elektrobetrieb umstellen. Wir haben nachgefragt: Wie will die Stadt das schaffen?
Krach und Abgase: Damit soll in der Landeshauptstadt so schnell wie möglich Schluss sein.
Wiesbaden. 

Saubere Busse, ohne Emissionen schnurren durch Wiesbaden, die Elektrofahrzeuge surren nur leise, Krach und Abgase gehören der Vergangenheit an. Was wie eine Vision klingt – in fünf Jahren soll das in der hessischen Landeshauptstadt Wirklichkeit sein. „Wir haben uns vorgenommen, bis 2022 den ÖPNV vollständig emissionsfrei zu betreiben“, sagt Frank Gäfgen, seit Januar Geschäftsführer der ESWE-Verkehrsgesellschaft.

Ein Baustein dafür ist die neue Citybahn. Wie die Stadt Wiesbaden gestern mitteilte, wurde dafür vergangene Woche die City-Bahn GmbH notariell gegründet. Ein zweiter Baustein ist eine komplette E-Bus-Flotte. Die Aufgabe ist gigantisch: 220 Busse fahren derzeit in Wiesbaden, keine einzige Stadt in Deutschland hat sich bisher an ein Mammutprojekt dieser Größe getraut. „Wir werden jedes Jahr 55 Fahrzeuge beschaffen“, sagt Gäfgen, als wäre es das Normalste der Welt.

Komplett neu

Eine europaweite Ausschreibung werde es geben, dazu ein komplettes neues Betriebs- und Verkehrskonzept samt Personalschulung. „Wir müssen die Fahrzeuge dann nach Energiezustand einsetzen, das wird einen Paradigmenwechsel geben“, sagt Gäfgen: „Das ist eine super Sache, das macht richtig Spaß.“

Der Grund für den Paradigmenwechsel in Wiesbaden. „Wir haben einfach dicke Luft, und wir müssen etwas tun“, sagt Gäfgen. Seit Jahren reißt die Kurstadt am Taunusrand die Grenzwerte in Sachen Stickoxide, wie viele Städte.

Und wie rund 20 Städte bundesweit klagt auch in Wiesbaden die Deutsche Umwelthilfe vor Gericht auf Einhaltung der Grenzwerte – auch hier drohen Diesel-Fahrverbote. Und beim ADFC-Fahrradklimaindex landete man gerade auf dem letzten Platz – die Stadt erstickt in Pkw- und Busverkehr. Eine Lösung habe hergemusst, sagt Gäfgen, es gehe ja auch um die Lebensqualität und um die Qualität der Kurstadt Wiesbaden. „Es gibt überhaupt keine Alternative, als genau in diese Richtung zu gehen“, betont er – für einen E-Bus allein, brauche man ohnehin die Infrastruktur mit Ladestationen. Dann, sagten sie in Wiesbaden, „können wir es auch gleich ganz machen.“

Der Trick dabei: Zwar gebe es richtig viele Fördertöpfe für E-Mobilität, „aber an die geht ja keiner ran“, sagt Gäfgen. So werde Wiesbaden nun den Großteil der Landes-Fördermittel abschöpfen, ein Letter of Intent des Landes zur Förderung von 110 Bussen liege bereits vor. Gefördert würden 40 Prozent der Differenzsumme bei der Anschaffung zwischen einem Dieselbus und einem E-Bus: 250 000 bis 300 000 Euro koste in etwa ein Dieselbus, ein E-Bus hingegen runde 480 000 Euro, sagt Gäfgen.

Neben der Absichtserklärung des Landes liege der ESWE zudem schon ein Zuwendungsbescheid vom Bund vor: 35 Fahrzeuge inklusive Infrastruktur. „Das umfasst auch Werkstatt und Personalschulung“, sagt Gäfgen, geschätzte 44 Millionen Euro blieben damit wohl an der Stadt Wiesbaden hängen. Dass die Stadtverordnetenversammlung das Geld bewilligt, daran hat Gäfgen keinen Zweifel. „Wir beschaffen ja sowieso regelmäßig zwischen 12 und 18 Busse pro Jahr“, sagt er. Wiesbaden habe deshalb auch eine sehr moderne Busflotte, diese Altfahrzeuge könne man dann wiederum gut verkaufen. „Da kriegen wir auch einen ordentlichen Batzen Geld rein“, sagt Gäfgen, „wenn sie damit hingegen in fünf oder sechs Jahren anfangen, wird der Dieselbus an Wert verloren haben.“

Studie soll helfen

Und so könne Wiesbaden gerade davon profitieren, der Erste zu sein: „Ich könnte mir vorstellen, dass andere Städte nachziehen“, sagt Gäfgen – handele Wiesbaden jetzt, könne man sich Produktionskapazitäten der Elektro-Bus-Hersteller sichern. „Ab 2020 wird bei den meisten Herstellern die Serienfertigung einsetzen“, sagt er, „wenn nächstes Jahr oder so andere Städte auch aufwachen, könnte es enger werden.“

Hingegen könne ja auch für den E-Bus-Hersteller, der die Ausschreibung für die Wiesbadener Flotte gewinne, das ein Referenzprojekt sein. Eine Machbarkeitsstudie soll der Stadt bei der Umsetzung helfen, der Betriebshof in Stadtmitte zum idealen Aufladeort der Busse werden, die zudem ausschließlich mit Naturstrom geladen werden sollen.

Warum also scheint in Wiesbaden zu gehen, was woanders für unüberwindbar gehalten wird? „Es ist einfach eine Frage der Prioritätensetzung“, sagt Gäfgen, „wir haben einfach den Mut, diese Vision, dieses ambitionierte Projekt umzusetzen.“

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