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"Wir wollen eine Schule der Vielfalt"

Die Bildungspolitik erregt die Gemüter in Hessen wie kein anderes Thema. Über Schulkonzepte, Wahlprogramme und ideologische Grabenkämpfe sprach unsere Mitarbeiterin Gisela Kirschstein mit der bildungspolitischen Sprecherin der SPD-Fraktion im Landtag, Heike Habermann.
Frankfurt. 

Heike Habermann: Die Frage steht überhaupt nicht zur Debatte. Im Moment haben wir den Dezember 2012, und da erarbeiten wir das Bildungsprogramm, das die SPD im Dezember 2013 hoffentlich umsetzen kann. Wir verwenden jede Anstrengung darauf, unsere Inhalte publik zu machen und zu diskutieren. Wir haben einen harten Wahlkampf vor uns.

Hart ist auch die Auseinandersetzung um das verkürzte Abitur. Heute wird der Landtag eine Wahlfreiheit zwischen G 8 und G 9 beschließen. Zufrieden?

Habermann: Was die Regierungskoalition jetzt eingebracht hat, ist zunächst einmal eine Reaktion darauf, dass man im Wahlkampf das Thema fürchtet. Es führt aber nicht dazu, dass Eltern frei wählen können, sie können nur zuschauen, welche Schulen sich für G 8 und welche sich für G 9 entscheiden. Wir wollen dagegen die echte Wahlfreiheit für Eltern und Schüler. G 8 hat ja zu einem enormen Stress bei den Kindern geführt. Umfragen bei Grundschul-Eltern zeigen eindeutig, dass sich zwischen 85 und 90 Prozent ein G 9-Angebot für ihre Kinder wünschen.

Glauben Sie denn, dass die Schulen wirklich in Massen zu G 9 zurückkehren werden?

Habermann: Man muss ganz deutlich sagen: Die Schulen werden mit dem Prozedere überfordert. Bis zur vergangenen Woche stand zum Teil noch nicht einmal fest, welche Schritte die Schulen unternehmen müssen, um überhaupt zu G 9 zurückzukehren. Und die Schulen müssen ja auch Konzepte für die Rückkehr entwickeln. Ich nehme wahr, dass sich offenbar sehr, sehr viele Schulen für G 9 entscheiden wollen. Ich gehe aber davon aus, dass viele erst ein Jahr später zu G 9 zurückkehren werden, weil einfach die Zeit zu knapp ist.

Was würde die SPD denn nun anders machen?

Habermann: Wir haben immer gesagt, eine Schulzeitverkürzung sollte individuell stattfinden. Jedes Kind lernt unterschiedlich und hat ein anderes Lerntempo. Das möchten wir in der Schule berücksichtigt haben. Eine Schulzeitverkürzung für alle á la CDU ist Zwangsbeglückung. Eine Schulzeitverkürzung individuell organisiert, zum Beispiel in der Oberstufe, so wie die SPD es fordert, ist der richtige Weg und garantiert die Wahlfreiheit für die Schüler.

Das heißt, Sie wollen die Mittelstufe bei sechs Jahren lassen?

Habermann: Ja, wir wollen, dass die Mittelstufe in der Regel sechsjährig ist. Wir wollen aber auch Schülern, die schneller als andere lernen, ermöglichen, ihren Weg in kürzerer Zeit zu gehen. Dafür wollen wir vor allem eine flexibilisierte und modularisierte Oberstufe. Dort kann man dann Kurse jahrgangsübergreifend anbieten, so dass die Schüler selbst entscheiden können, ob sie die Oberstufe in zwei, drei oder sogar vier Jahren machen wollen, und wie sie sich ihren Lernstoff einteilen. Bis zum Abitur würde man dann eine bestimmte Anzahl von Punkten oder Unterrichtseinheiten nachweisen müssen. Solche Modelle sind auch für die Mittelstufe möglich.

Wie könnte das dann aussehen?

Habermann: Ich kann mir vorstellen, dass man gerade in der 10. Klasse eine Art Scharnierfunktion entwickelt, bei der manche Schüler zum Teil schon an Kursen der Oberstufe teilnehmen, aber noch Verbindung zur Mittelstufe haben. Das ist übrigens keine Erfindung der SPD, sondern schon Realität in anderen Ländern – zum Beispiel in Finnland. In Baden-Württemberg wird zurzeit ein Modell einer flexiblen Oberstufe erarbeitet. Für uns ist entscheidend: Schule muss sich an der Entwicklung des Kindes orientieren, und nicht umgekehrt.

CDU und FDP haben gerade wieder im Landtag der SPD vorgeworfen, sie wollten alle Schüler in eine Schule stecken, und damit "Gleichmacherei" und Niveauverlust herbeiführen.

Habermann: Das ist doch Einfalt – und wir reden von Vielfalt. Wer sich mit unserem Schulkonzept auseinandersetzt, sieht, dass wir weder einen Zwang zu einem einheitlichen Schulkonzept wollen, noch eine Schule, die vereinheitlicht – ganz im Gegenteil: Jeder Schüler ist anders, hat verschiedene Begabungen und Fähigkeiten, und wir hätten gerne, dass Schule es möglich macht, auch Kinder unterschiedlicher Fähigkeiten gemeinsam zu unterrichten.

Heißt das denn, dass alle Schüler auf eine Schule gehen sollen?

Habermann: In unserem Gesetzesentwurf von 2010 steht schon ganz klar drin: Die Gymnasien bleiben unangetastet. Wir sehen aber, dass derzeit weniger als drei Prozent der Eltern ihre Kinder auf eine Hauptschule schicken, sie wird einfach nicht mehr angewählt. Deshalb gehen wir davon aus, dass es in näherer Zukunft keine Hauptschulen mehr geben wird. Wir machen daher das Angebot, dass Schulen als Gemeinschaftsschule arbeiten können und Kinder unterschiedlicher Begabungen möglichst lange gemeinsam unterrichten, in einer Ganztagsschule.

Das gibt es ja bereits – in den Integrierten Gesamtschulen (IGS). Die erfreuen sich bei den Eltern aber nur mäßiger Beliebtheit . ..

Habermann: Das ist ein Irrtum, die Zahl der Schüler an IGSen hat in Hessen sogar zugenommen. Die Landesregierung hat gerade seit 2008 erstmals wieder neue IGS-Schulen zugelassen. Wir finden: Auch hier soll der Elternwille entscheiden. Unsere Gemeinschaftsschule soll aber eine Weiterentwicklung sein. Es soll auch ein Gymnasium nach diesem Prinzip arbeiten und etwa sagen können, ich nehme alle meine Schüler bis zu einem ersten Abschluss mit und verzichte auf Sitzenbleiben.

Damit wären wir dann wieder bei dem Vorwurf: kein Sitzenbleiben = kein Leistungsdruck = sinkendes Niveau. . .

Habermann: Es gibt keine Studie die das belegt, es gibt aber sehr viele Berichte darüber, dass Sitzenbleiben zu Schulversagen führt, zu Leistungsverweigerung durch die Schüler und dazu, dass sich Kinder abkoppeln. Wenn ich jeden nach seinen Begabungen fördern will, beinhaltet das auch die Förderung von Hochbegabten. Ganz wesentlich sind dabei die Bedingungen für die Schule, also wie groß sind die Klassen und habe ich zusätzliches Personal, das die Lehrkräfte bei der Arbeit unterstützt.

Wie bewerten Sie die flexible Eingangsstufe?

Habermann: Die gibt es ja schon seit Ende der 90er Jahre als Modell. Mehr als 100 Gruppen gibt es davon schon an den rund 1100 hessischen Grundschulen. Wir wollen Gruppen von maximal 22 Kindern und zusätzliche Sozialpädagogen mit im Unterricht, um Kinder individueller fördern zu können. Wir haben ein Programm aufgestellt, das vorsieht, dass alle Grundschulen innerhalb von fünf Jahren diesen Weg gehen können.

Und wie wollen Sie das finanzieren?

Habermann: Wir gehen davon aus, dass mit der sukzessiven Einführung dieser flexiblen Eingangsstufe Vorlaufkurse und Vorbereitungsklassen wegfallen können. Diese Ressourcen würden wir in die Eingangsstufe einfließen lassen.

Und es gäbe dann zwei Einschulungstermine?

Habermann: Die stehen jetzt schon im Schulgesetz, und wir werden die nicht jeder Schule verordnen. Aber wir wollen dazu ermutigen, dass Schulen davon auch verstärkt Gebrauch machen – und ein Kind dann in die Schule aufnehmen, wenn es sechs Jahre alt ist. Wenn sich Schule an das Kind anpassen soll, dann sollte man dem Kind auch ermöglichen, von diesem Alter an in der Schule mitzuarbeiten und gefördert zu werden. Wir halten das für ein sinnvolles Angebot, aber entscheiden soll das die Schule im Rahmen ihres Konzeptes.

In Hessen wird Bildungspolitik sehr ideologisiert diskutiert, wie wollen Sie aus diesen Grabenkämpfen herauskommen?

Habermann: Das sind doch Kampfbegriffe vonseiten der CDU, die gehen bei uns ins Leere.

Haben Sie Vorbilder in Sachen Bildungspolitik?

Habermann: Wir haben uns auch in anderen Ländern umgeschaut. Großbritannien hat ein gut ausgebildetes System selbstständiger Schulen, da kann man viel Lernen. Finnland hat ein System aufgebaut, das in der Mittelstufe und der Oberstufe sehr individuelle Lernzeiten zulässt. Es gibt andere Länder, die haben ein sehr gut ausgebautes Vorschulsystem, aber man kann nicht einfach Rezepte übernehmen.

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