Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Nach Übergriffen in der Silvesternacht: «Wir werden überrannt» - Selbstverteidigungskurse nach Köln gefragt

Die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln haben Frauen auch andernorts verunsichert. Anbieter von Selbstverteidigungskursen merken das. Ein Offenbacher Verein etwa spricht von einer sprunghaft gestiegenen Nachfrage. Ähnliches sagt der Hessische Karate-Verband.
Melanie Althoff und Lukas Weber vom Falkenstein Jiu-Jitsu-Verein führten die Jugendlichen in die Kunst der Selbstverteidigung ein.	Foto: juba Melanie Althoff und Lukas Weber vom Falkenstein Jiu-Jitsu-Verein führten die Jugendlichen in die Kunst der Selbstverteidigung ein. Foto: juba
Offenbach.  Die Hände des Angreifers packen, ruckartig aufziehen, nach vorne oben treten. Möglichst gleichzeitig, und den Tritt möglichst fest. Die Regeln, die Beate Bechmann bei ihrem Selbstverteidigungstraining weitergibt, sollen einfach sein und jederzeit anwendbar - auch für Frauen, damit sie sich im Notfall selbst gegen einen viel stärkeren und größeren Mann behaupten können.

Wie entkomme ich einem Würgegriff? Was mache ich, wenn mich jemand an den Haaren oder am Arm packt? Und mich umstößt und sich auf mich setzt? In den Frauenkursen, die Bechmann seit zehn Jahren anbietet, geht es um Situationen, die niemand erleben will. Was die 54-Jährige zeigen will: «Wenn Du Dich wehrst oder auch erst mal nur laut schreist, dann bist Du kein Opfer mehr, sondern ein Gegner.» Auch Pfefferspray spielt im Training eine Rolle.

Seit den Berichten über die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln ist die Nachfrage nach Selbstverteidigungskursen bei dem Verein mit Sitz in Offenbach stark angestiegen. Statt wie normalerweise Anfang Januar rund 30 seien es jetzt schon rund 60 Anfragen. «Wir werden ein Extra-Frauenseminar anbieten, weil das nächste regulär geplante schon voll ist», sagt die Trainerin. «Wir werden überrannt zur Zeit.»

Zwar gibt es keine landesweiten, genauen Zahlen zum gestiegenen Interesse an Selbstverteidigungskursen. Doch das Beispiel aus Offenbach ist kein Einzelfall. Auch der Hessische Fachverband für Karate etwa verzeichnet schon seit Monaten eine wachsende Nachfrage - bei Frauen und Männern, wie Patrick Schrod vom Verband sagt. «Generell haben viele Bürger ein gesteigertes Interesse nach Kampfsportarten». Ihr Ziel: «Die Steigerung des eigenen Selbstbewusstseins und des damit verbundenen sicheren Auftretens.»

Tobias Dauner vom Verein Taekwondo Dojang in Frankfurt sagt, die meisten Frauen, die eine Bedrohungssituation verspürten, meldeten sich nicht im Sportverein an, sondern nutzen erstmal Einführungstage und Kurse. Besonders gefragt seien unter anderem Ju Jutsu oder Wing Chun. Ju-Jutsu Meister Gregor Koriander aus Geisenheim sagt: «Ich erwarte, dass die Anfragen steigen.»

Die Methode, die Bechmann in Offenbach Frauen und Männern beibringt, wurde vom israelischen Militär entwickelt und heißt «Krav Maga», auf deutsch «Kontaktkampf». Dabei handele es sich nicht um einen Kampfsport, sagt die Trainerin: «Wir üben Techniken, die wir auf der Straße anwenden können, in Stresssituationen, wenn wir auf einen stärkeren Gegner treffen, der nicht unserer Gewichtsklasse entspricht.»

Außerhalb der Seminare üben Männer und Frauen zusammen. Eine Teilnehmerin, die 41-jährige Ayse aus Frankfurt, berichtet, sie sei seit vier Jahren dabei. «Ich fühle mich jetzt sicherer, weil ich weiß, was ich im Ernstfall tun könnte.» Teilnehmerin Marion sagt, ihr gebe es Sicherheit, wenn sie merke, dass sie Techniken lerne, die sie automatisch und ohne lange nachzudenken anwenden könne.

Die Geschehnisse von Köln sind auch beim abendlichen Training in Offenbach Thema. Ginge es überhaupt als Frau, einer größeren Männergruppe zu entkommen, will eine Teilnehmerin wissen. Im Gegensatz zu Situationen mit nur einem Angreifer seien die Möglichkeiten in so einem Fall begrenzt, erklärt Bechmann. Das wären sie auch für einen Mann. Dennoch gelte, die Schockstarre zu überwinden und sich mit allen Mitteln zu wehren, um fliehen zu können: «Die Chance, die es gibt, ist das Überraschende - nämlich zu zeigen, dass Du es nicht mit Dir machen lässt.»

(dpa)

Zur Startseite Mehr aus Rhein-Main & Hessen

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse